Paris in Ordnung

Guten Tag, Paris!
Guten Tag, Herr Fremder! Ich, ein Fremder? Wo ich doch so lange bei dir … !
Guten Tag, Herr Fremder. In Paris gibt es Franzosen oder solche, die es zu sein vorgeben – sie gehören dazu, und das sind keine Fremden. Du aber bist ein Fremder, und wenn du hundert Jahre bei mir lebst. Richtig, es gibt auch einige Pariser, und davon ist die Hälfte aus Korsika. Guten Tag, Fremder. Wie gefalle ich dir? Es ist mir übrigens gleichgültig – aber wie gefalle ich dir?
Unverändert schön. Wenn man so nach zwei Jahren wieder durch deine Straßen geht und alles ansieht … Du änderst dich nicht. Du wandelst dich – doch du änderst dich, scheinbar, nicht. Die Schutzleute heben den kleinen weißen Stab, der mitunter sehr hart sein kann, genau wie früher; die roten Rubinlämpchen an den Autos blinken auf, dieselben Cafés haben dieselbe Kundschaft, wenn man von den beiden Amüsiervierteln absieht, wo alle Viertelstunde ein neues Lokal aufgetan wird, mit jedesmal ganz anderm Publikum – und alle Monat ist eines eben das schickste, das allerfeinste und das, wohin alles zu gehen hat – heute ist es der »Blaue Engel«, wo die wilden Völkerschaften die Verse, in denen sie von Kopf bis Fuß eingestellt sind, mit aufgeweichten Konsonanten mitsingen:
»Isch bin von Kopf bis Fuß
auf Liebe angestellt –«
welch schöner richtiger Fehler!
Heute also ist es der »Blaue Engel«, und morgen wird das Ding zweifellos »chez sex-appeals« heißen, denn alles ist vergänglich.
Dieselben Restaurants haben noch dieselben Besitzer, die ernsthaft über ihre Saucen wachen; dieselben Buchläden haben dieselben Leser, und wenn ich zu meiner alten Concierge ginge, so bin ich fest davon überzeugt, dass ihr Mann sie noch prügelt (es gibt eine himmlische Gerechtigkeit), und dass sie noch denselben schwarz-weiß gefleckten Kater hat, und der Kater noch dieselben Flöhe … es ist alles in Ordnung.
In den Theatern spielen sie noch dieselben Stücke, mit »J’aime, tu aimes, je souffre, tu souffres … « und wenn es hochmodern zugeht, so sind es gut und gern zehn Vorstellungen gewesen, und auch die Comédie Française steht noch da, weil sich nichts so gut hält wie das ehrwürdige Alter. Dieselbe Seine fließt unter denselben Brücken, dieselben kleinen Blechstimmen der singenden Schauspielerinnen tönen auf den kleinen Bühnen, und nur der Präsident heißt jetzt nicht mehr Doumergue, sondern Doumer, (ça rime sur amer), und sie sind alle, alle noch da.
Bastia ist noch da, dessen Verse immer besser werden – er sagt sie selber auf, mit viel Stockschnupfen und großem Talent. Und der dicke, freche Martini ist Offizier der Ehrenlegion geworden, wohl zur Belohnung dafür, dass er so maßlos unverschämte und witzige Angriffe gegen die Regierung von sich gibt. Republiken muß man schlecht behandeln, dann behandeln sie einen gut.
Alle sind noch da, und neue sind hinzugekommen. Die Falten in den vertrauten Gesichtern sind schärfer geworden, das ist alles. Vieles hat sich gewandelt – die jungen Leute sind wohl anders als ihre Papas, aber das Ganze als äußeres Bild ist geblieben, so, wie es immer gewesen ist. Noch immer ist die soziale Verflechtung dieser Gesellschaftsordnung so unendlich dichtmaschig, dass es für den einzelnen außerordentlich schwer ist, sich hindurchzuwinden – ewig wird es mir ein Rätsel bleiben, wie man in diesem Lande Geld verdienen kann. Die Franzosen indessen verdienen es, aber ihre Hauptkraft besteht doch darin, es nicht auszugeben. Welche Kunst des Geizes! Welcher Zeitaufwand, um dreißig Sous zu sparen! Zeit kostet nichts. Geld kostet viel.
Teurer … ? Ja, Paris, du bist teurer geworden. Ich spreche nicht von deinen Frauen, die, wenn sie nicht nur alles im Schaufenster haben, sich stets sehr vorteilhaft in einen Handel begeben, dessen Regeln genau festliegen und den man mit keinem bösen Fremdwort bezeichnen sollte – doch das ist ein sehr verwickeltes Thema. Das »biftek« (französische Bezeichnung für »unser täglich Brot«) steht höher im Preis – die Löhne sind nicht mitgegangen, und dann fehlen die Amerikaner! Die Amerikaner sind nicht da! Ist so viel Glück ausdenkbar! Bei aller schuldigen Sympathie mit dem notleidenden Hoteliergewerbe. Denn wenn die Amerikaner nicht da sind, dann gibt es auch keine Amerikanerinnen, und das ist dann der Himmel auf Erden.
Ja, und die Kolonialausstellung ist eingeweiht, wird jeden Tag einmal eingeweiht, und sie fangen schon an, sie abzubrechen, dass sie wenigstens damit am 15. September fertig werden, denn vorläufig wimmelt es noch von Gerüsten und Baustaub und Arbeitern und Hammergeklopf. Und die Rikschas … nein, Rikschas gibt es nicht. Man hat sie laufen lassen wollen, doch haben etliche Organisationen gegen die Einführung der »pousse-pousse« protestiert, weil dieses die Menschenwürde verletze. Worüber man auch andrer Meinung sein kann.
Die Sonne scheint. Die Autos rollen. Auf den Fahrdämmen gibt es kleine, mit runden Metallscheiben bezeichnete Übergangsstellen; da müssen die Autos aufpassen, und wenn einer, und er wird da überfahren, dann gilt das nicht, und er hat mit Morgenstern den Trost, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Die Clairons blasen, aber zum Glück wenig. Die Portierfrauen lesen die Post ihrer Mieter. Die Börse brüllt. Neulich ist in einem Nachtlokal ein Franzose gesehen worden – wahrscheinlich wollte er dort die Toilette pachten, denn zu welch anderm Zweck sollte er wohl sonst dahin gehen? Um zwölf laufen alle zu Tisch. Jeder hat vierundvierzig Freunde an Hand, mit denen er des Lebens Herr wird – ohne »combine«, ohne einen Dreh wäre das nicht zu machen. Die Hupe gellt. Ein dicker Mann sitzt in einem Hauseingang und raucht über seiner Zeitung. Sein Sohn hat ein Motorrad und ist über Land gefahren, in das alte Frankreich, das ständig ein neues Frankreich wird. Die Frauen sehen eine Spur süßer aus, als sie sind. Nichts ist anders geworden, Paris, es ist alles in Ordnung.

Unter dem Pseudonym Peter Panter im Jahr 1931