Umzug

Auch im Französischen gibt es ein Wort, das ungefähr besagen will: »Lieber dreimal abbrennen als einmal umziehen.« Das ist recht wahr. Bei einem Brand hat man es doch mit einemmal hinter sich. Nachts schreit das Mädchen im Korridor: »Herr Regierungsrat! Herr Regierungsrat!«, ich raus aus dem Bett, das Mädchen kreischt, aber diesmal nicht, weil ich so schön bin, sondern weil es wirklich brennt, qualmt, knistert … sie ergreift das Vogelbauer, ihren Sonnenschirm und einen alten Korb, ich entkorke den Feuerlöscher, er funktioniert nicht, ich gieße Wasser ins brennende Zimmer, dazwischen: »Wie ist denn das möglich?« – Das Mädchen jammernd: »Ich weiß ja auch nicht! Gestern abend hats noch nicht gebrannt … !«, das ist ein Trost, Feuermelder, Feuerwehr, es sieht gar nicht schaurig-schön aus, sondern stinkt nur entsetzlich, Gott weiß, welche Kindsleiche da mitbrennt. Morgens ziehe ich traurig einen Band Unruh aus dem Unglück, der pappne Deckel hat sich gebogen, das kommt von der Hitze. Und dann ist es vorbei, und man weiß: Bei Panters hats gebrannt.
Aber ein Umzug –! Das ist viel schlimmer. Dieses Mal bin ich in Frankreich umgezogen, und vier Wochen waren verloren. Vier Wochen lang telegrafierten die Verleger: »Wo bleibt fünfter Akt Pubertätsdrama? Sofort senden, da Baisse in Pubertät bevorstehend.« Und: »Zwei Pfund pariser Stimmungsbilder ausstehend, desgleichen Boulevard-Treiben, Sensationsprozeß und Modebilder von Montmartre. Wenn bis Montag nicht geliefert, abschließe mit Konkurrenz.« Nur der Chef der ›Weltbühne‹ schwieg, gütig wie immer: die Aktualitäten der deutschen Politik hatte er für ein halbes Jahr voraus, ihm konnte nichts geschehen.
Eine Wohnung zu finden, war nicht leicht gewesen. Hier in Frankreich gibt es kein Wohnungsamt, dafür lebt ein kleines Achtel der Bevölkerung vom Wohnungsnachweis. Es wimmelt von Agenturen, jedes kleine Örtchen hat deren mehrere, und die Bewegung auf dem Immobilienmarkt scheint stark zu sein. Paris platzt erst jetzt über die Fortifikationen, es wird viel gebaut, und zwar nicht, wie in Deutschland, nur Villen, sondern sehr viele Mietshäuser. Die haben kleine Zimmer, Wände zum Umblasen, sehr oft Badezimmer – und sind teuer. Ja, es ist überhaupt schwierig, zu mieten, denn die meisten dieser Wohnungen sind ›à vendre‹, und das heißt in Wirklichkeit: es bilden sich Baugenossenschaften der zukünftigen Mieter, und die schießen dem Unternehmer, der nicht schlecht daran verdient, einen Teil der Bausumme vor, er baut (manchmal baut er auch nicht), und bei Fertigstellung oder kurze Zeit nachher wird die Restsumme fällig; nun gehört die Wohnung dem Einziehenden als Eigentum. Die Unterhaltungskosten des Gebäudes haben aber die Teileigentümer zu tragen, sehr niedrig sind sie nicht. Und so drängt also alles in die heitere Umgebung von Paris.
Ja, sie ist schön, diese Umgebung. Im Westen und Nordwesten, da, wo die Seine ihren Mäanderlauf vollführt, sind viele Höhenzüge bewaldet, nein, eigentlich nur begrünt. Außer Fontainebleau gibt es in der nähern Umgebung von Paris nicht recht etwas, was man ›Wald‹ nennen kann – und auch der bei Fontainebleau hat noch einen fast parkartigen Charakter. Feen tanzen darin umher, keine Bären. Und dann gibt es dorfartige Ansiedlungen, darin sind die Wohnungen nicht schön, und da gibt es ein sich immer wiederholendes Bild: die kleinen Häuserchen liegen in dürftigem Grün hingewürfelt, nahe beieinander, es entstehen keine Stillen Straßen, das Ganze liegt platt da wie eine Maurermeisteransiedlung. Und ich suchte und suchte. Was habe ich alles gesehen!
In Leu am Brunnen steht ein steinernes Haus, das hat Zimmer so groß wie Reitställe. In Soisy steht eines, das ist wie aus dem Schmuckkästchen – aber wer darin wohnt, der ist zum Bahnwärter prädestiniert, die Kleinbahn pfeift unmittelbar daran vorbei. In Saint-Germain gibt es einen Pavillon, der ist von einem Onkel Hasse Zetterströms erbaut: man tritt ein, geradeswegs ins Eßzimmer, kommt von da auf einen Korridor, von da ins Badezimmer, von da wieder auf einen Korridor mit einer kleinen Treppe, von der Treppe in ein Schlafzimmer, vom Schlafzimmer aufs Dach … weiter habe ich mich nicht getraut. Man kann ein ganzes Schloß mieten: mit 133 Zimmern, Garage, Waschbude, Hühnerstallungen, Pferdekäfigen, Untertanen, eigner Gerichtsbarkeit und Wasserspülung. Schließlich habe ich dann eine kleine Wohnung bezogen.
