Organisierte Beamte

Die Polizeibeamten Preußens haben jüngst ihren Verbandstag gehabt und da beschlossen, einen gewerkschaftlichen Zusammenschluß der Polizeibeamten anzustreben. Das ist höchst bedeutsam. Denn hier haben wir den Anfang einer Art Organisation, wie sie von der alten Regierung Wilhelms stets klüglich verboten wurde: eine Beamtengewerkschaft. Auch die Reichswehrsoldaten tun sich jetzt so zusammen; und auch nicht etwa aus politischen Gründen, sondern weil die Not der Zeit es ihnen gebietet, und weil sie keine andre Möglichkeit mehr sehen, auf ihren Arbeitgeber: die Regierung den wirtschaftlichen Druck auszuüben, den sie für nötig halten.
Es ist nun noch nicht ganz klar, welcher Gewerkschaftsgruppe sich solche Beamtengewerkschaften anschließen wollen. Für die Afa kommen sie nicht in Frage. Viele andre Gruppen werden ihnen politisch zu sehr bestimmt sein, und so bliebe denn schließlich wohl nur der Gesamtverband Deutscher Beamten- und Staatsangestelltengewerkschaften übrig.
Wie dieser Gesamtverband und wie vor allem die übrigen Gewerkschaftsgruppen über eine Gewerkschaft von Polizisten und Soldaten denken, wird die Folge zeigen. Ich glaube aber, dass es klug ist, den Beamten und Soldaten den Eintritt in eine festgefügte fortschrittliche Gewerkschaftsgruppe so sehr wie möglich zu erleichtern.
Die sozialistische Propaganda hat ja oft den Fehler gemacht, den im Dienst einer kapitalistischen Regierung angestellten Proletarier – denn der Beamte und der Soldat ist seiner Herkunft nach weiter nichts – persönlich zu verärgern. Der Beamte des alten Systems hatte bei den wirtschaftlichen Verhältnissen nicht das brennende Interesse des Proletariers am Lohnkampf, und es schied ihn von diesem vor allem auch seine gesicherte Zukunft, sein gesicherter Lebensabend. Durch seine Beamtentätigkeit erarbeitete er sich ein zinsentragendes Vermögen – das er nur, zum Unterschied von dem Kapitalisten, später nicht zur freien Verfügung hatte, sondern von dem er nichts als die Zinsen (eben seine Pension) bekam. Er war also über den bittersten Kampf um die Existenz erhaben, verstand den streikenden oder demonstrierenden Proletarier, zumal in wirtschaftlicher Beziehung, nicht recht und war demzufolge immer auf seiten seines Arbeitgebers: das feste Fundament eines kapitalistischen Staates.
Das hat sich gewandelt. Der Staat ist unter den neuen Verhältnissen gar nicht mehr in der Lage, den Subalternbeamten eine so auskömmliche Pension zu zahlen, dass sie für ihren Lebensabend mit ihrer Familie völlig gesichert dastehen. Der Beamte hat also heute viel mehr wirtschaftliches Verständnis für die Zeit und seine eigne Notlage. An diesem Verständnis ist er zu packen.
Der einzelne Schutzmann und der einzelne Reichswehrsoldat steht dem Proletarier heute nicht mehr so fern, wie es nach ihrem Verhalten oft scheint. Die Sache liegt doch so: Der Mann wird dafür bezahlt, dass er als Polizist oder Wachtmeister der Sicherheitspolizei oder Reichswehrsoldat die Banken schützt (denn darauf läuft seine politische Tätigkeit letzten Endes hinaus). Je besser er diesen Dienst ausfüllt, je härter er in den Einzelfällen des täglichen Lebens das arbeitende Volk anfaßt: um so schneller wird er Karriere machen, um so besser wird ihn sein Arbeitgeber bezahlen. Nun kann ihn aber sein Arbeitgeber heute nicht übermäßig gut bezahlen. Das könnte die Schwerindustrie, und sie würde sich mit Freuden eine solche Leibwache halten, wie sie es ja auch in den Freikorps dauernd getan hat. So lächerlich gut wie die Besoldung der Freikorps wird die der Beamten niemals sein können. Der Polizeibeamte und der Wehrsoldat haben also nicht mehr ein so brennendes Interesse für ihren Arbeitgeber, mit dem sie ja, wie die Verhandlungen zeigen, oft in offenen Streit über die Bezahlung kommen. Hier ist einzuhaken.
