Traum

Die braunen kleinen Adler saßen lebendig, aber die Füße zusammengeschnürt, auf halbhohen Klötzen und blickten still, wie ausgestopft, vor sich hin. Hinter jedem saß das Ding. Es war ausgemacht, dass das Ding das Gehirn der Adler ausfraß, während sie noch lebten – das sah man aber nicht, ich wußte das nur. Auch hatte in den Büchern gestanden, dass die Augen ausgepickt würden. Der Traumverstand seinerseits hielt dafür, dass die Adler es waren, die fraßen und pickten.
Jedenfalls blieb während des Fressens dies von den Tieren übrig:
Eine schwankende und zuckende fleisch-helle Banane, eine konische Form, in die das noch bestehende Leben hineingepreßt war – es lebte noch, aber selbst, wenn man jetzt dazwischenträte und das noch retten wollte, wäre nie wieder ein Tier daraus herzustellen gewesen, Das war vorbei. Aber es lebte. Es litt, blutete unsichtbar und lebte.
Und es war so entsetzlich nah, und der wehrlose Zuschauer sah, wie es litt, und wie es zuckte – und dass das tierische Opfer noch, während es gefressen wird, eine Verbindung mit dem Fresser eingeht, es tut mit, es spielt das Spiel mit, auf dem Blutgrund ist noch so etwas wie Liebe. So schwankten die fleischhellen Stangen, so standen sie, so sahen sie dich blind an. Noch vor einer halben Stunde waren wir unversehrt, Tiere wie wir alle – jetzt sind wir das. Es ist unwiderruflich, was da mit uns geschehen ist. Zurück geht es nicht mehr.
Die nächste Ration Adler saß schon auf ihren Klötzen, sah starr gradeaus und war in fünf Minuten dran.

Unter dem Pseudonym Kaspar Hauser im Jahr 1926

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *