Paris – zehn Minuten vor zwölf

Die pariser Innenstadt bekommt ab dreiviertel zwölf ein eigenartiges Tempo. Da gehen die Leute frühstücken.
Englische Tischzeit gibts hier nicht. Der Franzose ließe sich das nie gefallen – er ist fleißig, er arbeitet –, aber diesen doch sicherlich sehr unpraktischen Tageseinschnitt um die Mittagsstunde läßt er sich nicht nehmen. Um dreiviertel zwölf werden die Leute unruhig – man besuche keinen Franzosen um diese Zeit, das wird nichts. Um elf Uhr fünfzig aber ist es aus; da drehen sich die Kontorsessel; da klappen die Daktylos ihre Schreibmaschinen zu; da wickeln sich die Anprobierdamen aus ihren Poiret-Gewändern – da gehen sie alle frühstücken. Welch Zug in den Straßen!
Eine Völkerwanderung zum Bahnhof St. Lazare; Fülle in den kleinen Butiken, wo die Midinettes ein Brötchen essen und einen Kakao trinken; Fülle in den Restaurants – das ist ein kleiner Gottesdienst, der hier zelebriert wird. Wie lange er sich ausdehnt, das hängt vom Geschäft des einzelnen ab: manchmal bis zwei, halb drei Uhr – dann liegen kleine grüne Teppiche auf den Tischen der Cafés, und es steigt noch eine harmlose Kartenpartie oder ein Brettspiel … mitten im Tosen der großen Stadt, die sich um diese Zeit in hunderttausend winziger Idyllen auflöst. Dazu ist immer Zeit: für den mageneröffnenden Aperitif; für das, was die französische Sprache ein »Hälmchen Schwatz« nennt; und für das mehr oder minder große Déjeuner, dessentwegen viele nach Hause fahren – manchmal zwanzig Minuten weit. Daher die Eile.
Aber wenn sie dann essen, dann essen sie – mit Muße, mit Verständnis, alle: die Bürodamen und die Buchhalter und die Verkäufer vom Printemps und die Bauarbeiter, die auf der Straße sitzen und richtig ein ganzes Frühstück abziehen –: mit Hors-d’oeuvres und allem Komfort. Unter dem ist es nicht. Und wenn die Vorspeise nur aus einem Scheibchen Wurst besteht und zwei Radieschen … Vorspeise muß sein. Paris frühstückt.
Um drei Uhr ist alles wieder da. Die Telefone rasseln (wozu, habe ich nie begriffen – denn das pariser Telefon ist kein Telefon; in eiligen Fällen empfiehlt sich ein Taxi) –, die Scheren klappern, die Schreibmaschinen schnattern, die Verkäufer verkaufen, und die Probierdamen probieren raschelnd an. Paris arbeitet.

Unter dem Pseudonym Peter Panter im Jahr 1928