Vier Jahre und ein Tag

Die meisten Leute überlegen sich weitaus sorgfältiger, was für eine Frau sie heimführen, als welche Liste sie für den Reichstag wählen. Die Tolpatschigkeit eines verliebten jungen Bräutigams ist philosophische Ruhe, verglichen mit der Unbedachtsamkeit, mit der manche Männer und Frauen an die Urne gehen. Wissen sie, dass jeder einzelne Briefumschlag mithilft, den Lauf von vier Jahren zu lenken? Manche wissen es nicht.
Nun kann man nicht von jedem Menschen verlangen, dass er überlegt und bedächtig ist, dass er in die Zukunft sieht und dass er vorsorgt, für sich, und durch die Gesetzgebung für seine Kinder. Aber könnt ihr euch nicht erinnern?
Vier Jahre und ein Tag. Aber wir wollen einmal nicht an die vier Jahre der nächsten Reichstagssession denken, sondern an andere vier Jahre. An vergangene vier Jahre. An die große Zeit von 1914 bis 1918.
Als wir auf dem Marsch in die Stellungen von Suwalki waren, der tropenkollerige Offizierstellvertreter umjagte die gehorsame Herde auf seinem Gefechtsesel, der Hauptmann kollerte, und die Unteroffiziere taten ihr Menschenmöglichstes, um sich wichtig und die Mannschaft madig zu machen – als wir auf diesem Marsche verschwitzt, müde und dreckig einherkro-chen, hörte ich meinen Nebenmann vor sich hinmurmeln: »Wenn ich hier wieder rauskomme … !« Ich sehe noch die grimmige Bewegung, mit der er sich den Tornister hochzog.
Wenn ich hier wieder rauskomme … ! Ein Fluch und ein Aufschrei von Millionen, vier Jahre lang. Eine dumpfe gequälte Hoffnung, vier Jahre lang. Träges Abwarten von Urlaub zu Urlaub, von Offensive zu Offensive – vier Jahre lang. Generalstabsberichte und andere Lügen, Verunglimpfungen der Feinde durch die Heimkrieger, verschmockte Offiziere und beförderte Journalisten, betrunkene Etappenkommandanten, verhurte Helferinnen und schnauzende Bahnhofsfeldwebel – und unter alldem, gequält, keuchend und plattgedrückt von der Last eines verruchten Systems – der Mann.
Wenn ich hier wieder rauskomme … ! Bei jedem Kantinenskandal, bei jeder sinnlosen Arreststrafe, bei Schikanen und preußischen Spektakelstücken, bei Drillübungen unter feindlichem Feuer und bei Komödien, inszeniert von uniformierten Pfaffen, ordenverleihenden satten Militärbeamten und bei der verkitschten Auffahrt des Tatütata –: immer wurden diese Worte gesprochen und gedacht: Wenn ich hier mal wieder rauskomme … !
Denn dies war die allgemeine Überzeugung: es müsse nach Abschluß des Krieges eine Generalreinigung erfolgen. Es müsse einmal den Machthabern, den großen und den kleinen, gezeigt werden, dass man nicht ungestraft vier lange Jahre auf Leibern und Seelen herumtrampeln dürfe, dass man nicht ungestraft Glanz, Ehre, Ruhm, Geld und Fleischportion (Goulasch und Weiber) für sich in Anspruch nehmen dürfe, dabei dem wehrlosen Landsmann das überlas-send, was es Unangenehmes in der Kriegführung gab: den Sturmangriff, das Postenschieben, den Marsch und die Latrinenreinigung. Vom Appell zu schweigen. So glaubten alle.
Im Augenblick wehrte sich keiner. Vielleicht konnte sich keiner wehren, vielleicht gehörte der ganze schwere Fanatismus von Karl Liebknecht und den wenigen anderen dazu, Sechsundsechzig Millionen die Stirn zu bieten und vor seinem Geschrei von wahnsinnig gewordenen Professoren, dekorierten und reklamierten Schriftstellern, Militärs und Granatenlieferanten, kühl und knapp zu sagen: Nein. Der Sandhaufen war den Neinsagern gewiß, und dazu hatte nicht jeder das Format. Ich habe kein Recht, jemand daraus einen Vorwurf zu machen – denn ich habe das Format auch nicht gehabt. Auch ich habe geschwiegen und bei mir gedacht: Wenn ich hier mal wieder rauskomme … !
