Wir hätten sollen …

Alexander Moszkowski hat einmal die Gefühle einer Familie nach der großen Sommerreise geschildert; in dieser Schilderung begannen alle Sätze mit den Worten: »Wir hätten sollen … – Wir hätten sollen schon am Freitag abreisen – wir hätten sollen über den Brenner fahren – wir hätten sollen nicht den großen Koffer mitnehmen« – und es hörte auf: »Wir hätten sollen überhaupt zu Hause bleiben!« –
Wir hätten sollen … das ist ein nachdenkliches Wort. Wenn ich es auf meinem Gedankenklavier, der Schreibmaschine anschlage, klingt es lange nach – es ist fast wie ein Thema, das mit vielen Variationen gespielt werden kann. Wir hätten sollen …
Als wir selbdritt, Karlchen, Jakopp und ich, aus Rumänien herauffuhren, damals, als der große Krieg liquidiert wurde, kamen wir eines Nachts durch die ungarische Station Szolnog. Da gabelten sich die Wege: man konnte über Budapest an die Panke fahren, oder aber über Böhmen. Was nun? In Böhmen, verlautete es, herrsche Aufstand und Rebellion, der andre Weg war nicht sichrer … Wir fuhren über Pest und kamen richtig nach Hause. Aber von all dem Randal, den Rotweinnächten im Coupé, dem jungen rumänischen Offizier, der aussah wie ein berliner Barschieber, den vielen bunten Schnäpsen im großen Bad in Pest, von Salzburg nach München – von all dem hat Karlchen nichts behalten. Sehe ich ihn heute, dann nickt er schwermütig mit dem Kopf und sagt vorwurfsvoll: »Wir hätten doch sollen in Szolnog umsteigen!«
Hätten wir wirklich? Wäre dann alles anders gekommen? Es gibt ja Leute, die behaupten, ihr ganzes Leben wäre anders verlaufen, wenn sie in Szolnog umgestiegen wären – und es sind dieselben Leute, die hinterher, wenn alles vorbei ist, furchtbar schlau sind, und uns erzählen, wie man es hätte machen müssen, aber leider nicht gemacht hat, und wie alles gekommen wäre, wenn …
Ich glaube diesen Leuten nicht so recht. Ich werde das leise Mißtrauen nicht los, dass das eine böse Gabe ist, hinterher die ›Lage zu spannen‹, hinterher zu wissen, wie es hätte gemacht werden müssen – man lernt doch nichts daraus.
Wir hätten sollen … Einmal ging ich mit Augusten aus, es war ein schöner Sonnabendabend, sie trug ihr gutes Kleid, verhältnismäßig neue Stiefel und sah furchtbar fein aus. Ich traute mich gar nicht, Du zu ihr zu sagen … Und wir gingen auf den besten Platz, der im ganzen Theater zu haben war, Proszeniumsloge links – das Theater lag in der Großen Frankfurter Straße – und es wurde gespielt: ›Doppelt geschändet‹ oder ›Die Liebe des Freimaurers‹. Es war schrecklich aufregend. Auguste unterbrach das Spiel mit passenden Bemerkungen, und es bedurfte meiner ganzen Geschicklichkeit, einen Hinauswurf zu vermeiden. Der Held wurde in eine Art Kohlenkasten gelegt, der an diesem Abend als Sarg auftrat, die Heldin mischte sich in die Freimaurersitzung, wo lauter ernste Männer nicht Skat kloppten, sondern unheimliche Formeln beteten, weil der Held in diese Innung aufgenommen werden sollte, der Souffleur flüsterte vor lauter Feierlichkeit so leise, dass die Schauspieler stecken blieben – und Auguste schneuzte sich ergriffen in mein Taschentuch. Und als alles fertig war, die Schürzung des Knotens, und die Katastrophe und das Finale mit den beiden Paaren und den erschütterten Statisten und dem Applaus und dem Auf und Ab am Vorhang – da sagte ich: »Na?« – Und Auguste sprach: »Wir hätten doch sollen in den ›Jäger von Kurpfalz‹ gehen!« – Frauen sind selten dankbar.
Wir hätten doch sollen … Es gibt Leute, die sprechen am Ende einer jahrzehntelangen Ehe so, und es gibt welche, die sagen es vor sich hin, wenn sie einen folgenschweren Entschluß ausgesprochen haben, den sie vorher so genau erwogen hatten. Nach einer Reise sagt man es immer, und nach einer unterlassenen freundlichen Leichtsinnigkeit sehr häufig. Ganz kann man es sich nie verkneifen.
