Musiklärm

Karl Kraus sagt einmal irgendwo: »Wenn zwei Deutsche zusammen sind, so gründen sie einen Verein. Stirbt der eine, so erhebt sich der andere zum Zeichen der Trauer von seinem Platz.« Einen »Antilärm« zu gründen, bekommen nur Deutsche fertig. Immerhin, es gibt ihn.
Der Lärm spielender Kinder auf den Straßen … baut Spielplätze! –
Babygeschrei in den Wohnungen … Rabitzwände – zwei Schwurfinger der Bauschieber dick.
Teppichklopfen, Hundewauwau, die Straßenbahnen –: alles ist noch zu ertragen.
Aber wie, wenn eine o-förmig den Mund öffnet, eine den Klaviersessel höher dreht, einer das Kolophonium zückt? – Hier läßt uns alles im Stich: die Justiz, die ein Ausziehen nicht für gerechtfertigt hält (auf der Stelle würden die Wirte die Kontrakte ändern), die Verwaltung, die sich, wenn sie Polizei heißt, eher damit befaßt, die Parteiangehörigkeit der Droschkenpferde zu ermitteln, – wir sind geliefert. Das hämmert, das gackert, das kratzt und lärmt. Wenn es noch gute Musik wäre! – Wenn es noch eine stille Stunde wäre, die dem Nachbar eingibt: Du mußt jetzt einmal ein schönes Volkslied spielen, einen Tanz … Es ist (in den meisten Fällen) die schmierige Eitelkeit, sich durch diesen Lärm herauszustellen. Die Musik wird überschätzt.
Wenn einer zu stumpf ist, je ein ordentliches Buch zu lesen, zu dumpf, sich um Politik zu kümmern: Musik wird in seinem Haus gemacht. (Sie wird gemacht; da ist sie nicht.) – Nichts gegen gute Konzerte, gegen schöne Wanderlieder, rhythmische Lustigkeit – nur nicht dieses kleinbürgerliche: »Meine Tochter muß Klavierstunden haben.« Nein! sie muß nicht. Es ist geradezu fürchterlich, dass man keine drei Häuser weit mehr gehen kann, ohne dieser Musikpest zu begegnen, die die Gesunden, Nichtbeteiligten ansteckt, aber die Ausüber leider nicht tötet … Es will nichts, aber auch gar nichts heißen, dass eine den Schubert ganz hübsch singen kann, eine andere den Liszt geläufig spielt. Na und –?
Sie tun es nicht, sicher nicht, nur, um ihre Mitmenschen mit der fertigen Leistung zu erfreuen. Es ist eine liebe, aufgeblasene Eitelkeit, die uns das Leben, nein, die Wohnung zur Hölle macht.
Künstler tun das nicht. Es sind bourgeoise Dilettanten, die sich und die Musik überschätzen. Man sollte sie in ihre Klaviere sperren.

Im Jahr 1912