Krach!

Wenn Sie die Seele dieses Volkes ganz genau kennen lernen wollen, dann müssen Sie einen deutschen Krach mitanhören. Der geht so vor sich:
Getränkt von Offensivgeist, heimlichen Rittern gleich, jeder Zoll ein Baron, so stehen die deutschen Mannen beieinander: auf der Plattform des Omnibus, in den Wandelgängen des Theaters, in Berlin-Garmisch, in Berlin-Charlottenburg, in den Kinos – überall. Aber der Raum ist eng, es kommt vor, dass es da ein Gedränge gibt, eine kleine Meinungsverschiedenheit … Böse Blicke … ein Zucken zuviel in den Augen des andern … Und dann gehts los.
Der deutsche Krach unterscheidet sich von allen andern Krachs der Welt dadurch, dass er sich niemals mit dem Einzelfall begnügt. Es wird immer gleich alles Prinzipielle miterledigt. Anderswo beschimpft man Personen. Bei uns nur Institutionen.
Beginn: »Erlauben Sie mal – wie kommen Sie denn dazu?« Das ist noch aristokratisch durch und durch und von der besten Tanzstundenbildung diktiert, aber schon durchzittert von der geheimen Angst, der andre könnte – wir sind wir! – die persönliche Würde, die man repräsentiert, nicht anerkennen. Das tut er auch nicht. Er antwortet. »Wer sind Sie denn überhaupt, Herr?« (Grundsätzliche Anerkennung der Kastenunterschiede; Negierung ihrer Gesetze für den vorliegenden Fall.) »Das werden wir ja sehen! Unerhört! Man müßte … « Hier beginnt die Auseinandersetzung jenen seltsamen, prinzipiellen Charakter anzunehmen, der sie so auszeichnet. Zunächst stößt der Benachteiligte Drohungen aus, die er niemals verwirklicht, die aber deutlich zeigen, was er sich so unter wirksamen Waffen im Daseinskampf vorstellt. »Ich werde das mal der Presse übergeben!« (Wahrscheinlich als Inserat.) Und dann kommt das deutsche Wörtchen ›überhaupt‹.
»Überhaupt diese Logenschließer! Aber wenns Gehaltzulage gibt, dann sind sie da … Ja, das können sie!« Nun nimmt das Gespräch schnell einen rassenbiologischen und allgemein sozialen Charakter an.
Wenn es gegen Angehörige der arbeitenden Klassen geht, hörst du den andern einen Leitartikel aus dem jeweiligen Morgenblättchen aufsagen. »Nischt arbeiten und denn ooch nischt tun – so ist richtig! Na, das kommt noch mal anders! Ihr werdt noch mal so klein –!« (Prophezeiung größerer Wirtschaftskrisen mit angedrohter Ausnutzung durch den Kapitalisten. Dazu meist höhnisches Gelächter der Produktionsvertreter.) Wird die offene Feldschlacht aber mit einem Herrn im Stehkragen ausgefochten, so kann man zehn gegen eins wetten, dass er wenn er nicht grade Schmisse sein eigen nennt, folgendes zu hören bekommt: »Das sind alles diese verfluchten Juden! Man müßte euch alle rausschmeißen, galizisches Gesindel! Erst nehmen se einem hier die Wohnungen weg … !« Der Zuschauer bemächtigt sich in solchen Fällen eine ungeheure Erregung. Es bilden sich Gruppen, die in angeregter Unterhaltung ihre Meinungen austauschen und aufsagen, worauf sie abonniert sind.
Der Omnibus ist inzwischen schon längst weg, das Theaterbillett ist schon lange verkauft, die Garderobenfrau ist nach Hause gegangen … Aber unentwegt, mit Schaum vor dem Mund, mit puterrotem Kopf und einem Schwall von Papierphrasen steht jener noch da und regelt den Fall grundsätzlich, juristisch, ein für alle Mal.
Denn wir sind gründlich, wir Bewohner dieses platten Landes, und wollen es auch bleiben, für und für.

Unter dem Pseudonym Peter Panter im Jahr 1922