Was wäre, wenn … ? (Briefbeilage)

Im Mai 1914 kritzelte ich diesen Titel in mein Notizbuch – ich wollte eine Phantasie schreiben, wie es aussähe, wenn ein Krieg ausbräche. Das glaubst Du wohl nicht, aber es ist doch gewißlich wahr; es war Zufall (wenn Du willst, kannst Dus auch Ahnung nennen), ich hatte keinen Schimmer von politischem Instinkt und wußte auch gar nichts; es war ein Einfall, aber schade, man hätte davon hinterher viel Freude gehabt.
Nun, heute ist es schon wesentlich leichter, den Titel da oben auf den Frieden anzuwenden; wir haben ja bereits einen Kommissar für Übergangswirtschaft und Demobilisationsoffiziere, und was so in jedem Lande der Kriegführenden getan wird, der Vorsicht halber. Aber wie wird das, zum Beispiel, literarisch enden? Was wäre, wenn … ?
Auf Frieden reimt sich viel. (Siehe Steputats ›Reimlexikon‹, Seite – ich habe meines noch nicht aufgeschnitten, aber dann wirds wohl sein müssen.) Und man wird sehr viel darauf reimen. Alle werden darauf reimen. (Leider auch Gerhart Hauptmann.) Rudolf Herzog in der ›Woche‹ mit einer unsagbaren Zeichnung, Ludwig Thoma im ›Simplicissimus‹ mit einer sehr hübschen Zeichnung (und wenn das letzte Jahr nicht gewesen wäre, hätte man das gerne gesehen); wem Ullstein die zweihundert Mark zukommen lassen wird, ist noch nicht heraus. Aus Prag her wird der dortige liebe Gott, dieses Weltenwunder an weicher Güte, die Hände segnend über die reklamierte Erde strecken und sprechen: »Habe ichs nicht gleich gesagt? Ja, es ist schon ein Paradeis hienieden, und alles, alles ist gut!« Und die ältesten Chefredakteure werden die jungen Dichter zur Verzweiflung bringen, weil sie – lächelnd, schmunzelnd, und in freundlicher Erinnerung an dunnemals, als sie noch jung waren oder doch wenigstens so taten – weil sie diesmal denn doch selbst zur Feder greifen werden, um dem Frieden aber mal ordentlich eins auszuwischen. Und alle Leitartikel an jenem Tage werden mit einem ganz kurzen Satz anfangen: »Wir stehen am Ende.« Es wird Allegorien und Symbole regnen: ich denke nur an Palmen, Täubchen, die Pflugschar (ich glaube, dieses Wort ist nur für diese Gelegenheit erfunden), eine hehre Frau in weißem Gewande – es wird sehr fein zugehen. Und jeder wird sich mit der gepumpten Größe des geschichtlichen Ereignisses nach der Melodie schmücken: Wißt ihr noch, wie lange ihr an den Friedensschlüssen der drei peloponnesischen Kriege gepaukt habt? An so einem komplizierten Ding dürft ihr nun selbst teilnehmen, und ich verkünde es euch. »Ja«, werden dann die Leute sagen, »Friede ist, der Mann hat recht, noch ein Gedicht!«
Und man wird die neu entdeckten feldgrauen Lyriker hören, weil die’s doch wissen müssen, und Mäxchen Jungnickel – den kennst Du nicht, das ist auch nicht nötig; hast Du mal das Zeug gegessen, das man so in alten Zeiten an den Weihnachtsbaum hängte? ja, das ganz süße – Jungnickel wird ein Lebkuchenmärchen auf den Frieden dichten, und die andern werden in markigen Rhythmen ihrer Muse kommandieren: »Das Gewehr – ab!« Und es wird ein ganz gemeiner Griff werden …
Und die ›Illustrierte Zeitung‹ wird auf der ersten Seite den Einzug der Truppen durchs Brandenburger Tor abgebildet bringen, und ich habe die Schriftleitungen – mußt Du bei dem Wort auch immer an
›Wasserleitung‹ denken? ich auch – heimlich im Verdacht, dass alle Lokalberichte und Gedichte bereits fix und fertig vorliegen, und kaum ist der Friede da – wupp, heraus mit euerm Flederwisch!
Und Ganghofer – schrieb ich schon von Ganghofer? Also dass der ›Lokalanzeiger‹ den Frieden inter-viewen läßt und beim Nachschreiben kleine Fehler unterlaufen, und dass die Tante ›Voß‹ eine Beilage bauen wird: Was wünschen wir dem jungen Frieden? (wenn ich Friede wäre, ich kehrte glatt um) – das ist ja selbstverständlich … aber Ganghofer!
Stell Dir vor, sie graben Dir das Wasser ab. Nun, Du bist ein Mädchen, Du kannst Dir das vielleicht nicht so vorstellen; also dann denk Dir, alle Deine Felle seien weggeschwommen. Auch nicht? Na, dann imaginier Dir, wie das ist, wenn Ganghofer keine Kriegsberichterstatterartikel mehr schreiben kann, die Zeile um achtzig Batzen – stell Dir vor, wie er dann – noch einmal sattelt mir den Hieroglyphen! – noch einmal, noch einmal alle Kraft und auch den Schmerz zusammennimmt und ein Gedicht veröffentlicht, ein Gedicht –! Es wird anfangen: »Nun, Deutschland, stoß die Scheide ins Schwert –!«
In der Ecke aber sitzt ein gebrochener Mann, Ernst Lissauer, und weint. Heile, heile, Segen! auch deine Konjunktur wird wiederkommen.

Unter dem Pseudonym Peter Panter im Jahr 1918

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *