Pariser Tage (gab mir ein Freund…)

Vorgestern

gab mir ein Freund eine französische Lokalzeitung: »L’Espress-d’Angers«. Angers ist eine Stadt im Departement Maine et Loire, östlich von Nantes gelegen. Was hat man sich in Angers mitzuteilen? Siehe da: »Les Pangermanistes devant la défaite. « Spengler, Keyserling, die Militaristen – eine kleine sorgfältige Arbeit von einem Herrn Boyer Sainte-Suzanne. Übrigens kein politischer Hetzartikel, sondern nur ein Beweis für die Bemühung, den Nachbarn zu verstehen. Daraus folgt ja nicht, dass Frankreich keine andern Sorgen hat. Enge erzeugt Monomanie. Also spricht Wundt: »Es ist ein unabänderliches Gesetz intellektueller Betätigung, dass jede Verengung des Gesichtskreises eine Konzentration des Interesses mit sich führt, die für die Wertbeurteilung der Gegenstände entscheidend ist.« Die Deutschen sind nur allzu sehr geneigt, sich für den Nabel der Welt zu halten und stets zu glauben, »aller Augen sind heute gerichtet auf … «. Auf das Kino, werter Herr. Die pathetischen Anrufe an die »Welt« sind ein bißchen abgenutzt und unterbleiben besser. Aber wir sollten nicht immer nur bis zur Erschöpfung und zum Überdruß den »Matin« und »La Liberté« zitieren, sondern uns auch einmal in der französischen Provinzpresse umtun, die in mehr als einer Hinsicht interessant ist. (Unter den Blättern des Kartells ist da die tapfere »Dépêche de Toulouse« an erster Stelle zu nennen.) Schließlich haben die letzten Kammerwahlen gezeigt, wie wenig Paris für die allgemeine Stimmung in Frankreich bedeutet. Dieser Kessel hat einen Manometer, aber er geht ein wenig nach.

Gestern

Der im Spiritus der Literatur aufbewahrte Besoffene bei Glaßbrenner, Pietsch geheißen, hat einen französischen Kollegen bekommen. Pietsch war nicht ohne und Kattundrucker. Es ist derselbe, der, »aus der Moewesschen Niederlage aller Sorten« kommend, die bläulich leuchtenden Worte sprach: »Heute Pietsch, morjen Pietsch, übermorjen Pietsch, det andre Monat Pietsch und wenn’t Jahr um is, noch Pietsch! Und wenn ick dot bin, erst recht Pietsch!« Und dann, leise zu sich allein: »Det kann ick. Davor bin ick Mutter!« Der Franzose ist nicht minder weise, hat aber andere Sorgen, ihn molestiert die neue Umwelt. So soll er sich denn jüngst an einer Straßenecke niedergelassen haben, mitten auf einem Boulevard, und dortselbst, mit dem belehrenden Zeigefinger auf alle die Leute zeigend, in folgenden Exkurs ausgebrochen sein: »Die Leute hier … Man kann ja mit niemand mehr reden … heutzutage. Sieh mal da: Chinesen, Amerikaner, Lappländer, Engländer, Irländer, lauter Länder. Die verstehen mich aber nicht!« Und dann, schmerzerfüllt: »Wozu soll man sich denn besaufen, wenn man sich mit keinem mehr unterhalten kann?« Überschrift: Die Fremdenüberschwemmung in Paris.

