Kriegsdienstverweigerer

Die Irrlehre, dass der Staat die Berechtigung habe, von seinen Angehörigen im Kriegsfalle Arbeit und Leben zu fordern, hat zwei Gegner: die Utilitaristen, die nachweisen, welche wirtschaftliche Sinnlosigkeit ein Krieg ist, und die idealen und tatkräftigen Pazifisten, die nicht töten wollen, weder um diesen lächerlichen Preis noch überhaupt. Während aber den Feldgeistlichen und den Universitätsprofessoren gelungen ist, die Brücke zwischen Christus und den Traditionskompanien der Reichswehr zu schlagen, gibt es doch schon eine Reihe Leute, die den Mut aufbringen, sich lieber einsperren zu lassen, als auf Befehl des geistig minderwertigsten Teils ihres Staates Löcher in andersgefärbte Uniformen zu schießen und die Aktiven der Händler, die die Helden bezahlen, zu erhöhen. Was in der Korrektionsanstalt Preußen-Bayern eine Ketzerei ist, war während des Krieges in England bei vielen eine Selbstverständlichkeit: das ausgezeichnete Heft »Die englischen Kriegsdienstverweigerer« von Martha Steinitz (im Verlag Neues Vaterland zu Berlin) gibt darüber Auskunft.
6312 CO sind wegen Kriegsdienstverweigerung in England seinerzeit verhaftet worden (CO = Conscientious Objectors, so hießen die Kriegsdienstgegner aus Gewissensgründen). 6312 Helden – denn es hat sicherlich mehr Mut dazu gehört, einer Nation und ihrem Wahnsinn zu widerstehen, als sich wie ein Stück Vieh von hinten nach vorne treiben zu lassen. Das Heftchen setzt lehrreich auseinander, von welch verschiedener Art diese Menschen waren, welche Organisationen sie gebildet hatten, wie tapfer und anständig sie sich in Gefangenschaft benahmen, und wie nur ganz wenige sich schließlich dem Zwange der Mordorganisation fügten. Bei den andern half nichts: Haft nicht, Geldstrafen nicht und auch nicht jener gemeine Versuch der englischen Militärbehörden, siebenunddreißig Männer mit Gewalt nach Frankreich zu verschleppen und dort in ein Strafbataillon einzureihen. »Wir wurden alle mit dem Rücken gegen ein Gerüst gestellt, das aus senkrechten Stangen in Abständen von 4 oder 5 Yards und Querbalken bestand, die etwa 5 Fuß über der Erde befestigt waren. Unsre Knöchel wurden zusammengebunden und unsre Arme dann hochgezogen und an den Handgelenken an die Querbalken sehr fest gebunden, in welcher Haltung wir zwei Stunden aushaken sollten.« Eine senkrechte Stange – und ein Querbalken: man nennt das ein Kreuz …
Die große Ausnahme Bertrand Russell (unsre Professoren heißen Hofmiller und wetteifern an guter Gesinnung mit dem letzten Feldwebel, der so einen wieder an Ehrlichkeit übertrifft) – Russell war eine Insel im Meer der vom Vaterlandskollaps Geschlagenen. In England.
Und bei uns? Die Verfasserin beklagt mit Recht die immer noch geringe Verständnislosigkeit in den Kreisen des braven deutschen Pazifismus, der da glaubt, mit Vereinsgründungen und Resolutionen, die W. T. B. nicht um die Welt verbreitet, seine Aufgabe erfüllt zu haben. Ein klares Bekenntnis zur Kriegsdienstverweigerung ist die Basis für allen Pazifismus. Der Rest ist Literatur. Wir haben schon einen Bund der Kriegsdienstgegner – mit Bünden ist gar nichts getan –: aber diese Bewegung kann gefördert werden, wenn der, der sie billigt, sie auch ins Praktische umsetzt. (Man wende sich an Dr. Armin T. Wegner. Neu-Globsow in der Mark. Postscheckkonto Berlin 80907.)
Es ist unsre Menschenpflicht, gegen die allgemeine Wehrpflicht nicht mit dem ärztlichen Attest und den Beziehungen anzugehen, sondern sie zu verweigern, sie bedingungslos zu verweigern – auch dann, wenn sie Gesetz wird.

Unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel im Jahr 1922

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