Kunst und Kaufmann

Seit ein paar Jahren fehlt es nicht an Bestrebungen, die darauf ausgehen, den unüberbrückbaren Zwischenraum zwischen Kapital und Kunst, zwischen Geld und Geist zu verwischen. Früher verdiente der Kaufmann sein Geld, und damit war es gut. Heute genügt das nicht mehr. Da hören sie so viel von Intellektuellen, und von Kunst und von Geist … und allen solchen schönen Dingen … Das müssen sie auch haben. Man läßt sich doch nicht lumpen. Nun aber ergibt sich, dass man das nicht so einfach kaufen kann wie einen Packen Baumwolle. Man bekommt ja viel fürs Geld heutzutage, auch Schmöcke, Kunsthändler, Zeitungen, die dem Kaufmann bestätigen, dass er viel mehr tut als nur sein Geld verdienen. Er erfüllt eine Kulturarbeit!! Jawohl!! Wenn man vielleicht denkt, es ist ihm um die Bilanz zu tun, so irrt man. Er ist kein Krämer, er ist ein Pionier!
Man verstehe nicht falsch. Die unbeabsichtigten kulturellen Wirkungen eines großen Handels wird niemand leugnen, aber es ist nicht wahr, dass der Kaufmann auch nur im Traum daran denkt, Kultur oder auch nur Zivilisation zu verbreiten. Verdienen will er – und widerlich ist nur, dass er’s nicht sagt.
Dieser Wahnsinn, der den Prinzipal als Lichtbringer darstellt, hat zur Folge gehabt, dass die Formen, die äußerlichen Formen, unter denen Geld gemacht wird, sauberer geworden sind. Man richtet sich anständiger ein, man hat hübsche Briefbogen, weil man es sich leisten kann, weil die Konkurrenz es auch hat, und weil das Publikum so etwas liebt. Aber ist man deswegen kultureller geworden? Mit nichten.
Das Kapital beginnt heute das Schlimmste zu tun, was es gibt: es kauft sich – nicht die Köpfe, die kann man nicht kaufen, – aber die Mäuler. Der Deutsche hat nicht den Mut des Amerikaners, Geld und nur Geld zu machen, – er muß das bemänteln. Er muß sagen, warum er es tut. Und engagiert sich allerlei Leute, die das Kapital und die Industrie als Kulturveranstaltungen preisen. Aber das Kapital hat mit Kunst und Kultur nichts zu schaffen.

Anonym im Jahr 1913

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