Paris-Zehlendorf

Führer von Paris gibt es genug – und wie die nähere Umgebung der Stadt, la banlieue, aussieht, wissen viele deutsche Reisende, die nach Frankreich kommen, auch. Aber wenn man nun einmal von den Sehenswürdigkeiten, von den Schlössern und den historischen Gedenkplätzen absieht: wie wohnt der Pariser, der nicht in Paris wohnt?

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Die Wohnungskrise der Stadt Paris ist so groß, daß auf die Vororte etwa ein Fünftel der in der Stadt arbeitenden Bevölkerung entfällt. Wohnungsämter gibt es nicht – die Mietpreise sind hoch; sie waren schon vor dem Kriege höher als zum Beispiel die Berliner, und es ist dem deutschen Reisenden dringend abzuraten, französische Preise durch Umrechnung seinen Vorstellungen näher zu bringen. Eine Wohnung von vier kleinen Zimmern in der Stadt, die 12000 Fr. Miete kostet, kostet eben nicht 1500 M. – sondern: 12000 Francs.
Denn trotz der Inflation sind die Gehälter hier noch nicht so mitgegangen, und eine klare Idee gibt immer nur der Reallohn: wie lange mußt du arbeiten, um einen Anzug zu haben? Tatsächlich gibt der Pariser einen für unsere Begriffe unverhältnismäßig großen Teil seines Einkommens für seine Wohnung aus – ohne übrigens dafür das entsprechende Äquivalent zu haben.
Eine Wohnung in Paris zu bekommen ist schwer, wenn nicht unmöglich. Mit der Wohnungsvermittlung befassen sich eine Unzahl »agences«, die wieder mit Unteragenten arbeiten – wie überhaupt der von Leo Stahl hier berührte Mangel der Überzahl von Kommissionären im französischen Wirtschaftskörper gerade auf dem Gebiet der Wohnungsbeschaffung stark zutage tritt: von der Tatsache, dass eine Wohnung ihren Mieter wechselt, leben mindestens vier Menschen: der »gérant«, also der Hausverwalter, der in den meisten Fällen noch etwas bekommt, wenn er überhaupt mit dem neuen Mieter den Vertrag abschließt, die »concierge«, die Portierfrau, und sicherlich zwei Agenten. So sind denn viele Wohnungen in den Händen der Inflationsfremden.
In den Vororten sieht das kaum besser aus, wenngleich da mit der Entfernung von Paris die Möglichkeit wächst, Wohnungen zu annehmbaren Preisen zu finden. Das ziehen also viele Leute Paris vor – dazu kommt, dass die Abonnementspreise auf den Eisenbahnen außergewöhnlich billig sind: Wochenkarten, Abonnements für »familles nombreuses« und andere Vergünstigungen mildern die Wohnungskrise erheblich.
Der erste Eindruck, den sämtliche Pariser Vororte, ohne jede Ausnahme, auf den machen, der sie sich einmal auf ihre Bewohnbarkeit ansieht, besteht in der Scheußlichkeit ihrer modernen Architektur. Was dieses so kulturvolle, in tausend andern Dingen künstlerisch empfindende Volk sich in den letzten zwanzig Jahren da aufgebaut hat, ist bitter. Es ist nicht die Architektur der deutschen oder österreichischen Gründerjahre – es ist die vollendete Stumpfheit und die Ode einer platten Maurerphantasie.
Die Mehrzahl der Häuser ist aus »meulières« gebaut, einem groben, gelbgrauen Stein, der durch Zement verbunden ist. (»Jeder Franzose«, sagte mir einmal ein belgischer Architekt, »ist mit einer meulière im Bauch geboren.«) – Das Ideal jedes Rentiers, jedes kleinen Kaufmanns, der in der Lage ist, sich so ein Haus bauen zu lassen, hat in der Tat diese Form angenommen. Nun ergäbe das an sich nur eine etwas montone Gleichförmigkeit – aber wie häßlich ist das, wie verbaut; wie wenig zweckentsprechend diese Grundrisse, wie töricht diese von Bauernhäusern übernommenen spitzen Dächer, wie grauenvoll häßlich die schmiedeeisernen Gitter an den Fenstern … Und dabei möchte es jeder anders als der Nachbar haben. Die Umgebung von Paris ist streng individualistisch angelegt, ohne jeden Gedanken an große Gesichtspunkte, und für Jahrzehnte hinaus baulich verschandelt. Das hat, wie jede Erscheinung in der Architektur, einen soziologischen Grund.
