Städte

»Es ist ein unabänderliches Gesetz intellektueller Betätigung, dass jede Verengerung des Gesichtskreises eine Konzentration des Interesses mit sich führt, die für die Wertbeurteilung der Gegenstände entscheidend ist.«

Wilhelm Wundt

Die deutschen Städte wissen nicht mehr viel voneinander. Jede liegt da, hält sich für den Mittelpunkt des Landes und ignoriert alle übrigen. Und das kam so:
Die Nation, nach dem Kriege von einem unendlichen Ruhebedürfnis beseelt, packte sich in Watte und kapselte sich ein. Nie waren die Deutschen partikularistischer als heute, und niemals wurde der »Landfremde« mit so viel Mißtrauen angesehen. »Landfremd« – das ist der Dortmunder dem Nürnberger, dem er die ängstlich gehütete Wohnmöglichkeit kürzt, und »landfremd« ist der Berliner dem Bremer. Noch nie waren die Kirchtürme so hoch wie heute.
Nun müßte man glauben, dieser aufs neue verstärkte Partikularismus sei heilsam für das Wachstum der lokalen Eigenarten und halte der nivellierenden Reichseinheit die Waage. Dem ist nicht so. Es ist nämlich merkwürdig, zu beobachten, wie alle deutschen Mittelstädte die Unarten Berlins, von den Behördenwasserköpfen bis zum Nachtleben, prompt nachahmen, ohne an Landestracht und Landeskolorit zu andern als den Festtagen auch nur zu denken. Denn das große Geschrei von der Provinzautonomie heißt auf deutsch nichts andres als: »Wir wollen auch unsre kleine Wilhelm-Straße haben! Ihr habt lauter Esel in den Zentralbehörden – das können wir auch! Ich will auch Staat spielen, Mama!« So rufen alle kleinen Provinzkinder. Von den Bundesstaaten zu schweigen, die es höchlich bedauern, dass in fremden Erdteilen keine bayrischen, keine mecklenburgischen, keine thüringischen Gesandtschaften zu finden sind. (Aber nur gemach: Wem Gott Verstand gibt, dem gibt er auch ein Amt.)
Da liegen die Städte. Früher polterte die Diligence durch die dicke Stadtmauer – heute fährt der D-Zug durch eine Umwallung, die grade so fest ist wie die alte historische. Denn der gewöhnliche deutsche Städter aller Kaliber kann heutzutage mit seinen Landsleuten im Reich schwer in Verbindung treten. Und er will es auch nicht.
Er kanns kaum. Wer reist heute? Wer schreibt zum Vergnügen Briefe? Wer telefoniert zum Scherz seine Leute in Altona an, um zu fragen, wie es ihnen gehe? »Die Zeiten sind ernst – die öffentlichen Verkehrsmittel sind kein Spaß.« Nein, weiß Gott, das sind sie nicht. Dieses übervölkerte, am Boden liegende Land hat noch immer für alles, was es je erlitt, eine ethisch-philosophische Beschönigung gehabt – erleben wir doch jetzt das widerliche Schauspiel, wie dieselben Hurraschreier, die im Kriege den Sieg Deutschlands logisch bewiesen haben, heute das »Lob der Armut« singen und dir klipp und klar demonstrieren, das Heil deiner Seele sei besser bei Margarine und in den Niederungen des Lebens aufgehoben denn in Glanz und Herrlichkeit. Die Anschauung, dass der Mensch um des Apparats willen da sei, ist hier sehr verbreitet, und sie gilt nur dann nicht, wenn es sich um die Klassen handelt, die davon profitieren. Man erinnert sich vielleicht ähnlicher Erscheinungen aus dem Kasinokriege … Nein, die Zeiten sind ernst, und wenn man das Ganze überblickt, hat man immer mehr das Gefühl: Die Leute bekommen ein »Quartier« zugewiesen, dazu die Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen (oder auch nicht) – und nun hat der Deutsche seinen Teil dort abzuleben, wo man ihn hingesetzt hat.
Das hat ihm noch gefehlt. Das einzige, was besonders den Mittelstand früher vor dem Verrosten bewahrt hat, war die Reise, die doch die Augen wenigstens manchmal ein wenig öffnete. Aber heute?
Wer reist denn heute? Der Kapitalismus reist.
Die Möglichkeit, herauszukommen und ein Stückchen von der Welt und nun gar von der außerdeutschen Welt, die es ja immerhin auch noch geben soll, zu sehen, hat hauptsächlich der große Kaufmann und der von ihm Angestellte, insbesondere die Angehörigen der Filmbranche sowie ein gewisser Teil der Beamten. (Das ist auch der Grund, weshalb in Deutschland solche Funktionen so leicht zum Selbstzweck ausarten – die Funktionäre benutzen eine Möglichkeit, die ihnen sonst verschlossen bleibt.) Die Fäden, die die Städte miteinander verbinden, sind hauptsächlich kapitalistisch oder offiziell.