Heute

Es ist schon spät, aber das möchte ich doch noch aufschreiben. Es sind Kosaken in Paris. Nicht die singenden Don-Kosaken, die man in Berlin einmal bewundert hat; sie nennen sich »Cosaques-Djigultes« und sind fast dreihundert Männer. Auf dem Champ de Mars, zwischen Eiffelturm und École Militaire ist eine große Reitbahn hergerichtet, Tribünen sind aufgeschlagen – man kann da zusehen. (Früher gab es etwas Ähnliches da; wo jetzt die langgestreckte Hundehütte des Ufa-Palastes am Zoo steht – da war zu sehen »Originalleben der Tscherkessen, beritten, unberitten und Frau und Kind im Arme, am Lagerfeuer sinnend«. Kinder bis zum Feldwebel aufwärts zahlten die Hälfte.) Ja, also die Kosaken. Man hat Bauernjungens aus Südrußland, Reiter, Sänger und Tänzer in die üblichen Sonntagsuniformen gesteckt, leuchtendes Rot, strahlend weiße Lammfellmützen, lange, gewichste Stiefel – kurz: saubere Kosaken, was eine contradictio in adiecto ist. Sie reiten sehr gut, die im Galopp langgestreckten Pferde sehen manchmal unter ihnen aus wie die Rennpferde auf den alten englischen Stahlstichen; sie tanzen, einer oder zwei, alle andern schließen sich zu einem großen Kreis zusammen und sind nur Rhythmus, Trommel, Takt, dumpfer Ruf. Sie jagen die Gäule durch Feuer, sie stehen kopf, hängen neben den Pferden und erwischen Tücher, die in der vollen Jagd vom Boden aufzuheben sind … In der teuersten Loge sitzen offenbar weiße Russen, ihr Beifall klingt hier und da wie »Nun gerade!« – sie erinnern sich, und wir erinnern uns auch. Kosaken? Waren das nicht die, die der Zar heranholen ließ, wenn »politische Unruhen« ihn bedrückten? Sie waren zuverlässig, diese Kosaken – das schlug, peitschte, hieb, schoß, zertrampelte, ließ verschwinden … man ging ihnen gern aus dem Wege. Sie waren der herumfuchtelnde Arm der Ungerechtigkeit. Das weiß ich alles – aber auf einmal begibt sich etwas Merkwürdiges. Während die Männer im Takt das kleine Stadion umziehen, singen sie ihre alten Marschlieder, mit »Urra!« und Theater-Pistolengeknall, draußen bullern die Autobusse, und an meinem Platz steht der Preis. Und plötzlich langt ein unsichtbarer Arm über die Holzbarriere. Dieser Gesang, das taktmäßige Schreiten, Männer, die im Dunkeln gehen und singen, ein Trupp zu Pferde, andere, die mit losen Zügeln warten, das Lederzeug knarrt, eine Art Männlichkeit, die es eigentlich gar nicht mehr gibt. Dies ist so weit vom Gaskrieg … ! Und sie singen. Sie stehen unter den bleichen Bogenlampen und nicht »wo die Weizenfelder in großen, blaugrünen Wellen unter dem kalten, nördlichen Mond hin und her wogen« – die Landschaft hilft ihnen nicht, die scharfen Bergkuppen sind nicht da, nicht der weite Himmel, der scharfe Geruch nach Pferdemist, nach altem Stroh, Tabak … . Kein Chadschi-Murat ist unter ihnen. Aber wie eine Flamme steigt eine Sehnsucht auf, ein wahnsinniges Begehren, gegen alle Erkenntnis, gegen alles Wissen: die Sehnsucht nach dem alten Rußland, das endgültig dahin ist. Diese Galanterie, dieses Essen, diese Bummelabende, diese Art zu arbeiten, diese Gutsbesitzer, diese Buntheit auf der Seelenpalette – von allen Emigranten durch die Ballette, Nachtkneipen, Theater, Kabaretts der ganzen Welt bis zur Ermüdung gehetzt, übertrieben, abgeschwächt, ausgenutzt, verlogen und weinerlich verkauft, zynisch verkauft, in gutem Glauben verkauft – dieses Rußland ist nicht mehr. Jetzt weiß ich, warum die da drüben so klatschen. Man kann mit dem neuen Reich seinen Frieden schließen, man muß es wahrscheinlich. Ob es hier und da noch kleine Zwischenfälle gibt, wie neulich, als der französische Minister de Monzie die Eröffnungsfeier des russischen Pavillons auf der Pariser Ausstellung verließ, weil dort »Propaganda« getrieben worden sein soll … dieses Reich steht. Die Emigranten weinen um etwas, was nicht nur ihnen unerreichbar ist. Diese Sentimentalität ist viel, viel stärker als die deutsche, weil sie dich nicht süß als Schmerz durchrinnt – sie gurgelt dich ab. Man kann aber damit weiter leben. Gute Nacht, Kosaken. Was sie singen, habe ich nicht verstanden. Was sie singen, habe ich verstanden. Es war die Melodie, die durch Millionen Herzen auf der Welt zieht. Rußland. Rußland. Mátuschka Rußland.