Die schönen großen Parks der Höflinge, die großen Besitzungen des französischen Adels, die königlichen Parks selbst müssen heutzutage, weil unrentabel, entweder verstaatlicht werden – wie zum Beispiel schon längst Versailles –, oder man teilt sie auf. Diese »lotissements« sind berüchtigt: berüchtigt wegen der bösen Geschichten, die es da mit den Käufern der kleinen Parzellen gibt. Hat so ein Käufer einmal angezahlt, ist es natürlich aus, und er ist so ziemlich der betreffenden Grundstücksgesellschaft auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. (Wir haben in unserer Stadtgeschichte einen Fall, der ein wenig an diese Zustände erinnert: das ist die Aufschließung, die vor dem Kriege in den westlichen Vororten betrieben wurde. Die Technik der damaligen Gaunereien war aber eine andere.) Der kleine französische Sparer – Pleonasmus – kauft sich nun so eine Parzelle und läßt bauen, mit den billigsten Mitteln, mit dem billigsten Material – es gibt schon Holzhäuschen für 6000 Francs – für ein Einfamilienhaus kann man heutzutage mit etwa 50000 Francs rechnen. Und so sieht es auch aus.
Nirgends eine bedeutende Idee, die weiter als bis zur Gartenecke reicht – nirgends eine Straßenarchitektur – nirgends eine Kommune, die etwa wagte, in die Privatinitiative einzugreifen. Geld heißt: Gartenzaun, und was innerhalb dieses Zaunes geschieht … da hat niemand nix to seggn.
Ich rede hier nicht einer Kasernen-Normalisierung das Wort; aber diese Pariser Vorortarchitektur der letzten Jahre spielt doch nur »Privateigentum«, tut so, als seien diese Häuser von Individuen und nicht von Teilen einer Kollektivität bewohnt, die mit Presse, Kino, Rundfunk die Menschen mechanisiert – in Frankreich allerdings in einem für Europa erstaunlichen Minimum. Immerhin: sieht man diese Häuschen, so glaubt man nicht, in einem Lande zu sein, in dem der moderne Baumeister Corbusier lebt, von dem es schon ein paar ausgeführte Häuser in den Pariser Vororten gibt. Jener belgische Architekt, von dem ich sprach, bewohnt ein von ihm selbst gebautes Häuschen, das durchaus im englischen Landhausstil errichtet ist. Davor bleiben Sonntag nachmittags die Franzosen stehen und sagen: »Ah çà – c’est vraiment laid!« Sie halten einfache Zweckmäßigkeit für Häßlichkeit.
Natürlich gibt es Hunderte und Hunderte von älteren Besitzungen, die anders aussehen – wie ich hier überhaupt nicht von den schönen Häusern spreche, die sich die Hochfinanz, die großen Theaterleute, die Industrieherren in der Pariser Umgebung haben errichten lassen. Was hier geschildert wird, ist der Normaltypus des kleinen französischen Hauses in Paris-Zehlendorf – und das ist eben nicht schön.
Die alten Besitzungen weisen noch vielfach die »maison carrée« auf, jenen fast quadratischen, ruhigen Bau – mit wunderschönen, hellen und großen Zimmern, dicken Mauern – sehr häufig auch diese mit allem modernen Komfort. Der Normaltypus aber ist wenig erfreulich.
Es ist schade.
Die Landschaft besonders um Paris hat etwas von großer Lieblichkeit – sie ist durchweg zivilisiert, aber sie hat Stil – noch in den letzten Winkeln hat sie einen parkartigen Charakter. Dahinein platzen nun diese dummen Maurerwürfel, die ja für die nächsten zwanzig oder dreißig Jahre vorhalten müssen – und weil auch die Parzellen und Parzellchen ohne großen Verstand geschnitten sind, lediglich im Hinblick darauf, aus dem Grund und Boden möglichst viel Geld herauszuschlagen, so wird das architektonische Bild der nächsten Zukunft für Groß-Paris nicht sehr heiter aussehen. Ich kenne fast die gesamte nähere und weitere Umgebung der Stadt, die übrigens nach einem dunkeln Gesetz im Westen schöner und reicher ist als im Osten: nicht nur, dass man nicht an Dahlem denken darf, macht die Sache so traurig. Denn es wäre ja denkbar, dass die fremde Stadt ihre eigenen Werte birgt, und mit Vergleichen kommt man nie weit. Nein: Paris hat aber dem nichts an die Seite zu setzen; das Gute ist alt, und das Neue ist nicht gut.
Immerhin: die Pariser sinds zufrieden, und das ist schließlich die Hauptsache. Und die anderen finden, wenn sie nur Bescheid wissen, immer noch genügend hübsche Ecken, maßvolle Architektur, und in einem ornamentlosen Häuschen in reizvoller Landschaft so eine Art Glück im Winkel.

Unter dem Pseudonym Peter Panter im Jahr 1926

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