Nationales (Die Engländer wollen etwas zum Lesen…)

Die Engländer wollen etwas zum Lesen, die Franzosen etwas zum Schmecken, die Deutschen etwas zum Nachdenken.

Einmal tauchte eine falsche Tausend-Francs-Note auf.
Der Franzose sparte sie. Der Engländer steckte sich seine Pfeife damit an. Der Deutsche lieferte sie an seine Fürsten ab, bekam sie zurück und zahlte eine Lebensrente als Entschädigung. Der Ungar erkannte sie wieder, nahm sie und gab falsch heraus.

In einem Hotel waren einst je fünfzig Angehörige aller Länder versammelt.
Die Engländer sah man. Die Deutschen hörte man. Die französischen Köche schmeckte man. Und als es nach Knoblauch roch, da stritten sich zwölf Nationen um die Ehre.

Grenzvölker habens nicht leicht. Sie meiern sich zunächst an den Mächtigern an, werden wegen Überpatriotismus zurückgewiesen, ziehen sich nunmehr voll Haß auf ihren eignen Patriotismus zurück und entrollen ›Grenzprobleme‹. Zum Schluß glaubt ihnen niemand mehr. Sie sich übrigens auch nicht.

Der Jude ist die Zirbeldrüse im Völkerorganismus. Niemand weiß, wozu sie eigentlich da ist – aber herausschneiden kann man sie nicht.

Die Holländer wollen Frieden; der Franzose will keinen Krieg; der Engländer will unter Umständen keinen Frieden; und der Deutsche will, dass die andern mit ihm Krieg anfangen.

Wenn die Amerikanerin so lieben könnte, wie die Deutsche glaubt, dass die Französin es täte –: dann würde sich die Engländerin schön freun. Sie hätte einen herrlichen Anlaß, sich zu entrüsten.

Es gibt keine geborenen Großstädter.
Der Berliner sagt, er sei in Breslau geboren, stammt aber aus Posen; der Pariser ist aus Tunis und bestenfalls aus Frankfurt, der Wiener aus Czernowitz und der New Yorker aus Württemberg. Nur die Prager sind aus Prag, und das ist ihnen ganz recht.

Wenn sie beerdigt werden, machen sie das so:
Der Deutsche läßt sich seine Orden auf einem Kissen nachtragen und ist noch im Sarge stolz auf Trauerrede und Beteiligung.
Der Franzose bestellt sich ein Leichenbegängnis 1. Klasse, die Leiche vermerkt mit Bedauern, dass nur vierundvierzig Kerzen in der Kirche brennen.
Der Grieche kommt eine Kleinigkeit zu spät zu seiner Beerdigung – er war noch rasch beim Friseur.
Der englische Lord hält auf respectability und gibt nicht zu erkennen, dass er gestorben ist, er bleibt im Oberhaus würdig sitzen.
Der Wiener liegt im Grabe zunächst verhältnismäßig still, aber zum ersten Wurm, der angekrochen kommt, sagt er: »Sie! I hab g’hert, die Ada hat an Italiener g’heirat? Woos? Das is nich wahr? In meinen Augen sind Sie an Wurm, an dreckiger!« Und das stimmt dann auch.

Unter dem Pseudonym Peter Panter im Jahr 1926