Ruf

Wo sind Sie –?
In einem Wust von Deutschen in Paris, Revuebesuchern, durchreisenden Geschäftsreisenden, Beamten, die, wie jener Jude, alle Abner heißen, böswilligen Verleumdern, kleinen Tuschzeichnern, Schmöcken, die da glauben, der pariser Morgen sei der Matin, der Abend Paris-Soir, ihr Werk das »OEuvre« und jeder Pariser ein »Petit Parisien«, Journalisten, die vor lauter Politik die Völker nicht mehr sehen und so lange über Kommissionen, Parlamentssitzungen, Mehrheiten und Minderheiten berichten, bis man sie wegen Kriegsgefahr abberufen muß … in diesem Tohuwabohu – wo sind Sie?
Die alten Routiniers telefonieren, dass die Drähte sausen – und keiner weiß etwas vom andern, kein Deutscher vom Franzosen, der Franzose wenig vom Deutschen. Wir jüngern Leute tasten, wir sind neu, das Pflaster ist spiegelglatt, so etwas dauert. Um uns herum wird berichtet, dass uns die Haare zu Berge stehen. Jedes neukatholische Gedicht, jede gleichgültige Kartonzeichnung, jede leise Schwankung auf dem Visionsmarkt wird getreulich nach Hause geprahlt, damit nur ja keiner zu spät kommt – und wenn der Verlachte und Nichtbeachtete von vorgestern gar heute von den gut Verdauenden auf Bütten registriert wird, so fühlen sie: Geschichte. Sie nennen sich alle mit Vor- und Zunamen und kommen sich ungeheuer wichtig vor. Wo sind Sie –? Jeder hat sein Paris, keiner sagts dem andern, jeder lacht den andern aus; wer ein kleines Eßlokal von Meriten weiß, sagts keinem und spielt sich sein Paris vor, das es nicht mehr gibt, platzt vor versetzter Romantik und verachtet, steht er an der Madeleine, ganz Guben, wenn nicht Breslau – wo sind Sie?
Es wäre nötig, dass ein alter Kenner wieder bei uns wäre, der die Stadt, der seine Franzosen und der seine Deutschen kennt. Einer, der das beste Buch der letzten Jahre über Paris geschrieben hat, und der auch – meines Wissens – die bittere Probe der vier Jahre gut überstanden hat, da manche, die von und mit Frankreich gelebt hatten, in Gemeinschaft der schweißigen Bezirkskommandeure jede Gemeinheit über ihre zweite Heimat aussagten, dumm und reklamiert: todgeweiht sei das Land, lebenskräftig allein der deutsche Commis, wenn er mobilisiert – wo sind Sie? Sie fehlen uns. Sie fehlen uns, René Schickele.
Sie leben noch. Bescheiden nennen Sie einen Aufriß der Caillaux-Affäre (in der Neuen Rundschau vom Dezember 1924) einen »Versuch«. Er ist aber eine Vollendung. Diese Feinheit, diese Kenntnis, dieses Spiel auf beiden Instrumenten, diese Tödlichkeit des Ausdrucks – das war seit Harden nicht mehr da. Schmollen Sie? Worauf warten Sie? Auf Sie wird gewartet.
Wo sind Sie –?

Unter dem Pseudonym Peter Panter im Jahr 1925