Na, mein Sohn?

Besinnt ihr euch noch auf die Inspektionen eurer Truppenteile bei den Militärsoldaten? Wenn da die hohen und höhern und höchsten und allerhöchsten Offiziere durch die starren Reihen gingen und hier und da ein leutseliges Wort an die Kerls richteten? Erinnert ihr euch daran? »Na, mein Sohn, wo hast du dir denn das Eiserne Kreuz verdient?« Und der also Angeredete nahm die Nase noch steifer gradeaus und gab eine brave und leere Antwort, grade so dumm und leer wie die interesselose Frage, und der Inspizierende ging befriedigt weiter, und alles war gut …
War wirklich alles gut? War es die Aufgabe und der Lebenszweck der Führer, mit dieser falschen und gemachten Loyalität, die so viel Herablassung mit ebenso viel Menschenverachtung verband, zu dem niedern Volke herunterzusteigen? Es schien so. Denn sie hatten ja allesamt in diesem Kriege nicht begriffen, dass sie nicht mehr, wie in seligen Friedenszeiten, unter ihren Bauernjungens standen, unter denen der Leutnant so eine Art Gott war, weil er fließend lesen und schreiben konnte – (meist das einzige, was er konnte). Diesmal aber stak unter den grauen Kitteln ein gut Teil der Intelligenz des Landes, und wie hat es die berührt, wenn irgendein bunter Popanz ihnen leutselig und ganz von oben herunter die Frage stellte: »Na, mein Sohn?«
Wir verzichten auf diese Soldatenväter. Sie sind nicht ausgestorben. Es gibt immer noch viele unter den bürgerlichen ›Vorgesetzten‹, die annehmen, sie seien so etwas wie der alte Fritz und wir andern seien die braven potsdamer Rekruten, die sich stundenlang über ihren König unterhalten. Vorbei, vorbei –. Wir wollen Sachlichkeit im Betrieb und verzichten gut und gern auf diese kleinen menschlichen Kniffe.
Die Deutschen sind noch lange nicht dazu erzogen, miteinander zu arbeiten. Sie können nur wirken, wenn man sie einen über den andern stellt. Das kommt uns zum Halse heraus. Zusammenarbeiten! ist die Losung, nicht: Unterstellen! Hand in Hand arbeiten heißt es, nicht: Überordnen. Damit ist gar nichts geschafft; das nutzt nichts, sondern schadet nur: diese Kompetenzstreitigkeiten, dieses Raufen, wer nun mehr zu sagen hat, und wer am allermeisten zu sagen hat. Das führt uns nicht weiter, sondern treibt nur von der Arbeit ab. Und vielleicht erleben wir doch noch einmal die Zeit, wo sich kein Deutscher mehr zu dem eigenen Landsmann leutselig und ohne innere Anteilnahme herabläßt, und ihm gutmütig auf die Schulter klopft und kopfnickend zu fragen geruht: »Na, mein Sohn?«

Unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel im Jahr 1919