Lieber dreimal abbrennen … Dabei machens einem hier die Leute nicht schwer: die kleinen Handwerker sind nicht unzuverlässiger als in Deutschland, auch nicht übermäßig geschickt, aber bei weitem freundlicher. Es fehlt dieser entsetzliche passive Widerstand, dieses grauenhafte »Ja – da müssen Sie erst … « Hier muß man gar nicht erst.
Natürlich muß man in einem Lande Arbeit nehmen, um es wirklich kennen zu lernen, nicht nur Arbeit geben. Aber auch dabei sieht man dies und jenes. Zum Beispiel die unerschütterliche Anständigkeit der kleinen Lieferanten, die da kreditieren … es nützt gar nichts, um Rechnungen zu bitten, man bekommt sie doch nicht. Hierbei und bei vielen andern Erscheinungen habe ich immer den Eindruck, als lebe Frankreich noch gar nicht im Jahre 1925, oder als tue das wenigstens nur eine kleine Schicht. Die allgemeine Geisteslage hier entspricht beinah einem Franc-Stande von 80 Pfennigen. Sie ist noch nicht nachgerückt.
Zeichen von Deutschfeindlichkeit –? In vierzehn Monaten: einmal. Das hat nichts mit dem zu tun, was sich die Franzosen über die Deutschen denken. Schwerer deutscher Aberglaube, dass die auf der gesamten übrigen Erde geltende glatte Umgangsform etwas mit ›Achtung‹ oder ›Beliebtheit‹ zu tun hat. Es klingt aber alles netter im Französischen, es streichelt die Nerven, niemand bockt. Der Polizeikommissar auf dem Revier: »Ich hätte nicht geglaubt, dass Sie Deutscher sind. Freilich: Sie haben nicht den Akzent der lateinischen Rassen … « Man stelle sich das in Schöneberg vor.
Aber dennoch: lieber dreimal abbrennen.
Nun ist beinahe alles eingeräumt, der Tischler ist aus dem Haus, der Maler auch, der Schlosser auch. Ich knie vor einem Koffer und weide ihn aus. Das hört nie auf, weil ich immer wieder innehalte und mir ansehe, was ich da gefischt habe. Die alten Sachen stehen herum und wundern sich. Das ist nicht sehr heiter, mitunter, Briefe sollte man ja keinesfalls aufbewahren. Worauf sie sorgfältig weggepackt (nicht etwa gelesen) werden. Und da sind also die Bücher.
Lichtenberg: »Er hatte seine Bibliothek verwachsen, so wie man eine Weste verwächst. Bibliotheken können überhaupt der Seele zu enge und zu weit werden.« Wie recht hat er! Wie sieht mich das an! Wie sehe ich das an! Mit ganz wenigen Ausnahmen hat die Tagesliteratur, die vor dem Jahre 1914 erschienen ist, ungefähr den Wert von Kindheitserinnerungen: man bewahrt das Schuhchen von Fritzchen auf, nicht, weil man es noch einmal tragen will, sondern eben als Erinnerung … Diese Schmerzen, diese Verse, diese Polemiken, diese Romane – ja, es ist alles sehr schön und gut, aber es geht einen gar nichts mehr an. Man soll nicht undankbar sein – aber wie tot ist das alles! Was ist geschehn?
Es ist geschehn, dass wir gelernt haben, wie unmöglich es ist, seelische Erlebnisse ohne Zurückführung auf gesellschaftliche Zustände anzusehen. Daß man ruhig und still die Einkommenziffern der Helden prüfen muß, um sie zur Hälfte zu verstehen: ihre Freuden, ihre Anschauungen, ihr Leben. Daß ein Sparkassenbuch, eine unrechtmäßig ausgenutzte Kokerei, das Privateigentum an Transportmitteln – dass dergleichen Villa und Park erst ermöglichen, mit allem, was danach kommt …
Mit dieser Kenntnis, zu deren Erwerbung unsereiner erst den Weltkrieg nötig gehabt hat, ist nicht alles erworben, aber viel. Wir haben viel gewonnen. Und mehr verloren. Geblieben ist wenig vom Alten, und viel Neues ist dazu gekommen. Balzac ist geblieben.
So weit wären wir also eingerichtet. Die im Prospekt garantierte ff. Morgenstille ist nicht geliefert worden. Ums Haus herum bellen die Hunde, unsre gefiederten Lieblinge. Da bellen sie, stumpfsinnig, aufgeregt, ununterbrochen; an den einzelnen Stimmen kann man die Große der einzelnen Joujous veranschlagen. Hoch, tief, ein kleiner bellt … wenn ein Stiefmütterchenbeet bellen könnte, würde es so bellen; einer hat Bronchitis, bellt aber doch, dafür ist er Hund. Es hört sich an, als ob sich die Rotte Korah meilenweit mit einemmal übergäbe – wenn morgens die Lieferanten an den Häusern klingeln, steht der ganze Horizont in Flammen. Sie reißen an den Stricken, sie springen gegen die Gitter, sie flöhen sich, belfern, quietschen, jaulen, in den Triefaugen Treue zum Futternapf und zum angestammten Herrscherhause, durchaus konservativ und gegen die land-fremden Elemente. Wenn man genau hinhört, kann man aus dem Gebrüll eine getragene Hymne heraushören. Gott segne diesen Volksstamm!
Der letzte Lampenschirm ist angeschraubt, der Tisch wackelt nicht mehr, der letzte Nagel ist eingeschlagen. Wohlan! Von hier aus ist fröhlich Wohnung suchen.

Unter dem Pseudonym Peter Panter im Jahr 1925

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