Die Folgen sind leicht zu sehen. Jede Stadt ist Rom und sich selbst genug. Der am Reisen behinderte und künstlich eingeklemmte Einwohner zeigt eine bekannte soziologische Erscheinung: er will nicht mehr, was er nicht mehr kann. Er sagt von Braunschweig etwa: »Ja – da war ich mal vor dem Kriege.« Das ist lange her, und heute hockt er zu Hause. Daher die maßlose Überschätzung aller Lokalgroßen, daher die treudämliche Unwandelbarkeit der Kollektiv-Vorstellungen – da Vergleichsmöglichkeiten fehlen, ändern sich diese Bilder nie: Der Königsberger ißt immerzu Klops, der Bayer ist gemütlich und rauft, und der Italiener – der tanzt Tarantella und ist heißblütig, soweit er nicht den ganzen Tag über – Santa Lucia! – mit Schellen klingelt. Dem Lübecker ist die Schande der münchner Polizei Hekuba – und ob Erich Ziegel in Hamburg anständiges Theater macht, das ist dem Breslauer ganz gleich. Sie haben voneinander entweder gar keine Vorstellungen oder antiquirierte oder falsche. Auf einer kleinen holsteinischen Insel fragte mich vorigen Sommer in einer Molkerei ein Schweizer: »Na – und Berlin? Alles ruhig? Keine Straßenkämpfe mehr?« Weil wir das Jahr 1921 schrieben, sagte ich ihm, das sei lange vorüber, und niemand in Berlin dächte an Straßenkämpfe. Er lächelte ungläubig und erkundigte sich dann eingehend nach dem Begräbnis der Kaiserin, das er für das wesentlichste berliner Ereignis hielt. Nun schön, es war auf dem Lande, und da hatte die Kreisblattpresse, von der Republik subventioniert und daher kaisertreu bis auf die Knochen, gut gearbeitet – aber man muß nicht denken, dass es in den Mittelstädten besser sei. Ein großer Teil der Leute lebt in einer Hühnerstallatmosphäre.
Daher die Metapher, eine gute Stadtleistung als die »beste von ganz Deutschland« anzusprechen – daher die völlige Interesselosigkeit am Kommunalleben andrer Städte, an ihren Versuchen und Erfolgen, Niederlagen und Lehren. Und begannen früher die Erlebnisse, die ein Schriftsteller zu erzählen hatte, etwa mit den Worten: »In Tirol hatte ich einmal eine Wirtin … «, so erschöpft sich heute die deutsche Geistigkeit des Alltags in kleinen Geschichten, die alle so anfangen: »Sitze ich da jüngst in der Elektrischen … «
Die Berichterstattung aus der Provinz gleicht ungefähr der aus Timbuktu: es liest ja doch keiner, und außerdem ists gleich. Und so hockt jedes Gemeinwesen in seinem Kram und weiß vom andern nichts.
Berlin macht durchaus keine Ausnahme. Wenn wir von der Quantität absehen, ist doch das, was hierorts viele Cliquen bewegt, recht kleinstädtisch und unterscheidet sich nur in der Form, aber nicht in der Anschauung vom Milchkannenklatsch auf den krummen Straßen Posemuckels. Asphalt oder Kopfpflaster: es ist kein großer Unterschied.
Und reisen die Berliner, die sichs heute leisten können, wirklich fort, dann nehmen sie ihr Berlin mit, färben ab, sehen und sprechen wieder nur sich und fühlen sich auch nur da wohl, wo ihre Melodien, ihre Speisen, ihre Redensarten und ihre Leute zu finden sind. Es gibt an der See und im Gebirge eine ganze Menge Berlins …
Vom Ausland zu schweigen. Daß für Deutschland die fremde Literatur, dass die fremde Kunst, dass die Kenntnisse fremder Wirtschaftsformen mit dem Jahr 1914 aufgehört haben – wer bedenkt das, wenn er sich sein Weltbild macht? Der Literat, einige Journalisten, wenige Politiker, die Kaufleute, die das Fremde brauchen, und dieser und jener. Der Rest trottet stumpfsinnig seinen alten Trott. New York? Aber sie wissen ja nicht einmal von Hessen-Darmstadt sehr viel.
Und pfeifen auf den guten Europäer und sind sich selbst genug.
Jedermann sein eigner Globus.

Unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel im Jahr 1922

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