Märtyrer

Für den Dr. S. in Paris

In der langen rue de Vaugirard, die so lang ist wie ein Darm, so lang wie die Geduld mancher deutscher Pazifisten mit dem Reichswehrminister, den sie ununterbrochen ›fragen, wann er denn nun endlich … ‹, die Armen, in der rue de Vaugirard, die so lang ist, dass man stundenlang durch sie hindurchspazieren kann, man tut es aber nicht, weil sie häßlich ist, die lange Straße, die, nach Südwesten laufend, vom Jardin du Luxembourg ausgeht, welcher dort den Senat aufgebaut hat, dem gegenüber das altberühmte Restaurant Foyot, das frühere Hôtel de l’Empereur Joseph II., welcher Name aber im Kriege unterdrückt … also so lang ist die rue de Vaugirard.
In der langen rue de Vaugirard hätten wir die Nr. 70, die birgt ein katholisches Seminar, eine Kapelle … die Straßenfront läuft ja unverändert fort, man sieht an der dunkelgrauen Steinmauer kaum auf, da ist wohl nichts. Doch, da ist etwas.
Ein guter alter Mann, der zunächst von dem Vorrecht aller Concierges Gebrauch macht, nicht da zu sein, kommt über den Hof geschlurcht, ja, ja, er wird uns das alles zeigen, er nuckelt mit dem Kopf, scheppert mit den Schlüsseln, und dann lassen wir die wirklich nicht schöne Kapelle da liegen, wohin sie gehört, nämlich links – er führt uns einen engen Gang zwischen zwei Hausmauern hindurch, und dann steigen wir in die Krypta hinunter.

Die Konstituante der großen französischen Revolution hatte dem Klerus am 12. Juli 1790 eine neue Verfassung aufgebrummt und sie durch Dekrete des Jahres 1791 und 1792 dahingehend verschärft, dass die Priester, die im Amt bleiben wollten, einen Eid auf die neue Verfassung zu leisten hatten, bei Strafe der Deportation. Man trieb die widerspenstigen Kleriker zusammen, und diejenigen, die den Eid weigerten, wurden in das damalige Carmelitenkloster gesteckt, 70 rue de Vaugirard. Es war das ein Kloster der reformierten Carmeliter, ein altes Ding, mit einer kleinen Kirche, in die man die Gefangenen stopfte. Aus allen Ecken wurden sie zusammengeholt, schließlich kampierten da hundertundsechzig. Dann erleichterte sich ihr Los etwas, sie durften im Klostergarten Spazierengehen. Das war Mitte August 1792.
Es ging dem neuen Frankreich nicht gut, damals. Die Preußen hatten Longwy und eine Stadt namens Verdun eingenommen, in Paris waren alle Leute nervös, die sich mit Politik befaßten. (Nicht: ganz Paris brannte in Aufregung. Auch damals haben die Frauen morgens ihre Milch geholt, und so pathetisch und opernhaft ist keine Zeit und keine Stadt auf Monate hinaus, wie sich die Geschichtsschreiber und andre Filmregisseure das oft einbilden.) Danton hatte eine heftige Rede gegen konterrevolutionäre Umtriebe gehalten … Es stand nicht gut um die Eingesperrten. Der Carmeliterorden war nicht unbeliebt und wurde auch im allgemeinen in Frieden gelassen – aber diese hatten starr und stark den Eid auf die neue Verfassung verweigert … Da war ein gewisser Manuel, der revolutionäre Staatsanwalt, der sich angelegentlichst mit dieser Sache befaßte. Am 1. September war er so weit. Am 2. September waren sie so weit.
Der 2. September war ein Sonntag, und die Gefangenen ahnten, was ihnen bevorstand. Man hatte sie in den Garten getrieben, und um halb vier nachmittags erschien ein Haufe bewaffneter Leute, die anfingen, in die hin- und herlaufenden Gefangenen hineinzuschießen. Als sie bei der Arbeit waren – schon hatten sie den Erzbischof von Arles angeschossen und dann erschlagen –, erschien Manuel am Fenster und gebot aufzuhören. Das Morden stoppte ab. Der Revolutionär ließ die Lebenden in ein Zimmer des Refektoriums treten, setzte sich hinter einen Tisch auf dem Gang und rief sie namentlich auf. Sie kamen, zwei und zwei. »Wollen Sie den Eid auf die Verfassung leisten –?« »Nein.« – »Sie können gehen.« Sie gingen, ins Freie, in den Garten, in den Tod. Rechts und links vor der Tür standen die Soldaten der Revolution und erschossen die Kleriker. Insgesamt hundertundvierzehn.
Als es vorbei war, beerdigte ein beauftragter Unternehmer die Leichen auf zwei Wagen, und weil ihm das zu viel wurde, warf er den Rest in den Klosterbrunnen.
Die Krypta hat elektrisches Licht. Der gute alte Mann erklärt, und ein Geistlicher hat sich angeschlossen, er trägt seinen niedrigen Hut in der Hand und hat ein Käppchen darunter auf den weißen Haaren, seine klugen Augen sehen durch die Brille. Auch er erklärt, wirft ein Wort ein, eine Ergänzung, ein Datum …
Die Kirche hat ihren Märtyrern eine Kapelle errichtet. Die Kirche hat die Gebeine aus dem Brunnen geholt, die Schädel, die Beinknochen, die Hölzer, Teller, Scherben; alles, was man damals hineingeworfen hat, ist sauber aufgebaut, in zwei großen Vertiefungen der Kapelle. Der Alte knipst das Licht an – da liegen zu Hunderten die Knochen, darunter eine Inschrift: »Ayant préféré la mort à la violence … « Manche Schädel liegen besonders, in zwei Wandschränken, jeder in seinem Kasten, man sieht die Kugelspuren, die Säbelhiebe … Die Namen sind in Marmor gegraben.
Im Nebenraum, unter Glas und Rahmen, ein großes Mauerstück mit einem braunen Widerschein: das ist von der alten Kapelle, vor der die Exekution vor sich ging. Das Braune ist Blut. Wir steigen wieder hinauf.
Da ist der Garten. Er ist ein kleines Stück Friede, zwischen Mietshäusern, damals mochte er fünfmal so groß gewesen sein. Da ist die kleine Treppe mit der Tür, aus der sie herauskamen, ein Holzschild hängt da:
Hic ceciderunt.
Hier sind sie gefallen. Da ist der Vorraum mit den alten Fliesen, auf denen der Tisch des Richters stand, hier der Raum, aus dem sie kamen, zwei und zwei, hier die Treppe mit dem Fenster, aus dem Manuel herausrief, sie sollten aufhören … Und oben ist noch ein Zimmer, darin feierten die Revolutionäre ihr Werk, die Säbel hatten sie an die Wand gelehnt, das Blut rieselte herunter, sorgfältig ist auch dies unter Glas gesetzt. An der Wand eine dünne Bleistiftspur, von bestrittener Authentizität: Vve. Beauharnais. Ja, das wäre alles.

