Tour de France

St. Valéry-en-Caux ist ein kleines verschlafenes Nest zwischen Dieppe und Le Havre, ein Häfchen, ein Strändchen, ein Marktplätzchen. Aber gestern mittag gegen ein Uhr gab es doch erstaunte Fensterläden, auf der Straße achtzig Arbeiter in ihren blauen Jacken, alle mit Fahrrädern – ein Stück Gendarm und die vierzehn Badegäste. Le Tour de France –!
Die Radmannschaften, die da zur Zeit in vier Wochen ihre fünftausend Kilometer herunterreißen, sind vor einigen Tagen von Evian weggefahren, über Mülhausen, Metz, Dünkirchen, Dieppe, Le Havre – dann geht es weiter über Bordeaux, Bayonne, Luchon, in die Pyrenäen, Perpignan, nun sind sie wieder am Meer, Toulon, und dann über Dijon hinauf nach Paris. Die sind hier durchgekommen.
Aus irgendeinem unerklärlichen Grunde haftet dem Radsport etwas Gewöhnliches an – er hat keine Herrenfahrer. Was da auf den Sätteln sitzt, ist »richtig« – flinke Jungens, oft aus dem Schlossergewerbe, Zeitungsfahrer, Proletarier zwischen 15 und 25. Hier gibt es also wenig gesellschaftliche Vorführungen – aber dicken Sport.
Zunächst erscheinen wichtige Automobile auf der Bildfläche, werden surrend am Hotelchen vorgefahren und laden aus: durchwehte und bestaubte Redakteure des »Auto«, des »Sporting«, die hier zu Mittag essen. Sie schreiben auf den noch plattenbedeckten Tischen. Sehen nur auf, wenn ein Kollegenauto vorbeisaust und über die kleine Brücke haspelt – und wenn das Auto mit dem Lautsprecher vorübertutet: »Allô – Allô –« und das O ganz dumpf und lang, und dann ist es schon um die Ecke. Es singt die Resultate aus und Warnungen und was man so fürs Herz braucht.
Eine Stunde Verspätung. Dicke Marktfrauen mit gradezu unwahrscheinlichen Popos sitzen auf wehrlosen Meilensteinen, die »Poulbots«, wie die jungen Bengels nach dem Zeichner heißen, machen Spektakel, die wichtigen Männer haben jetzt aufgehört zu frühstücken – aber dann winken doch da oben an der Wegbiegung die Leute mit den Händen, schwenken Hüte, der Gendarm pfeift dienstlich auf seiner Dienstpfeife, aber meint es nicht so schlimm – und da sind die ersten.
Braun vor Dreck, mit ein paar Reserveschläuchen über der Schulter, vor der Lenkstange ein Fläschchen – so kommen sie in recht heiterm Tempo daher. Zwei liegen an der Spitze, dann eine kleinere Gruppe – dann mehr, immer mehr, das Gros. Danach die Autos. »L’Intransigeant« und nochmals »L’Auto« und die überwachenden Männer und Hilfswagen und Neugierige – und auch die »Humanité« hat ein Auto gestellt und rattert brav mit ihren roten Fahnen immer hinter den Rennleuten her. Und dann ist es für eine Weile aus.
Allerdings – die »Humanité«. Sie gibt von dieser Überlandfahrt täglich Berichte, die in ihrer Mischung von Sportinteresse und Klassenkampf auf einen guten deutschen Kommunisten wahrscheinlich schrecklich wirken müssen. Ja – vielleicht ist das nicht ganz nach der Vorschrift. Das Ding ist nur das: die »Humanité« wird gelesen, gefressen, gekauft – denn sie ist seit einigen Wochen nicht wiederzuerkennen: bunt, amüsant, literarisch brauchbar, für den Arbeiter fesselnd, für den gelernten Kommunisten instruktiv und, was das Wichtigste ist: für den Indifferenten anziehend. Das Blatt macht neugierig. Manche andre kommunistische Blätter tun das nicht.
Da fahren sie hin. Einer, Cuvelier, der irgendeinen Etappensieg hinter sich hat, soll gesagt haben: »Jetzt wird mich wenigstens einmal meine Portierfrau ernst nehmen« – eine Sentenz, die endlich erklärlich macht, wozu man Rennen fährt –, und so guter Laune scheinen sie alle zu sein.
Sie sind populär – für drei Monate, versteht sich –; aber hier ist das, wofür sich die jungen Leute wirklich interessieren, besonders junge Arbeiter. In deren Händen sieht man »L’Auto« hauptsächlich – ein täglich erscheinendes Sportblatt, das für alle Zweige des Sports berichtet. Und das übrigens einen außerordentlich witzigen Briefkastenmann hat. Man findet in seiner Rubrik die überraschendsten Antworten. So diese, die ich nur im Vorbeigehen gepflückt habe: »In La Rochelle machen von 30 Briefträgern nur 2 Sport – das ist doch ein Skandal! Was hältst du davon?« Antwort: »Steck die Post an – et n’en parlons plus.«
Da rollen Sie. Oben, von den Felsen, kann man sie noch eine Weile sehen – dann verschwinden sie in Sonnenstaub und Glanz. Wer zurückbleibt, philosophiert immer hinterher. Nun denn:
Der Mensch ist ein Säugetier und benötigt zum Leben Nahrung, Luft und Wasser. Damit ist ihm aber noch nicht alles gegeben. Auf dass ihm wohl sei, braucht er: den Betrieb. Einen schönen, vollen, runden, bewegten Betrieb mit allem, was dazugehört: Organisation, Gruppen, Kollektivehre, Kampf, Platz und Sieg. Über diesen Betrieb vergißt er mitunter den Zweck des Rummels – und wer das zu benutzen versteht, der kann mit ihm alles, alles unternehmen, was er nur will.
Sogar Kriege.

Unter dem Pseudonym Peter Panter im Jahr 1926

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