Schnipsel (1)

Ich gehe auf die Reise, alles wird noch einmal durchsucht, geordnet, hin- und hergelegt. Der quadratische Wahnsinn hat mich erfaßt: wozu soll es gut sein, dass auf einmal alle Mappen, Bogen und Brief mit den Kanten aufeinanderliegen? – es ist wohl so eine Art Versuch, die leblose Materie zu beherrschen. Die Fensterläden werden verschlossen, die letzten Zettel fortgefegt. Auf dem Schreibtisch liegen Schnipsel, kleine Späne von Papier. Das soll der Abschied sein. Da sind sie.

Neulich las ich in einem deutschen Blatt, Herr Soundso (ein deutscher Schauspieler) sei in Paris eine sehr populäre Persönlichkeit. Du lieber Gott … ! Vor ein paar Tagen fuhr Dranem, der Operettenkomiker, über die Boulevards, in einem kleinen Automobil. Wenn er abends auf die Bühne kommt, wird es warm im Hause, die Leute setzen sich auf den Sitzen zurecht, stoßen sich an und flüstern: »Dranem –!« An der Madeleine blieb er mit seinem Wagen stecken und schimpfte. Kein Aas kümmerte sich um ihn.

Da wurde ein dicker Curé aus der Bretagne jüngst von einem seiner Beichtkinder vor einem recht zugänglichen Hause mit einer großen Hausnummer betroffen. »Aber Herr Curé«, sagte der Gläubige, »Sie gehen in solche Häuser –?« – »Wie können Sie so etwas von mir denken!« erwiderte der fromme Mann. »Ich habe da nur meinen Regenschirm vergessen.«

Manchmal fahren zwei Eisenbahnzüge nebeneinander her, in derselben Richtung. Die Insassen des schnellem Zuges machen dann fröhliche Gesichter, sehen genau forschend hinüber, ein ganz klein wenig mitleidig. Die des langsamen Zuges schauen gleichgültig drein oder gucken gleichgültig fort. Schnellere Züge interessieren nicht sehr.

Früher wurden die Beamten von ihren Herren Eltern sorgsam mit der Hand hergestellt. Vater und Mutter zogen das so gewonnene Kind auf, ließen es ordentlich nichts lernen und brachten es dann in dem Beamtenkörper unter, wo es ein sauberes, wenn auch kärglich gebürstetes Dasein führte. Heute sind die Beamten Maschinenware geworden. Und weil jeder Mensch Beamter ist, auf irgendeine Weise, so sterben sie nicht aus, sondern regieren sich gegenseitig. Man sollte reine Untertanen züchten – bald wird es keine mehr geben.

Es gibt Menschen, die sind so rechthaberisch und haben eine solche Fähigkeit, sich alles, was ihnen begegnet, zu ihren Gunsten zurechtzubiegen, dass man versucht ist, sie zu fragen: »Lieber, ist Ihnen noch nie aufgefallen, dass Sie in Ihrem Leben niemals Unrecht hatten, niemals Unrecht –?« Und sie werden hitzig antworten: »Was fällt Ihnen ein! Ich habe überhaupt nur Unrecht –!« So dickköpfig sind manche Leute. Man kann sie leicht und sofort erkennen, denn sie gehören alle demselben Volksstamm an. Es sind die andern.

Am 1. August 1925 betrat die etatsmäßige Fee Anastasia den deutschen Schauplatz und bot den Günstlingen des Glücks von ihrem Kräutlein ›Vergiß mein‹ an. »Damit ihr die schreckliche Zeit vergesset, die hinter euch liegt!« sagte sie. Zuerst ging sie zu einem berühmten Filmschauspieler. »Ich mag dich nicht«, sagte dieser, Emil geheißen, »ich vergesse sonst, wo ich morgen drehe, ob in Los Angeles, Rom oder Rüdersdorf. Hebe dich hinweg von mir!« Da ging die Fee zu einem berühmten Staatsmann, der seine Weisheit auf Bierflaschen zu ziehen pflegte. »Damit du die Schrecken der letzten Jahre vergessest!« sagte sie und bot das Kräutlein dar. »Menschenskind!« sagte Gustav, »ich habe sie ja schon alle vergessen!« Traurig ging die Fee zu einem Feldmarschall. »Damit du die Schrecken des Krieges vergißt, Exzellenz!« sagte sie. »Ich habe sie nie kennengelernt«, sagte der alte Mann. Da fraß die Fee ihr Kräutlein selber und vergaß sich mit einem jungen Maler, einem Italiener, der hübsche Bilder malte, Alessandro hieß und sie prügelte, wenn er sie nicht liebte.

Manche kleinen Mädchen sehen aus wie ›Mammi als Kind‹. Es sind altkluge Fotografiergesichter, die später einmal von den Kindern dieser Kinder in die Hand genommen werden, und das suchende Auge entdeckt in dem kleinen Oval ›schon damals‹ die vertrauten Züge der Mutter. Und dann sagt das Kind verwundert-glücklich: »Das ist Mammi als Kind.«

Dies ist, glaube ich, die Fundamentalregel alles Seins: ›Das Leben ist gar nicht so. Es ist ganz anders.‹

Das sind die Schnipsel. Aber nun klopft der Diener an die Tür und meldet: »Herr Regierungsrat! Der Wagen!« Ich lasse den Butler bitten, die Wirtschafterin erscheint, der Silberdiener … Im Sommer ist nur das kleine Personal bei mir. Ich gebe Weisung, Aljoscha, die Hündin, sorgsamst zu pflegen, Piperkarka, den Papagei, zu füttern, Semmel, die rote Katze, gut zu betten und auch hier und da einmal bei der gnädigen Frau nach dem Rechten zu sehen. Die gnädige Frau heißt Alice und daher Yane – sie darf nicht mit und liegt oben und heult. Ihr Weinen bricht mir das Herz, die Hündin kläfft, der Papagei schnattert, die Katze miaut, das Personal murmelt fromme Segenswünsche. Vornehm den Hut lüftend, trete ich ins Freie. Und sage noch beim Herausgehen, den Kopf leicht nach hinten gewandt: »Fegen Sie die Schnipsel heraus –!«

Unter dem Pseudonym Peter Panter im Jahr 1925

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