Im Jahre 1792 hat man sie erschlagen; ob das hat sein müssen oder nicht … ? Waren es wirklich Konterrevolutionäre? Waren es Harmlose?
Im Jahre 1867, also fünfundsiebzig Jahre später, hat die Kirche noch nichts vergessen und ihnen die Krypta gesetzt. Seit achtundfünfzig Jahren wird sie den Gläubigen, den Indifferenten, den Neugierigen gezeigt. Anschauungsunterricht: Sieh hier die Knochen, die Schädel – niemand, der nicht aufmerkte. Wenn du willst, kannst du die Inschriften lesen … Niemand, der sie nicht läse. Dieser Baum stand damals schon, er war Zeuge der Vorgänge, diese Fliesen, jene Tür … Ansichtskarten beim Pförtner.
Ganz leise, und daher um so eindringlicher, spricht hier eine Politik. Sie ist das beste Recht der Kirche.
Es sind aber zwölf Millionen gefallen, obgleich sie nicht wußten, wofür sie losmarschierten, zerfetzt, damit sich Herr Generaldirektor Bunkenhausen eine neue Villa bauen konnte, verstümmelt, weil sich Petroleumindustrien nicht einigen mochten, blind geschossen, weil der Massenwahnsinn sie faßte, wohlpräpariert von einer Presse, die schlimmer war als ein Geschäft: ein verkapptes Geschäft; angefeuert von Blasorchestern und Journalisten, die den Charakter nicht aufbrachten, einmal abseits zu stehen und die Vernunft zu bewahren.
Sorgfältig streicht die Kirche Blutspuren auf einer Steinmauer an – sie werden nicht verschwinden. Es kommt nicht auf die historische Wahrheit an, es kommt auf den Geist an, der nicht vergessen kann und nicht vergessen will. Die zwölf Millionen? Hier war die Schlacht bei Verdun, hier verblutete über eine Million Menschen. Da sind auch noch einige Gräber.
Zu Hause errichten die dankbaren Kommunen Denkmäler, auf beiden Seiten dankbar, weil auf beiden Seiten die armen Helden Haus und Herd gegen den Angreifer schützten. Aber was da auch an pratschigen Siegesgöttinnen, Poilus und Feldgrauen, segnenden Vaterländern und markig verreckenden Kriegern ausgemeißelt worden ist, modern, schlicht, klassisch, wilhelminisch, bramsig, kunstgewerblich – an keiner Stelle, die ich bisher zu Gesicht bekommen habe, steht:
Nie wieder!
An keiner Stelle auch nur ein Bedauern für die sittliche Minderwertigkeit der Idee, für die jene starben. An keiner Stelle ein Gelöbnis gegen das Morden. »Wir ehren die Toten ohne Politik … «
Das ist nicht wahr. Ihr ehrt sie mit einer tosenden Reklame für den Kasernenhofwahnsinn, mit bengalischer Beleuchtung des armen Luders, das nie gewußt hat, warum es so leiden mußte, mit Tam-Tam für das nächste Mal.
Racheschwurhände erheben sich aus deutschem Marmor, Fackeln lodern, steinerne Handgranaten werden abgezogen … Hic ceciderunt?
Hätten wir Pazifisten Märtyrer unsrer Sache so aufgebahrt, mit einem so niemals verlöschenden Gedächtnis, mit einer solchen Stärke unnachgiebiger und nie verzeihender Kraft, Grausen aufbewahrend, Mordtaten für die Jahrzehnte stempelnd, sinnliche Eindrücke mit der Moral so geschickt vermischend wie die katholische Kirche, die eine ungeheure sittliche Kraft sein könnte, befolgte sie ihre Evangelien –: es sähe anders um unsre Sache aus.
Was in der rue de Vaugirard steht, ist ein Beispiel. Was wissen unsre Kinder vom Krieg? Daß man das Schlachtvieh ehrt, in Lesebüchern und Mausoleen, in Bürgermeisterreden und Denkmalseinweihungen, Ihr wollt Pazifisten sein? Ein Bedauern für die Opfer. Einen Fußtritt aber dem Andenken der Generale, Fürsten, Präsidenten, Minister und Journalisten, die das Leben der andern hingaben für die Ehre der Bilanz des Vaterlandes.

Unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel im Jahr 1925

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