Hat Berlin eine Gesellschaft?

»Berlin hat eine Mittel-Volée.«
Architekt N.

Zur ersten Gesellschaft gehört immer einer weniger, als jeder glaubt. Berlins Gesellschaft steht sich selbst im Wege, und sie unterscheidet sich von andern – etwa von der Pariser – in einem Hauptpunkt: jede Berliner Klasse will über sich selbst hinaus.
In Berlin hat man den Eindruck, als seien Wohnung, Beruf, Alltag nur provisorisch – das Eigentliche und Wahre aber eine gemietete Eleganz. Die verächtlich heruntergezogenen Mundwinkel, mit denen der Besitzer von ein paar mäßig-bürgerlich ausgestatteten Zimmern dem Hotelkellner eine Flasche Wein zurückschiebt, mit dem Bemerken: »sonen Wein trinke ich nicht –!«, dieses Vortäuschen eines Weinkellers, die Hast, mit der Perserbrücke, Pelz und Auto in den Vordergrund geschoben werden, aber niemals selbstverständlich sind, fast niemals richtig anwachsen – alles das ließe sich mit »junger Gesellschaft« erklären, wenns nicht schon so lange dauerte. Berlin ist zu rasch gewachsen.
Berlin hat eine Gesellschaft, aber keine exklusive, weil jeder inklusive ist. Ich glaube nicht, dass es westlich von Berlin noch einmal eine Stadt gibt, in der jede Schicht am Abend in die nächsthöhere klettern, mit aller Gewalt für etwas Besseres gehalten werden will – also gerade dadurch einen Mangel an Selbstsicherheit verrät, der erschreckend ist. Und es gelingt um so leichter, weil anderswo Vermögen nötig sind, um ein Manko an Geburt, gesellschaftlicher Beziehung, Amtscharakter oder was sonst verlangt wird, wettzumachen – in Berlin genügt etwas Geld. Wie leicht läßt sich da lügen!
Die alte Gesellschaft ist zerbrochen – ihre Formen sind nicht mehr gültig, ihr Verkehr ist nicht mehr aufrechtzuerhalten. Ihre laute und kümmerliche Kopie, der erschwitzte »Salon«, vermag das nicht zu ersetzen. Eine neue Gesellschaft scheint mir noch nicht dazusein.
Snobs – Ministerialdirektoren – das muntere Künstlervölkchen – Hochfinanz und Großindustrie, unter vollkommener Ausschaltung von Finanz und Industrie –: ihre Feste und Bälle, ihre Tees und Sportempfänge – sie riechen nach bösem Gewissen. Jede beachtliche Gesellschaft hat wenigstens eine Wahrheit: ihre gesellschaftliche Lüge. Nicht einmal die ist hier wahr.
Und so, wie sich der Mittelstand vor dem Kriege in dem Begriff »Kempinski« eine Nachahmung schuf und einen billigen Abklatsch des nächsthöheren Amüsements, so ist der höchste Stolz unserer Gesellschaft: zu gelten – und nicht: zu sein. Und durch allen noch so kostbaren Trubel, der das Wort »Demokratie« so ganz und gar mißversteht, durch den aggressiven Luxus, in dem sich fast niemals einer befindet, der nach oben so strenge Trennungslinien zieht wie nach unten, der auch nach oben eine Art Stolz entwickelt und gar nichts anderes sein will, als er eben ist – durch allen feierlich aufgeputzten, aber gepumpten »Betrieb« scheint mir auch heute noch ganz leise das Wort Fontanes wie ein messingner Faden zu schimmern: »In Berlin kost’ alles ‘n Sechser!« (Valuta.)

Unter dem Pseudonym Peter Panter im Jahr 1925

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