Wozu haben wir einen Reichstag?

»Herr Schlesinger! Herr Schlesinger!
Wir haben Konkurs anmelden müssen!
Sie haben auch Geld verloren:
270000 M. 45 Pfennig!«
»Wieviel Pfennig?«

Der Hauptausschuß des Reichstages berät augenblicklich den Fünf-Milliarden-Etat der Hunderttausend-Mann-Reichswehr. Die Beratung geht so vor sich, dass sich bei jedem Posten schüchtern ein Volksvertreter erhebt, leise eine Kleinigkeit an den Millionen zu bemängeln wagt – und dann erhebt sich in voller Kriegsbemalung einer der Generale mit den alten kaiserlichen Abzeichen, wickelt den Laien ein: Bewilligt. Der nächste Posten …
Man hat einige kleine Abstriche vorgenommen. Man hat ein paar von den 125 Obersten gestrichen, man hat hier ein bißchen reduziert und da ein bißchen weggenommen, man hat sogar einmal die Kosten für Waffen und Heeresgerät um 65 Millionen verringert … Bewilligt wurden: Pferde, Seelsorger, Heeresanwälte, Brieftauben, Musiker und Stellen, Stellen, Stellen.
Man glaube nicht, dass es an einer Opposition gemangelt hat. Herr Stücklen von der Mehrheitssozialdemokratie machte den revolutionären Vorschlag, für den Titel Oberintendantursekretär die Bezeichnung Verwaltungssekretär einzuführen. Aber schließlich haben wir keinen Bolschewismus in Preußen.
Wozu haben wir einen Reichstag? Ist das Verantwortlichkeitsgefühl der Volksvertreter so klein, dass keine Mehrheit fühlt, wie hier mit den Steuergroschen des Volkes Schindluder getrieben wird? Dieser Etat ist kein Etat. Er ist ein Skandal.
Der Abgeordnete Bolz vom Zentrum bezeichnet das Reichswehrministerium mit Recht als eine typische Überorganisation. Und dann wird bewilligt.
Ist keiner da, der fühlt, wie alle diese Sprüche der Militärs über die Notwendigkeit von Heeresämtern, von Waffenämtern, über die Notwendigkeit »zweier Vizeadmirale für die Stationskommandos der Ostund Nordsee, eines dritten Vizeadmirals für die schwimmenden Streitkräfte, zweier Amtschefs in der Marineleitung, eines zweiten Kontreadmirals als Unterführer für Linienschiffe und Kreuzerverband« – dass dieses ganze Gerede ein lächerlicher Unfug und eine Verschleierung der Offizierskreise für ihr Bestreben ist, sich und den Kameraden Posten zu verschaffen? Ist keiner da, der das fühlt?
Wie ein Vampir lastet diese Armee auf dem bankrotten Lande. In Hennigsdorf kann die AEG sofort 3000 Arbeiter einstellen, wenn sie bis Ostern 1921 150 Wohnungen auf dem Gelände des Artilleriedepots Niederneuendorf bekommt. Das Reichswehrministerium antwortet: »Solange noch eine Granate auf dem Platze liegt, können Gelände und Gebäude für Wohnungszwecke nicht hergegeben werden.« Und die Granate wird, solange Platzkommandanten ihren Posten lieben, nicht abgeholt werden.
Was ist diese Reichswehr? Eine Pensionsanstalt? Vereinigung zur Pflege des Rennsports? Eine Aktenmaschine, die nur Arbeit in sich leistet? Ein Kriegerverein? Mehr und schlimmer als all dieses. Sie ist ein kulturelles Unglück für Deutschland und kostet jährlich fünf Milliarden Mark. Wer zahlt das? Du und ich.
Es geht ja nicht darum, dass diese deutsche Heeresleitung es wagt, noch im Jahre 1919 Eiserne Kreuze Erster Klasse »für Tüchtigkeit vor dem Feinde« zu verleihen (der Feind: das sind deutsche Landsleute); es geht nicht darum, dass ein Kappist wie der General von Hülsen befördert wird; es geht nicht darum, dass diese gerissenen Militärpolitiker die Streichung einiger Offiziersstellen mit der Sabotage von Mannschaftsbeförderungen beantworten; nicht darum handelt es sich, dass auch das Volk, der Arbeiter, nach vollbrachtem Lebenswerk nicht »befördert«, sondern höchstens mit einer Rente abgefunden wird, deren jährlicher Betrag nicht hinreicht, um auch nur ein Dienstpferd der Generalstabler zu bezahlen –: das haben wir alles gewußt.
Aber wir glaubten bisher, es gäbe in diesem nachrevolutionären Reichstag immerhin soviel Männer von Verantwortungsgefühl und Kenntnis der deutschen Finanznot, dass sich eine Mehrheit, gleichviel auf welcher Grundlage, zusammenfindet, die da sagt:
Wir lehnen den Etat des Reichswehrministeriums ab. Er stellt eine sinnlose und ungeheuerliche Verschwendung des Volksvermögens zugunsten einiger tausend Offiziere und Beamten dar, er ist undurchsichtig, und er ist sachlich nicht gerechtfertigt. Dieses Heer kommt niemals vor einen Feind. Eine Polizeitruppe benötigt all diese Einrichtungen nicht, die schon eine Etappenarmee im feindlichen Lande unnötig belästigen würden. All diese Aufstellungen, all diese Ämter und Dienststellen, all diese Chefs und Leiter des ganzen Spiels mit protzenden Fachausdrücken, die dem bewilligenden Laien imponieren sollen, all das ist Humbug. Die Arbeit des Hunderttausend-Mann-Heeres nach außen hin ist gering und nicht sehr belangvoll. Die Offiziersgehälter sind eine Art Arbeitslosenunterstützung, der Verwaltungsapparat eine Pensionsversorgung, die bunt angemalte Wichtigkeit Schwindel. Hier wird gelogen.
Ist eine solche Mehrheit im Reichstag nicht möglich? Wozu haben wir ihn denn? Lohnt die Arbeit im Haus mit dem goldenen Dach, wenn der Hauptausschuß wie ein Dreimännerskat wirkt, den ein General, ein braver Bürger und ein leise tadelnder Bürger spielen, während die anderen kiebitzen?
Es ist keine Frage der politischen Stellung zum Heer. Es ist eine Frage der deutschen Lebenshaltung. Jetzt, in diesen Wochen, wird für die verelendeten Kinder der Großstädte gesammelt. Aber hier liegt das Geld auf der Straße, es liegt in den Kasernen! Wie vielen armen Familien könnte geholfen werden, wenn diese viertausend Offiziere und ihr überflüssiger Apparat das Land nicht aussaugten!
Wozu haben wir den Reichstag? Auf den Reichswehrminister setzen wir längst keine Hoffnung mehr. Er ist eine Puppe, mit der der Chef der Heeresleitung, Herr v. Seeckt, spielt.
Das Plenum des deutschen Reichstages trägt die Verantwortung für das, was kommt. Das Land ist nah an der finanziellen Verelendung. Haben wir Deutsche heute fünf Milliarden für Kindereien übrig?

Unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel im Jahr 1920