Katharinentag ohne Kußfreiheit

Daß der Ruf der französischen Frau falsch ist, dürfte sich allmählich herumgesprochen haben. So, wie sie mitunter aussieht, will sie vielleicht scheinen, aber so, wie sie scheint, ist sie nicht. Es ist eine Bürgerin, die arbeitet.
Gestern und heute ist der Tag der Katherinetten in Paris – die ganze »haute couture« feiert; am Sonnabend ist nicht gearbeitet worden, aus den Ateliers um die Place Vendôme herum klingt Gelächter, Mandolinengezupf und Blasmusik; die kleinen Mädchen sind alle verkleidet, und das auf eine recht naive Art: als Köche und Gendarmen und Straßenjungen; es ist ein großes Hallo.
Sie tragen traditionelle Papiermützen; es gibt Konkurrenzen, wer den schönsten »bonnet« hat – diese Mützchen haben mitunter phantastische Formen – ich sah einen Eiffelturm aus Gaze mit elektrischen Lämpchen, manche tragen einen geradezu abenteuerlichen Kopfputz, und alle Welt ist vergnügt.
Nachmittags gehört es zu diesem Tag, dass die Arbeiterinnen aus den kleinen Häusern, in langen Ketten untergefaßt, unter viel Gekreisch über die Boulevards toben, und vor dem Kriege hat da wohl so eine Art leichter Kußfreiheit geherrscht. Die ist mißbraucht worden – im vorigen Jahr ging es etwas roh zu, und für dieses Jahr hat der pariser Polizeipräfekt dafür gesorgt, dass die Zwitscherketten der Kleinen nicht geradezu überfallen werden. Das Zentrum der Stadt hat ein ganz anderes Gesicht als sonst: wunderschön sind die Gruppen der jungen Herren, die, zu kleinen Gruppen geballt, zu den hohen Etagen, daraus sich die Mädchenköpfe beugen, heraufgrüßen, winken, telegrafieren – »Fünf! Fünf! um fünf Uhr!« – und überall Gelächter und Geschrei und Musik.
Nachmittags geben die großen Häuser Bälle. Ein Ball am Nachmittag –
Ich bin auf einem gewesen: das gelbe Bonbonlicht der altmodischen Lampen zeigte ein Vergnügen, das zwischen bravem Bürger-Kostümball und Tanzstunde lag – natürlich haben die Mädchen einen Freund oder sie haben keinen – auf alle Fälle kann es auf einem Rathausball in Glogau nicht ehrbarer zugehen. Getanzt wird nicht so gut wie in Berlin; viele wackeln sich da etwas Ehrliches zurecht, aber harmlos vergnügt sind sie alle. Das ist keine Scheinheiligkeit – aber wenn hier eine etwas ausfrißt, dann spricht sie nicht so sehr viel davon. »Der Gent schweigt« – die Pariserin auch. Am Büfett mit Sekt und Kuchen brandeten die Wellen der kleinen und großen Damen – und wenn sie gute Figuren hatten, dann hatten sie sehr gute – so etwas von Hüftenlosigkeit war noch nicht da.
Und abends sind Bälle, und das Quartier Latin steht gleichfalls auf dem Kopf, denn da wohnen viele der Bräutigämmer.
Viel Vergnügen –! Wobei denn der sacht dahinwackelnde Beobachter zwei Reflexionen nicht unterdrücken kann:
Erstens täuscht kein noch so buntes Fest über die soziale Frage hinweg. Walzer? Sehr schön. Aber was bekommen diese Mädchen für ein Gehalt? Sie sind nicht gut bezahlt – fünfhundert Francs, sechshundert Francs – das ist schon eine ganze Menge; und dafür arbeiten sie hart, das ganze Jahr über. An einen ernst-haften Lohnkampf ist nicht zu denken – hier ist viel erzwungene Sparsamkeit.
Zweitens: Woher auch immer der falsche Ruf der Französin rühren mag, wie ein Wiener einmal von einer Frau gesagt hat, »einen Ruf wie Donnerhall« – und der Ruf ist falsch. Es ist nicht recht an diesem arbeitsamen und fleißigen Volk gehandelt, an dessen Tüchtigkeit besonders seine Frauen einen großen Anteil haben, immer und immer wieder die Französin und nun gar die Pariserin als »zersetzendes Element« hinzustellen, und wenn so etwas sogar noch in Schulbüchern zu finden ist, so verdient die Schulbehörde, die dergleichen Unfug durchgehen läßt, eine Freifahrt nach Paris und einen guten Führer durch die Stadt. Die Herren gewöhnten sich rasch das Zwinkern ab, wenn sie sehen können.
Und so zerfallen die Besucher von Paris in zwei Gruppen: die einen, die von der Stadt das »Unerhörteste« erwarten und stolz darauf sind, dass es bei ihnen zu Hause denn doch anständiger zugehe – und die andern, die enttäuscht sind, dass es gar nicht so schlimm ist, und die stolz darauf sind, dass es bei ihnen zu Hause denn doch lustiger zugeht – und alle beide sind die Opfer ihrer Vorurteile.
Paris –: das ist eine Stadt, – die arbeitet.
Die Französin –: das ist eine gute Bürgerin, eine gute Hausfrau und eine gute Mutter.

Unter dem Pseudonym Peter Panter im Jahr 1928

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