Morgen!

Heute nicht mehr. Es fehlen nur noch zehn Seiten, aber ich kann nicht mehr. Das Buch des Zwanzigjährigen liegt seit Tagen auf allen Tischen, die ich benutze. Es ist »Le Bal du Comte d’Orgel« von Raymond Radiguet, einem jungen Dichter, der mit zwanzig Jahren starb. Dies war das letzte Werk, das er vollendet hat. Es ist raffiniert gemacht. Er hatte sich zur Aufgabe gesetzt, einen Roman zu schreiben, in dem nur die Psychologie, nicht die Vorgänge, romanhaft sein sollte. »Style: genre mal écrit, comme l’élégance doit avoir l’air mal habillée.« Es ist ihm bis ins Kleinste gelungen. Aber liest man zweihundert Seiten, so ziehen sich alle Sinne schmerzhaft zusammen, es ist, wie wenn man zu lange durch ein Mikroskop gesehen hat. Die Parodie, die Paul Reboux in einem Bande seiner »A la manière de … « (Nach berühmten Mustern) gibt, trifft dieses Werk nicht. Schießt man, würde ich folgenden Pfeil auf den Bogen legen: »Weil der Graf wußte, dass seine Gattin nicht die Wahrheit sagte, um sich innerlich durch die Preisgabe dieser Wahrheit völlig zu belügen, antwortete er auf die Frage, ob Paul bei ihm sei, was ihm natürlich bekannt war, mit ›Nein‹. – Paul hörte da ›Ja‹ hindurch. Paul ergriff den Telefonhörer. Diese Bewegung hatte siebzehn Motive (folgen die siebzehn Motive, klassifiziert). Er hörte das Amt, gab aber nur vor, es zu hören, weil er den Eindruck erwecken wollte, er höre es nicht … « Das Buch hat hundertundzehn Auflagen. Mich juckt die Roheit zu sagen: Es ist ein Taifunchen im Fingerhut, eine Madenschlacht. Und nur eine hübsche Stelle habe ich darin gefunden, als von der wahren Internationale des Adels nach und im Kriege die Rede ist: »Müssen sich Herrschaften zanken, wenn sich die beiderseitigen Bedienten in den Haaren liegen –?«

Übermorgen

werde ich mir im Amt das Papier abholen, ich bin bestellt. Unter den Bemerkungen, die der durchreisende Deutsche unweigerlich in Paris macht, ist auch die von der »Schlappheit« der Franzosen. Falsch. Was ist besser: ein widerstandsfähiger Kern mit weichen, nachgiebigen Rändern, der keinem etwas zuleide tun soll – oder eine gallertartige Masse mit Eisenkanten? Von der Art, wie Franzosen alle Kleinigkeiten des Lebens behandeln, auf ihre innerste Art rückzuschließen, ist gänzlich verkehrt. Es gibt Länder, wo die ganze Macht des Staates aufgeboten wird, wenn ein Strafporto nicht bezahlt ist – es gibt Länder, die ihre Staatsmacht erst aufbieten, wenn es sich lohnt. Fiat iustitia, pereat mundus. Sie geht unter. Und die Gerechtigkeit mit ihr. Fiat mundus, pereat iustitia.

Unter dem Pseudonym Peter Panter im Jahr 1925

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