Vierzehn Käfige und einer

Man fährt im Alten Hafen ab, am Quai liegen viele kleine Schiffchen, die für drei Francs dahin führen: es ist eine Spazierfahrt geworden, was einst der Schlußstrich unter ein Leben war. Der Motor knattert, das Schiffchen fährt ab. Da liegt Marseille.
Die Häuser stehen, eng aufgebaut, um das Becken des Alten Hafens herum; ganz von links oben, von den Hügeln, grüßt die Kirche von ›Unsrer lieben Frau, die wacht‹, eine goldene Puppe. Das Schiffchen gleitet unter einer sehr hohen Eisenkonstruktion hinweg, an der eine Fähre befestigt ist. An Fortifikationen vorüber, in die Meeresbucht hinaus. Wir halten auf eine kleine Insel.
Die kleine Insel ist das Château d’If. Es liegt – falls Sie Ihren Atlas zur Hand haben – vor der Stadt Marseille, gegenüber den beiden Inseln Ratonneau und Le Frioul, die durch einen Damm verbunden sind. Ist bei Ihnen nicht drauf? Na, schadet nichts. Chateau d’If ist die Insel, auf der Edmond Dantès eingesperrt saß, der Graf von Monte Christo.
Die kleine Insel taucht auf, wird deutlich sichtbar. Ein betongraues, halbverfallenes Gemäuer ist zu sehen, wir legen an. Hinauf, den gewundenen Gang durch niedrige Mauern, nach oben. Da stehen noch verfallene Kasernen mit den bourbonischen Lilien; das Schloß ist im Jahre 1592 erbaut worden, eine Bastille des Südens. François der Erste hat schon im Jahre 1524 den Grundstein gelegt und eine Phiole Öl und eine Metallschachtel mit Weizen und eine Flasche Wein daruntergetan. Es ist ein weißliches, bröckliches Gemäuer, die Mauern und der Steinboden haben sich fast assimiliert. Dann ist da eine kleine Zugbrücke aus Holz, die Planken sind locker, ein dunkler Torbogen und dann der Gefängnishof.
Der Hof ist ganz klein, von vier Mauern umgeben, die nicht allzu hoch sind, von oben glänzt quadratisch der blaue Himmel. Unten ist das Licht getönt, milchig und hell kaffeebraun. Unten steht ein Brunnen und an einer Mauerwand eine Ansichtskartenbude. Und ringsherum sind die cachots, die Käfige.
Zu ebener Erde liegen einige; und oben, rings um den ganzen Hof herum, an allen vier Mauern entlang, läuft eine kleine Galerie mit einem Eisengeländer, von der aus man in die obern Käfige gelangen kann. Vor jeder Tür ist ein Holzschild angebracht, auf dem steht gemalt, wer da einmal eingesperrt war. Wie in einem zoologischen Garten, man vermißt den Zusatz: Geschenk des Herrn Konsul Friedheimer. Ich gehe hinein.
Der Reiseführer rühmt den Gefängnisräumen nach: »bien aërés et avec vue sur la mer.« Ja, es zieht durch die kleine Luke, und wenn man den Kopf an die Eisengitter legt, kann man auch ein Stückchen vom Meer sehen, in dem die freien Fische wohnen. Der Boden ist ausgemauert, schwärzliche Spuren an den Wänden deuten auf ehemalige Kamine. Es muß hier höllisch kalt gewesen sein, damals … Da saßen sie also.
Meistens waren es politische Häftlinge, die hier gesessen haben, alles Leute, die die Regierung nicht töten konnte oder wollte, und deren Freiheit ihr höchst unbequem war. Damals war das recht einfach: man benötigte nur die lettre de cachet, um etwas zu erreichen, wozu man heute ein ganzes Volksgericht auf die Sessel setzen muß, mit allem Drum und Dran: Voruntersuchung, einem Vorsitzenden, einseitig, wie nur der Haß ist, einer verhetzten Presse und dem ganzen riesigen Apparat. Das war also einfacher. Manchmal ließen auch hochmögende Eltern ihren Sohn ein bißchen einsperren, bloß so …
Da saßen:
Ein reicher Kaufmann aus Marseille, wegen angeblicher Verschwörungen gegen den Kardinal Richelieu; riskierte einen Hungerstreik, den er elf Tage lang durchhielt; starb am zwölften Tag. Ein marseiller Matrose, der seinen Vorgesetzten erschlagen hatte; saß einunddreißig Jahre. Ein Abbé Faria. Er und der Matrose haben da noch im neunzehnten Jahrhundert gesessen – und wie! Da ist eine Höhle, ein fensterloser Raum, in den man keinen Hund sperren würde, mit einer Vertiefung als Abtritt. Darin ›büßte‹ der Inkulpat.
Auf der andern Seite hat Dantès gesessen, eben jener, dessen Schicksal Dumas in seinem Schmöker benutzt hat. Der Gefangene hat sich zum Abbé Faria einen Verbindungsgang gegraben, der noch gezeigt wird.
