Wo bleiben deine Steuern? II

Wir haben hier voriges Mal betrachtet, welchen Anteil die Reichswehr an ihrem Fünfmilliardenetat hat. Stolz weht die Flagge Schwarz-Weiß-Rot auch über der Verschwendungssucht der königlich republikanischen Marine. Die Marine hat eine Haushaltsstärke von 14920 Köpfen. Diese 14000 Leute werden von 1111 Beamten verwaltet, so dass also auf je 14 Mann ein Schreiber kommt. Der allgemeine Werftbetrieb der Marine ist mit 78283480 M. veranschlagt. Die Kosten für die Admiralität (die der Heeresleitung entspricht) betragen allein 9124965 M., also annähernd ein Neuntel des Werftbetriebes. Man muß aber sehen, was es da alles gibt: die paar Schiffe, die man uns gelassen hat, haben immerhin noch acht Kontreadmirale, drei Vizeadmirale und was sich alles in der Admiralität herumdrückt, ist nicht zu sagen.
Der Chef der Admiralität hat für geheime Ausgaben einen schwarzen Fonds von 50000 M. Welches Kap zum guten Spitzel umsegelt er damit? Die sogenannte geistige Wohlfahrtspflege verschlingt 865125 M. Man muß die Klagen aus den Seegarnisonen und Hafenstädten kennen, um den tiefen Abstand, der zwischen Zivil- und Marineoffizieren herrscht, zu ermessen. Rechnet euch aus, in welchem Sinne die Gelder für den neuen vaterländischen Unterricht verwandt werden!
Der Gesamtetat für die Marine von 15000 Mann beträgt 513530086 M., also über eine halbe Milliarde.
Bei diesen Betrachtungen ist die Existenz der noch immer bestehenden Heeresabwicklungsstellen nicht berücksichtigt. Die kosten den Staat abermals Hunderte von Millionen.
Die Ehrfurcht des Deutschen vor jedem behördlichen Apparat ist riesengroß. Zweifellos halten alle diese unformierten und chargierten Arbeitslosen eine gewisse Dienstzeit ein: Der Bureaukrat tut seine Pflicht … Sicherlich tun diese Oberkriegsgerichtssekretäre, Vermessungsdirigenten, Oberstabsapotheker, Nachrichtenoffiziere, Ministerialräte – sicherlich tun diese alle irgend etwas.
Aber es ist eine Arbeit in sich. Einer gibt immer dem andern zu schreiben, und was dabei herauskommt, ist ziemlich dürftig.
Der Tatbestand ist der: Die Entente hat dem Lande ein Heer von 100000 Mann gelassen, das eine rein repräsentative Rolle spielt. Für die internationale Kriegsführung ist Deutschland (offiziell) entwaffnet. Für die Aufrechterhaltung der Verfassung nach innen ist dieses Heer wie jedes Heer nur für kleine Störungen von links zu verwerten, denn wenn eine große Welle das ganze Volk erfaßt und es der Wille des ganzen Volkes ist, zu stürzen und zu ändern, so wird ein solches Heer mit Recht als nebensächlich weggespült. Und wenn der Putsch von rechts kommt, wird dieses Heer auch keinen Widerstand leisten. Es wird entweder kräftig mitwirken oder sich auf den Boden der »gegebenen Tatsachen« stellen.
Und diese Institution kostet den schuldenüberladenen Staat augenblicklich fünf Milliarden Mark jährlich.
Für einen gewandten Verwaltungsbeamten – und weiter sind diese Soldaten heute nichts – ist nichts einfacher, als die Notwendigkeit jeder einzelnen Stelle schriftlich ausführlich zu begründen. Das besagt gar nichts. Der Versorgungswunsch ist der Vater all dieser Ämter, und wenn man keine Arbeit hat, dann macht man sich welche. Der Etat wäre allenfalls für eine schlagfertige Armee eines bedrohten Landes verständlich – heute ist er nichts als der Schrei von hunderttausend Mann (und ganz besonders ihrer Offiziere) nach Versorgung.
Es ist eine Herzenssache, die hier abgehandelt wird. Verhätschelt im Kriege, überzahlt, mit Spiritus und Butter getränkt, von den Frauen und den Reklamationsbedürftigen überlaufen, können sich diese Kasinogötter und Etappengötzen ihr Leben nicht mehr anders vorstellen als so: bei einem Minimum von wirklicher nutzbringender Arbeit mit einem Maximum staatlichen Einkommens erhalten zu werden. Es sind bunte Drohnen.