Es ist eine ganze Philosophie, dieses ›Wir hätten sollen … ‹ – Und es ist eine billige, eine unterhaltsame, und eine nicht zu widerlegende Philosophie. Klappt nicht alles ganz wundervoll, wenn man es sich hinterher ausdenkt? Den Weg rechts ist man gegangen, und es hat Schwierigkeiten gegeben und Kummer und arge Enttäuschung. Aber den Weg links, den man hätte gehen sollen, das war ein glatter Weg! – Und lieblich schweifen die Gedanken ab, dorthin, wo alles nach unserm Willen läuft, ohne Hemmungen und Katastrophen – der hätte keine Hürden gehabt, der Weg, der wäre geradezu ins Ziel gegangen.
Wir hätten doch sollen … Manchmal ist es auch ein Stachel im Fleisch, ja, es gibt Frauen, die einen ganzen Igel aus diesem Wort machen können. Es war alles sehr schön: wir andern haben roten Wein getrunken und getanzt, und ein kleines bißchen geküßt – was eben so grade in eine unbewachte Minute hereinging – und Hallo gemacht. »Na, Mama, wie wars?« – »Es war ganz hübsch, mein Junge. Aber ich habe mich zu sehr geärgert: Papa hat sich ein Sahnenschnitzel bestellt, und nachher sah ich auf der Karte, dass es noch ein andres, billigeres Schnitzel gab … Zwei Mark herausgeworfen … Er hätte doch sollen … !« – Aber es muß gesagt werden, dass es auch unter den Männern solche Frauen gibt. Einmal fuhren wir über die ungarisch-rumänische Grenze, nach Orsova. Vom Alkohol will ich gar nicht reden, um mir das Herz nicht schwer zu machen – aber es war herrlich. Der Oberleutnant hatte nicht genug ungarisches Geld mit, gab seine rumänischen Lei-Noten in Zahlung, wurde selbstverständlich übervorteilt, und wir schoben ab. Auf dem Rückweg fuhren wir durch die hohe Pappelallee – grün und matt ausgestirnt spannte sich der Himmel darüber hin, die Berge verdämmerten und in der Ferne blitzten die Lichter der Stadt. Unten rauschte die Donau, die man hören konnte, wenn einmal der Kutscher die Pferde verschnaufen ließ. Wir schwiegen. Und auf dem Bock saß, wütend, leise murmelnd, böse und durchaus beleidigt, der Oberleutnant und haderte mit den Leuten, die ihm ein Agio abgenommen hatten … ein Agio –! Und er blies auf einer großen Trompete das alte, herrliche Lied: »Wir hätten sollen … !« – Und verdarb sich den ganzen schönen Abend.
Vergeblich sagt sich der Weise den Spruch auf, den ein alter Feldwebel auf einem Porzellanteller in Goldmalerei über seinem Arbeitstisch aufgehängt hatte: ›Wie mans macht, ists falsch!‹ – Das ist kein Trost. Einem obstinaten Baß gleich, wie ein immer unruhvoll arbeitendes Thema rollt und rumort es unablässig in der Tiefe: ›Wir hätten sollen!‹ – Wir hätten sollen den Burschen ordentlich anschnauzen! Wir hätten sollen ihr ein paar Blumen schicken! Wir hätten sollen die Rechnung lieber nicht bezahlen! Wir hätten sollen sagen, das Kind ist nicht von uns! Und, schließlich, ganz und gar unzufrieden und rigoros aufräumend: Wir hätten sollen als Kinoschauspieler auf die Welt gekommen sein! –
Wir hätten sollen … . Und das alte faltige Gesicht Schopenhauers taucht auf, bärbeißig, mit den alles durchdringenden Augen und grimmig noch, wenn es lachte: »Ihr hättet sollen! Narren! Hättet ihr denn können?« –
Wir nicken. Wir haben die Traktate über die Freiheit des Willens wohl gelesen und wissen, dass das Wasser nur sprudelt, wenn es den Berg herunterläuft, dass es nur schneit, wenn es kalt ist, dass die Auerhähne nur balzen, wenn ihre Zeit ist – wir wissens wohl.
Und dennoch, dennoch … Ist alles vorbei, dann klopft etwas im Innern an, unser Gesicht verdüstert sich, und nach Glück, Unglück, Geburt und Tod sagt eine leise Stimme: »Wir hätten doch sollen … !«

Unter dem Pseudonym Peter Panter im Jahr 1919

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