Königsmacher in der Bretagne

Hinter der Garnison Saint-Brieuc, an einer bretonischen Bucht, liegt ein kleines Nest, da hopst der französische Mittelstand ins Meerwasser und wundert sich nicht, wenn auf jeden Franzosen eine ausgetrocknete Amerikanerin kommt. Das ist bei uns so Sitte …
Vier Wochen wars still und stumpf: in den Felsen pfiff der Wind, die Sonne ging abends blutrot unter oder ließ sich durch Regenwolken entschuldigen; die kleinen Kinder brüllten wie am Spieß, wenn sie ins Wasser getunkt wurden, und die süße, junge badende Engländerin entpuppte sich erst am vierundzwanzigsten Tag als Mädchen – meine anatomischen Kenntnisse hatten mir bis dahin erlaubt, sie für einen Jungen zu ästimieren. Am fünfundzwanzigsten Tage aber ruhte mein Auge mit Wohlgefallen auf ihr, und am Abend dieses Tages wurden wir alle jäh aus unserer bescheidenen Idylle aufgestört. Die ›Action Française‹ war da!
Wirklich: die ›Action Française‹ läßt Reiseredner herumrollen, und die klappern nun Strand auf Strand in der Bretagne ab und scheuchen die erholungsbedürftigen Leute aus ihren Windzelten auf – Versammlung! Politik! Politik mitten in den Ferien –!
Der kleine Kasinosaal, in dem sonst ›Comment j’ai tué mon enfant‹, und der Lichtschatten des armen Valentino zu sehen waren, füllte sich höchst langsam: als es losging, waren wir etwa hundertundfünfzig Menschen, darunter drei Viertel Frauen und sehr viele junge Mädchen in Weiß. Nein, der englische Damenjunge ist nicht da – hier sind, fast zum ersten Male, die Franzosen unter sich.
Oben, auf dem kleinen Bühnchen mit den Zimmerkulissen, steht der Vorstandstisch, über den die Bäuche und die Bärte hängen. Der Vorsitzende erhebt sich.
Man soll Reden nie vorlesen. Nicht nur, weil eine Rede keine Schreibe ist, sondern weil es mitunter schief gehen kann. »Ich danke Ihnen, meine Damen und Herren«, liest der Vorsitzende aus seinem Papier vor, »dass Sie sich hierher bemüht haben. Besonders aber danke ich Ihnen, meine Herren«, liest er vor, »dass Sie Ihre Erntearbeiten im Stich gelassen haben, um zu uns zu eilen … « Ich sehe mich um, ich denk: Nanu? denk ich – hier ist doch keiner, aber kein einziger Mensch, der heute auch nur einen Blumentopf begossen hat? Diese angeredeten Bauern also waren nicht da.
Der erste Redner: »Die Situation der Lage«. Alles kann man von der ›Action Française‹ sagen, nur eins nicht: dass sie greisenhaft sei. Dies aber war ausgegraben alt. Man denke sich einen an Schlafsucht leidenden Christlich-Sozialen aus Wien, und man hat ungefähr diesen Redner: Steuern müssen wir zahlen, und überhaupt ist das Leben teuer und häßlich anzusehen, und wer ist daran schuld? Die Republik! Die Freimaurer! Kurz, wie die Franzosen sagen: An Kini muß her –!
Manchmal, wenn der Redner Wasser trank oder die Stimme mit unendlicher Anstrengung erhoben hatte, klatschten die kleinen Mädchen wie im Theater. Ich sehe mich um.
Die Frauengesichter nicht sympathisch: sehr viel Verkniffenes, Schmallippiges, was man sonst in Frankreich nur in Kirchen zu sehen bekommt – harte, böse Augen, Klassenerste, die voller Verachtung auf die sitzengebliebene Mitschülerin sehen. Als sich vier Arbeiter, schweißig, mit Mützen, in den Saal schieben, steht ein Action-Jüngling auf, ein bildhübscher Bengel, weist ihnen Sitze an und paßt genau auf, dass sie auch nicht zischen oder »Huhu!« machen. Sie schlafen aber sanft vor sich hin.
Auch noch, als der zweite Redner antritt, ein Herr von etwa hundertundachtundsechzig Jahren: ein Admiral. Wenn es einen Vorwurf gegen die †††-Republik gibt, so etwa den: wie kann so etwas Admiral werden? Der legt nun los.
