Theorie und Praxis

Nichts, wofür es in Deutschland keinen Reichsverband gäbe. Der tagt alljährlich in einer mittlern deutschen Stadt, was ein hübsches Geschäft für die Gastwirte ist, die Delegierten strömen mit ihren Damen zusammen, halten Reden, führen Geschäftsordnungsdebatten und sind überhaupt tätig. Wenn man sie hört, glaubt man wirklich, ihr Gebiet sei in schönster Ordnung, habe »wissenschaftliche« Stützen und sei das erste der Welt.
Und nun muß man sich ansehen, wie das nachher in der Praxis aussieht.
Am lustigsten ist es, wenn der Staat, der Stiefvater aller Dinge, die Finger im Geschäft hat. Da gibt es, beispielshalber, Kongresse für die Praktiker des Strafvollzugs, Strafgefangenenbesserungsvereinsdamenzusammenkünfte – und was wir da an Vorträgen zur »Psychologie des Strafvollzugs«, zur »Soziologle des Strafvollzugs« und ähnlichen schönen Dingen zu hören bekommen, das ist nicht zu sagen. Für die Eingesperrten ist es weniger heiter.
Man kennt aus Literatur und Erfahrung den Typus der Beamten, die in Gefängnissen und besonders Fürsorgeanstalten zu sagen oder vielmehr nichts zu sagen haben. Wichtig ist ja nicht, dass an der Spitze ein älterer, wohlwollender Herr steht, der vielleicht besten Willens ist, Gutes zu wirken. Wichtig allein bleibt: Wer ist im Alltag maßgebend? Wer –?
Ein Feldwebel. Ein sturer Arzt. Ein saurer Pastor. Ein kleinstädtischer Mensch von abgeschabtem Wissen, mit vertragenen Ideen, zu kurz gewordenen Anschauungen, ausgewachsenen Gedanken. Das regiert; das entscheidet über Wohl und Wehe der Zöglinge in jenen anscheinend unwichtigen Dingen, die das Leben der Menschen ausmachen; das kann schikanieren und tuts, bösartig im Amtsdünkel und im Sadismus der schlechten Verdauung.
Gewiß kann man nicht überallhin Engel setzen, wegen Knappheit an Material. Auch geht die Welt nicht unter, wenn hier und da Fehler gemacht werden – zu erstreben ist das Mögliche, und das sieht nicht immer rosig aus. Aber was sich bei uns an Schulräten, Gefängnisverwaltern, maßgebenden Aufsehern in die Beamtenlaufbahn einschleicht, nachher die mühsam erkrochene Position mit der Autorität des »Volkes« bekleidend – das unterliegt einem einzigen Gesetz: der Assimilation.
Ein einzelner ist gar nicht in der Lage, im festgefügten Milieu der deutschen Beamten etwas andres zu pfeifen als den allgemeinen Takt. Er lernt – und erlernt etwas Dumpfes und Falsches. Er will vorwärtskommen – und kann es nur, wenn er sich den Wünschen von »oben« fügt. Er hat vielleicht anfangs Ideale – er gewöhnt sie sich rasch ab, sie gewöhnen sie ihm rasch ab. Und dann wird er älter und hat Frau und Kinder und will nicht versetzt und nicht pensioniert werden … und dann haben wir ihn, so wie wir ihn haben.
Eine wahre Revolution wird mit dem schlimmsten Vorrecht aufräumen, das einer nötigen Luftreinigung entgegensteht: mit den »wohlerworbenen Rechten« der Beamten. Sie sind übel erworben und müssen fort. Herkules, auf den Dreck bei Augias sanft einredend: das ist die Politik der deutschen Sozialreformer.

Unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel im Jahr 1926

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