Zur Psychologie des Theaterpublikums

Warum lacht das Theaterpublikum bei tragischen Stücken? Ich habe unzählige Male erlebt, dass an gewissen Stellen im Drama gelacht wird. Der Dichter hat das nicht gewollt, aber das Publikum macht sich ein kleines Extravergnügen. Und wenn das auf dem zweiten Rang häufiger geschieht als im Parkett, so ist daran nicht das Maß von Kunstverständnis schuld, sondern das von den Parkettmenschen gern befolgte Prinzip, in der Öffentlichkeit keine Gefühle laut werden zu lassen. Man kann nie wissen … Also: warum lacht das Publikum bei tragischen Stücken? Laßt uns sondieren: zunächst, wann lacht es? Grundsatz: 1. es lacht bei Kontrasten, 2. es lacht bei gewissen harmlosen, ohne Gegensatz hingestellten Worten und Gedankengängen (die noch zu untersuchen sind).
Was den ersten Fall angeht: jeder humoristische Effekt im Theater (jeder Humor überhaupt) beruht auf irgendeinem Gegensatz. Das Publikum, dies instinktiv fühlend, aber auch verkennend, belacht nunmehr jeden Gegensatz als Humor. Sagt einer zu seinem Bruder: »Fritz, willst du mir das Geld geben?« Und der antwortet gedehnt: »Jaa«, und dann macht er eine kleine Pause und sagt, ruhig: »Ich gebe es dir nicht«, dann lacht das Publikum, weil es gar nicht begreift, dass es nicht auf den Gegensatz ankommt, sondern auf die Charakterisierung des Bruders. Worauf wir zum zweiten Teil und zum Hauptpunkt kommen.
Das Publikum lacht über herausgegriffene Worte und Ideenkombinationen, weil es sie in anderem trivalem Zusammenhang gehört hat und sie nun wiedererkennt – und Wiedersehen macht Freude. Und wenn es sich um einen Mord handelt: das Wort »Schwiegermutter« ist allemal eine Quelle unbändigen Vergnügens. Die Tatsache, dass ein 90jähriger Mann zum siebenten Mal heiratet, und zwar seine erste Frau, wird mit freudigem Hallo begrüßt. Und so gibt es hundert Beispiele. Sie haben aber alle einen gemeinsamen Grund: das Publikum glaubt (und wenn das Stück in bürgerlich-modernem Milieu spielt, erst recht), es habe das Recht, sich nach seinem Belieben Fetzen aus einem Drama herauszureißen. Wenn jemand einen faulen Witz macht, so lacht es über den Witz, statt zu beachten, dass auch dieser Witz nur ein Mittel zur Charakteristik ist. Der Dichter soll analysieren, das Publikum die Analyse als ein Ganzes begreifen. Einzelzüge sind eine schöne Sache, aber man muß wissen, dass es Einzelzüge sind.
Es steht noch recht schlecht um diese Dinge; und es ist kein so großer Unterschied zwischen unserem Publikum und dem englischen, das schon grinst, wenn in einem Drama ein Blinder einen Stuhl umwirft. Tragen die Schauspieler Kostüme einer vergangenen Epoche, so traut sich dieses Lachen nicht so recht hervor: ein Panzer verhüllt Hohlheiten, und für Tausende bedeuten Tiradengeschrei, Gesten und weiße Gewänder Tragik. Tragik im bürgerlichen Milieu reizt sie durch Äußerlichkeiten zum Lachen. Und sie wissen nie, wie grotesk ernst sie in ihren kleinen Zimmern die Dinge des täglichen Daseins nehmen.

Im Jahr 1913

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