Die Schimpffreiheit in Frankreich geht sehr weit; man kann in Versammlungen amtierende Minister Idioten, Hammelhunde und ›salauds‹ betitulieren, das wird dann heftig belacht, und im übrigen geschieht weiter nichts. Von dieser Freiheit macht der Admiral ausgiebigen Gebrauch. Seine Bildung steht etwa auf der Stufe eines Oberprimaners; er sagt die höchst mäßige Broschüre auf, die man uns in die Hand gedrückt hat – und mich wundert das.
Denn man muß ja nicht vergessen, dass die Radaupraxis der Action an Brutalität, Lärm und Feigheit durchaus dem Niveau mancher hannoverschen Studenten entspricht – aber die geistige Untermauerung sieht denn doch wesentlich anders aus. Charles Maurras ist nicht nur ein bedeutender Schriftsteller, sondern ein Denker, übt also eine Beschäftigung aus, die in unsern nationalistischen Kreisen nahezu unbekannt ist. Aber was ist von seinen Ideen, von seiner oft fruchtbaren Kritik, von der häufig witzigen Schlagkraft Daudets geblieben!
Nichts. Es ist kümmerlich, was der Admiral vorträgt. Die Mängel des parlamentarischen französischen Systems zugegeben: so kommt man der Sache denn doch nicht näher. Nichts Positives, kein Wort von neuen Vorschlägen – eine mitleiderregende Sache.
Aber dies verdient festgehalten zu werden; Solch ein durchaus reaktionärer Mann verlangt vom französischen Regime was –: Frieden. Und versucht, nachzuweisen, dass unter den französischen Königen immer Friede geherrscht habe und unter den verschiedenen Republiken immer Krieg – und man fühlt, wie er auf die zweifellos vorhandene Friedenssehnsucht seines Publikums nicht nur Rücksicht nimmt, sondern ebenso empfindet wie seine Zuhörer.
Auch, dass er Poincaré, der in Deutschland so oft klobig verzeichnet an die Wände gemalt wird, Vorwürfe macht, ist nicht unpikant. Der ist – nun? Ein Antimilitarist! Und das will keineswegs heißen, dass seine Maßnahmen Deutschland gegenüber zu schwach gewesen seien, sondern diese Kennzeichnung zeigt, wo Poincaré in der französischen Innenpolitik steht: im Zentrum, durchaus nicht rechts.
Nun fährt das Admiralsschiff langsamer, seine Flagge pendelt in der Flaute, das Publikum wird müde, manche gehen. Und da holt der alte Mann zu seinem großen Schlag aus. Er spricht von »Jean III.« – von seinem im Exil aufbewahrten König, von Duc de Guise.
Ein Ausschreier vor einer Jahrmarktsbude kann das nicht besser. Doch – er kanns viel besser. Denn der würde nicht so weinerlich-pathetisch sprechen, so kümmerlich-bittend, so untertänig-flehend. »Hier noch ein gut erhaltener Original-König! Er lebt mit seinen Landpächtern zusammen, wie ein einfacher Mann – er studiert den ganzen Tag – er kennt alles – er bereitet sich auf sein schwieriges Amt vor – er lebt nur für Frankreich. Nehmen Sie keinen andern! Und diese Königin! Wir, die wir die Ehre hatten, ihr vorgestellt zu werden, waren tiefgerührt von so viel Lieblichkeit, Klugheit und andern schönen Eigenschaften! Billig abzugeben! Durch Zufall frei!« Mit tränenerstickter Stimme – es kann aber auch ein Schlucken sein – redet der olle Mann auf die zukünftigen Untertanen ein, die es gar nicht so genau wissen wollen. Und dann schreien alle noch ein bißchen »Vive le roi!« und »Vive Daudet!« – und dann gehen sie nach Hause.
Nein, so wird das wohl nichts. Daß das Zentrum der Action-Studenten an der Sorbonne immerhin ein bißchen anders aussieht als diese Kläglichkeit, ist eine andere Sache. Aber so groß auch die geistige Beeinflussung der französischen Jugend durch diesen Kreis sein mag –: so tief kann der Franken gar nicht fallen, dass diese kleinbürgerlichen Spektakelmacher wirklich zur Macht kommen könnten. Es gilt hier in manchen Milieus für schick, reaktionär zu sein – und solche feinen Herren waren auch im Saal. Ein König –? Für den König –? Die Frage ist ja so sekundär … Und ich dachte an jenes Wort Clemenceaus, das der vor der Wahl Loubets in Versailles ausgesprochen haben soll. »Ich – ich stimme für den Dümmsten.«

Unter dem Pseudonym Peter Panter im Jahr 1926

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