Spaziergang eines Berliners

Aujuste tanzt. Ihr Kavalier hat heute
verschoben zwei Waggons voll Sacharin.
Man ist bemüht, ihm seine fette Beute
so langsam aus dem Portemonnaie zu ziehn.
Er schmeißt Champagner für die lieben Bräute,
den Hut schief in der Stirn: »Wat kost Berlin?«
»Zahl mir ein Beffstück!« haucht sie, »weil dus kannst!« –
Aujuste tanzt.

Im Ballsaal schlängeln sich befrackte Schieber.
Der Lackschuh glänzt. (Ist er auch schon bezahlt?)
Die Weiblichkeit erglänzt in Nerz und Biber
und ist im ganzen Rosa angemalt.
Nur wenn sie sprechen… »Emmi! Komm ma riba!«
Der Piefke protzt, die kleine Nutte prahlt.
Ist auch – wer siehts? – der Unterrock zerfranst –
Aujuste tanzt.

Man tut wie lauter Jrafens und Barone.
Der Saal erstrahlt in goldlackiertem Stuck.
Die Preise für den Mosel sind nicht ohne –
es lebe hoch der heilige Neppomuck!
»Ich müde? Aber, Junge, nich die Bohne!«
Der Morgen graut. Sie kriegen nie genug.
Ein Dicker hält vor Lachen sich den Wanst. –
Aujuste tanzt.

Aujuste tanzt. Wer ist denn die Aujuste?
Wer ist die Holde, die voll Heiterkeit
im Kriege und auch später tanzen mußte?
Kanonen gibt es, die sind wie gefeit.
Da war die Schicht, die stets von gar nichts wußte,
sie machen sich in Nachtlokälern breit…
Wer war sie wohl, die du dort nächtlich fandst?
Aujuste tanzt.

Im Jahr 1919

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