Dann liegt da noch zu ebener Erde ein cachot, dem Publikum nicht zugänglich. Darin saßen im Jahre 1871 einhundertundsechzehn Gefangene. Communards. Einhundertundsechzehn – das ist keine Zahl für uns andre …
Herauf die kleine Treppe, auf die obere Galerie. Da saßen: Ein Abbé, der ein Mädchen verführt haben soll; ein Kanzelredner, der mit England konspiriert hat; ein Mann, der versucht hat, Napoleon zu ermorden; der berühmte ›Mann mit der eisernen Maske‹; Louis-Philippe Égalité. Mirabeau (kein politisches Gefängnis, in dem der nicht gesessen hätte); ein Herr Mollard, der sechzehn Jahre hindurch saß, weil seine Eltern das so wollten. In diesem Raum tagte dann später eines der Revolutionstribunale. Ein großer Giftmörder, der im Jahre 1588 in Aix verbrannt worden ist; und Straßenräuber und ein Mann namens Meynier und … und … und …
Die Höhlen sehen aus eine wie die andre: meist sehr geräumig, hoch, immer mit der kleinen vergitterten Luke, durch die man das Meer sieht und manchmal auch nur den Innenhof und ein Stückchen Himmel. Hier und da ist eine schwere Bohlentür erhalten, mit einem altmodischen Schloß.
Man kann sich das nur schwer vorstellen, dass in diesen Räumen Menschen gelitten haben; dass der Tritt der Wache auf der Zugbrücke und der Ruf eines Schiffers die einzigen Laute waren, die man hier hören konnte, das Klirren der Waffen und das Klappern von Flaschen – wenn es nicht einer der Häftlinge einmal vorzog, stundenlang wie ein Tier zu brüllen.
Oben, auf der Höhe des Gebäudes segnet das Werk Gott. Da ist eine Kapelle. Denn es gibt keine menschliche Niederträchtigkeit, die nicht einen Zusatz von Religiosität und höherer Weihe besäße, gleichsam, als ob sich die Leute doch in einer Art von Rückversicherung immer des Lieben Gottes vergewissern wollten. Von oben sieht man weit in die Runde: die benachbarten Inseln, die merkwürdig fahle steinige Küste, das rauchige Marseille. Alle Steine sind – wie übrigens auch alle Wände in den cachots – über und über beschmiert mit Zeichnungen, Buchstaben, Zeichen, die teils von Besuchern herrühren, teils von den Mietern der Zimmer.
Früher soll ein Führer die Besucher herumgeführt haben, ein altes Original, Grosson hat er geheißen, der sich mit einem angeblich vergessenen Gefangenen bauchrednerisch unterhielt. Die Damen bekamen Frissons, und der Eingemauerte bat um Tabak. Der Führer nahm ihn in Empfang. Eine Arabeske des Spaßes hinter einem Werk der schlimmsten Lebensqualen.
Ich klettere wieder herunter, in den quadratischen Hof. Entworfen hat ihn keiner, er dürfte von van Gogh sein. Mit einer solchen Verbissenheit ist er da, so angehaßt sind die Mauern, so verflucht seine viereckige Verzweiflung. Er ist praktisch, der Hof: es ist das Maskenflügelsystem des modernen Gefängnisses, nach außen projiziert: von unten kann die frühstückende Wache bequem alles verfolgen, was sich da oben begibt. Ich sehe hinauf – kein Gesicht zeigt sich mehr an den Gittern. Der Hof schweigt, die Ansichtskartenverkäuferin rumort in ihrer Bude.
Und während ich den braunen Hof so vor mir sehe, muß ich daran denken, dass zu Hause, in meiner Heimat, einer sitzt, tagaus, tagein, Monate und Jahre in derselben fürchterlichen kleinen Zuchthausstube, allein, allein, allein. Wie lange ist Einzelhaft bei uns statthaft? Zwei Jahre? So habe ich seinerzeit gelernt. Aber was macht sich eine Republik daraus – sicherlich wird da eine ganz legitime Handhabe sein. Der Mann sitzt in seiner Stube, er darf sogar manchmal Zeitungen bekommen. Er heult und schreit; einmal brach er zusammen, als man ihn die Treppen hinunterführte zum täglichen Spaziergang, der angeordnet ist, auf dass er an seiner Gesundheit keinen Schaden nehme. Er hat Verbrechen begangen, wahrscheinlich – aber dass er sie nicht als Verbrechen ansah, dass er auf einen Staat spie, der ihm ungerecht und unmenschlich vorkam, dass er die Richter verlachte, die ihn aburteilen wollten und nicht konnten: das hat man ihm nicht verziehen. Wie besinne ich mich noch auf den Vorsitzenden, der in gar keiner Weise diesem Wehr- und Waffenlosen gewachsen war, der lachte ihn aus, höhnte ihn an … Das akademisch gebildete Rechtsprechungsorgan hatte dann weiter keinen Ausweg als diese geistige Waffe: »Sie sind ein ganz frecher Lümmel!« Er hätte hinzufügen sollen: Darf ich Sie auf die Toilette bitten? Er reagierte eben, wie es in seinen Kreisen üblich war.
Hier liegt der Hof. Zu Hause sitzt Hölz. Kein Besuch – aus Angst: die Zuchthausverwaltung scheint nicht viel Zutrauen zu ihren Beamten zu haben; keine Berührung mit andern – Vergeltung und Rache: an einem, der aufrecht geblieben ist auch vor diesen Richtern, die er tausendmal überragte.
Das Schiff stößt ab von dem grauen Gestade. Die Insel bleibt im Meer zurück wie ein versteinertes ruhendes Tier. Auf ihr haben Menschen gelitten. Sie leiden bei uns – gequält, verfolgt, verdammt. Unter François dem Ersten fing es hier an. Unter Friedrich dem Ersten sitzen in der deutschen Republik über siebentausend Kommunisten: Hölz an ihrer Spitze. Leb wohl, Château d’If. Was du konntest, können wir schon lange.

Unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel im Jahr 1925