Man wird den im Staatsdienst angestellten Proletarier, der durch seine Anstellung heut nicht mehr völlig dem Bereich des Proletariertums entrückt ist, nicht nur sagen müssen, dass er nicht auf Vater und Mutter zu schießen hat. Er wird bei den schwierigen wirtschaftlichen Umständen heute mehr denn je Verständnis für die Lage der arbeitenden Klassen bekommen, und hier ist der Punkt, wo man einsetzen kann und muß.
Die unangenehme preußische Wichtigmacherei des altgedienten Unteroffiziers in den Büros der Polizei wird zwar, wenn der Typ dieser Unteroffiziere einmal ausgestorben ist, nicht ganz verschwinden. Aber den Nachfolgern kann man doch viel schneller begreiflich machen, dass sie ihrer ganzen Struktur nach mehr zu uns, den Regierten, als zu den Regierenden gehören, wenn man sie nur an ihre wirtschaftliche Lage erinnert. Das heißt nicht: sie gegen ihren Arbeitgeber aufhetzen. (Das besorgt schon die Not.) Aber es heißt: sie darauf aufmerksam machen, dass die Schnauzerei und das schlechte Benehmen gegen das Publikum ein etwas billiges Vergnügen ist, das früher wohl eine angenehme Zugabe zum Gehalt war, heute aber auch nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass die Abendbrotstulle dünn belegt ist. Das Beamtentum der Subalternen muß sich zum Proletarier mehr hingezogen fühlen als zur Regierung.
Erwecken wir in den Köpfen der Polizisten und Soldaten erst einmal die klare Erkenntnis ihrer wirtschaftlichen Lage, haben sie erst mehrere Male mit dem Proletariat Schulter an Schulter in einem politischen Streik gestanden, wie das, zum Beispiel, mit Teilen der Sicherheitspolizeimannschaften während des Kapp-Putschs der Fall war: dann haben wir der kapitalistischen Regierung eine mächtige Waffe aus der Hand gewunden.
Wir haben aber noch mehr. Wir können vor allem darauf hinwirken, dass die kleinen Könige auf den Polizeirevieren verschwinden oder sich doch etwas kleiner machen, die hochfahrenden und unangenehmen Typen einer Beamtenschaft, die der glorreiche Hohenzoller den Schnurrbart deshalb stark nach oben bürsten ließ, damit die Plebs im Rinnstein zitterte. Hier wird nicht gezittert. Das Bürgertum ist viel zu schwach und zu feige, um sich gegen eine schlechte Behandlung in den Geschäftszimmern der Polizeistellen, Lebensmittelbüros, Standesämter und Reichswirtschaftsstellen zu wehren. Der Bürger macht das in diesem Falle so, dass er sich auf Grund seines hohen Kragens oder seines hohen Namens eine Ausnahmebehandlung zusichert und im übrigen Gott einen guten Mann und den Wachtmeister einen rohen Patron sein läßt. Auf das Grundsätzliche kommts ihm nicht an.
Uns kommts aber auf das Grundsätzliche an. Beschwerden bei der nächsthöhern Dienststelle sind in fast allen Fällen erfolglos, weil ein Beamter dem andern Beamten, wenns um das Ansehen nach außen geht, nicht gern ein Auge aushackt. Die hunderttausend kleinen Fälle aber, die sich täglich in Preußen ereignen, und in denen man sieht, wie ein Staatsangestellter sich immer noch einbildet, persönlich und sachlich eine »Obrigkeit« darzustellen – diese Fälle werden erst dann aufhören, wenn die freien Gewerkschaften auf einer erträglichen Basis mit den Beamtengewerkschaften zusammenarbeiten. Der preußische Beamte wird sich in schweren und leichten Lagen gegen den Proletarier nur dann anständig benehmen, wenn er weiß: der ist mein Bruder.
Der Zusammenschluß zwischen dem preußischen Proletarier und dem preußischen Beamten wäre das Ende einer verhaßten preußischen Welt.

Unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel im Jahr 1920

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