Stammbuchblatt

Dem deutschen Pfahlbürger nach der Wahl dargebracht

»Ein schönes Herz hat bald
sich heimgefunden.«

Johann Christoph
Friedrich v. Schiller

Wenn du diese Worte unseres großen Schiller liest, dann denk an das Wahlresultat des Jahres 1920. Du hast dich schon oft blamiert – aber so noch nie. Du hast schon oft politisch ahnungslos danebengeschlagen – aber so noch nie. Ich muß es dir ins Stammbuch schreiben.
Sofern du und dein Durchschnitt deutschnational gewählt haben, wirst du nun freundlich grinsen und behaupten, ich sei verärgert wegen der Wahl, die du getroffen hast, und ich sei böse, weil es nicht die meine ist. Nein.
Nicht, was du gewählt hast, ist so traurig, sondern wie dus tatest. Nicht, dass du dich für die Reaktion entschieden hast, ist schlimm (das ist dein gutes Recht) – sondern warum dus tatest.
Hör zu. Wir haben einen Krieg verloren, angezettelt, geführt, verschuldet und künstlich verlängert durch nationale Leute. Die Revolutionsregierung trat an: eine Konkursverwalterin. Du verwechseltest den Konkursverwalter mit dem Pleitemacher und schobst dem einen zu, was der andere verschuldet hatte. Du sahst, wie deine nationalen Freunde, in Angst und Kummer um ihre politische Stellung, jeden gewaltsamen Putsch einer ruhigen Entwicklung vorzogen, du wurdest vor den Verschwörungen einer Offizierskamarilla gewarnt – du schliefst. Um sich unentbehrlich zu machen, hatte dir die Rotte eingeredet, der Bolschewik stände vor den Toren Berlins, hatte dir Greuel und Scheuel aufgebunden, die nie stattgefunden hatten – und dann kam Kapp. Du schliefst immer noch. Unwillig legtest du dich auf die andere Seite. Und wachtest nur auf, um am 6. Juni 1920 die größte Dummheit deines Lebens zu machen – und das will etwas heißen. Du hattest keine politische Einsicht. Du hattest Angst.
Manche von deiner Familie waren verärgert und töricht und wollten nicht einsehen, dass eine Koalitionsregierung, die das Erbe einer verkrachten Firma zu verwalten hat, keine großen Taten vollbringen kann. Aber das waren noch die Politischen aus deiner Familie. Der Rest hatte die Hosen gestrichen voll. Der Rest hatte einfach sinnlose Angst, dass nun die bewaffneten Arbeiterbanden mit Spektakel und Getös in die Häuser einbrechen würden, und dass ein Angriff auf Stellung, Ämter, auf aufgeblasene Würde bevorstände – das alles hättet ihr noch hingenommen – aber du hattest Furcht, dass ein Angriff auf das Heiligste erfolgen könnte, wo der Mensch hat: auf den Kassenschrank. Und da gingst du hin und wähltest schlotternd national.
Wärst dus! Die wenigen anständigen Menschen, die die nationalen Politiker zu den Ihren zählen, vertreten schließlich einen politischen Gedanken wie andere auch. Daß er veraltet ist, ist eine Sache für sich. Wärst du national! Aber du bist ein Angstmeier, ein trauriger Geselle, der die Ladenkasse in der einen und eine nicht mehr ganz saubere schwarzweißrote Fahne in der anderen Hand hält. Und so stehst du Jammerbild da: »Jetzt haben wirs aber den Roten ausgewischt!«
Und in dieser sinnlosen Angst um dein Geld, um das dich in Wirklichkeit der national-monarchistische Krieg gebracht hat, wirfst du sie alle in einen Topf, die Demokraten und die Kommunisten, auch die Sozialisten – und in heilloser Furcht klammerst du dich an ein System, unter dem du einmal zu essen gehabt hast. Das System grub sich selbst sein Grab – du hebst die Totengräber auf einen Thron, den du lieber heute als morgen wieder aufrichten möchtest.
Das ist deine Grundgesinnung? Das deine Seele? Das dein Herz? Aber du hörst gar nicht mehr zu, weißt nicht, dass uns weniger das Resultat als dein politischer Stumpfsinn schmerzt, der nicht geprüft hat, nicht geprüft haben kann. – Hör nicht zu. Es ist manchmal unbequem, zuzuhören.
Jetzt bist du bei den Deinen. Die Folgen wirst du ausfressen müssen. Wir leider alle mit.
Du aber bist selig und zufrieden und strahlst voll Stolz. »Ein schönes Herz hat bald sich heimgefunden.«
Dies wünscht dir in treuem Gedenken

dein

Ignaz Wrobel

Unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel im Jahr 1920