Es sind aber auch gefährliche Drohnen. Das Militär hat sich, erzogen durch eine jahrhundertealte Tradition, einmal geschlagen, und dann wieder aufgemuntert durch Gustav Noske, an eine Vormachtsstellung in Deutschland gewöhnt. Man stelle sich nur einmal vor, dass irgendeine andere öffentliche Einrichtung zum allgemeinen Besten – wie etwa das Unfallwesen oder die viel wichtigere Feuerwehr – so viel von ihrer Arbeit hermacht wie diese wenigen Soldaten. Was leisten sie denn? Dafür, dass sie ein ungestörtes Wachtstubenleben führen, aufgeschreckt nur durch die Schikanen ihrer Vorgesetzten und durch die Angst, einmal ihre Stelle zu verlieren, werden sie sinnlos überzahlt. Dazu kommt, dass sie ihr Amt mißbrauchen.
Es ist nicht Sache des Militärs, den deutschen Geist zu pflegen, denn das sind zwei unüberbrückbare Gegensätze. Es ist aber ganz gewiß unehrlich, wenn ein Teil dieser Reichswehroffiziere, nach wie vor stramm wilhelminisch gesinnt, von der Republik Geld nimmt, um einen dreimal verfluchten preußischen Geist in den Kasernen zu konservieren. Drängen diese bezahlten Republikaner nicht alle heraus, die wirklich demokratisch sind? Wie wird der republikanische Führerbund bedrückt! Der Reichswirtschaftsverband deutscher Berufssoldaten klagt und klagt – denn an einer straffen berufsständischen Vertretung der Soldaten ist den Offizieren nichts gelegen.
Laßt euch nicht von dem schnurrenden Apparat der Dienstautomobile, der Aktenschränke, der Exerzierplätze, der Werftanlagen betäuben! Hier wird keine für das Staatswohl irgendwie beträchtliche Arbeit geleistet. Hier ist nichts als eine schwammige, aufgeplusterte Masse von interessierten Reaktionären. Und wer bezahlt sie?
Und da findet sich keine Mehrheit von gescheiten Politikern im Reichstag, die einen solchen Unfug glatt ablehnt? Da ist die Angst vor roten Armeen so groß, dass jede, aber auch jede sinnlose Verschwendung bei diesem Steuerelend glatt durchgeht? Das Geld ist herausgeworfen: denn wir haben keinen Nutzen davon. Das Geld ist schlecht angewandt: denn die republikanische Wehrmacht entwickelt sich langsam zum nationalen Kriegerverein.
Bedenkt, dass demgegenüber das ungeheuerliche Elend der Kriegsverletzten steht, die bei voller Erwerbsunfähigkeit 2000 M. jährlich weniger bekommen als ein unverheirateter Reichswehrsoldat – bedenkt die verzweifelten Kämpfe der hungernden Hinterbliebenen, die sie mit den Versorgungsämtern um jeden Groschen führen müssen. Mit den Versorgungsämtern, wo entlassene Offiziere der kaiserlichen Armee, zu Regierungsräten befördert, hocken und alles Interesse daran haben, ihre Arbeit in die Länge zu ziehen, damit sie desto länger im Besitz ihrer Stellen bleiben. Bedenkt, dass dieser Fünfmilliardenetat von einem bankerotten Volke aufgebracht werden soll und dass sich um Lohnerhöhungen der Arbeiter die bittersten und schlimmsten Kämpfe abspielen. Die da streiken nicht. Die sind unverwüstlich. Wenn wirklich einmal Philipp Scheidemann, dessen Parteifreund Gustav Noske unter Zustimmung der Rechtssozialisten dieses neue System begründet, heraufbeschworen und geduldet hat, die Haltung der kostspieligen Reichswehr im Reichstag bemängelt, hört sich das Herr Seeckt (denn Herr Geßler zählt nicht) von der Loge aus mit glattem Dienstgesicht an, fährt mit seinen Leuten im Auto nach der Bendlerstraße zurück und weiß: Er hat nichts zu befürchten.
Denn unbeugsam, festgewurzelt, unverändert und unerschütterlich ruht im Herzen dieses Volkes und seiner Vertreter die Liebe zur bunten Macht, die Liebe zu »Unserm Militär«!

Unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel im Jahr 1920

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