Und nun sind wir draußen. Und jetzt –?
»Die Zeit, die eilt, die Zeit, die eilt. Weis deine Wunden! O Schmerz und Blut! Wird alles wieder gut: Kühl wehen die Stunden.« Es ist das durchaus Merkwürdige geschehen, dass alle drauf und dran waren, alles zu vergessen. (Es wäre bestimmt alles vergessen worden, wenn das Schützenfest gut ausgegangen wäre.) Man war schon im besten Zuge, alles zu vergessen, da machten die Offiziere, die an ihrer Stellung klebten, wie die Fliegen am Honig, den taktischen Fehler, sich durch Krawall, Putsch und Übergriffe so unliebsam in Erinnerung zu bringen, dass alles wieder auf sie aufmerksam wurde. Und eine Erinnerung steigt auf …
Die Erinnerung an das, was gewesen ist. Die Erinnerung an einen übermenschlichen Druck, der die Adern fast zum Platzen und die Gefäße der Seele zum Überlaufen brachte. Die Erinnerung an eine Zeit, in der wir Material waren, rollendes und eingesetztes, in der der Mensch beim Leutnant anfing – und aufhörte. So aufhörte, dass dieses uniformierte Stück Roheit überhaupt nicht mehr fühlte, dass ein bärtiger Land-sturmmann durch Frau und Kinder und Berufsarbeit an das menschliche Leben gekettet war, dass auch er immerhin, entschuldigen Sie das harte Wort, ein Mensch war. Der Koksfritze, der, als Kompanieführer verkleidet, mit verschränkten Armen vor so einem stramm aufgebauten Elend dastand und ihm erklärte: »Ich, Ihr Kompanieführer, verweigere Ihnen den Urlaub, und wenn der Kaiser kommt, da kann er nichts machen!« – der Rittmeister, der einem kotigen und todmüden Mann, der aus der Offensive vor Verdun kam, hinter die Ohren schlug, weil er einen Lattenzaun umgebrochen hatte – die Monokelknaben, denen in Lille kein Küchenmädchen zu schlecht und keine Brüsseler Spitze zu gut war – all das steigt noch einmal auf. Habt ihr vergessen?
Ihr habt nicht vergessen. Und wenn ihr nicht vergessen habt und wenn ihr wie die Tiere vier Jahre lang gelitten habt, immer mit der einen Hoffnung, dass der Krempel doch einmal ein Ende haben müsse und dass ihr doch einmal herauskommen würdet und einmal mit der Gesellschaft das tun könntet, was die Intendantur immer vorhatte und nie ausführte: Abrechnung – wenn ihr das gefühlt habt, dann könnt ihr nicht vergessen haben.
Und geht heute zur Urne heran und denkt an vier Jahre. An vier Jahre, die gewesen sind, und an vier Jahre, die kommen werden. An vier Jahre schmutzigster Vergangenheit und an vier Jahre folgenschwerster Entwicklung. Dieser Stimmzettel ist beides: eine Quittung und ein Wechsel auf die Zukunft.
Ich weiß, dass sich viele von uns im grimmigen Herzen die Abrechnung mit manchen ihrer bunten Peiniger noch anders vorgestellt haben als so – mit diesem einen Briefumschlag. Aber dieser eine Briefumschlag kann genügen, um eurem Willen, der in der großen Zeit gebändigt und gefesselt am Boden lag und nun aufflammt, Geltung zu verschaffen.
Vier Jahre liegen hinter euch, vier Jahre Reichstagssession liegen vor euch. Zwischen diesen beiden Zeiten steht der 6. Juni. Denkt vorwärts und rückwärts. Vier Jahre und ein Tag.

Unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel im Jahr 1920

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