Haßt der Franzose den Deutschen?

In einem außerordentlich witzigen »Rundgesang« hat hier neulich Richard Katz (postlagernd, Neuseeland), daran erinnert, wer wen überall haßt. Darin heißt es:
In Amerika haßt man Neger.
Im Neger-Kongo haßt man Franzosen.
In Frankreich haßt man Deutsche.
Wirklich –?
Seit Poincarés Abgang ist in der französischen Außenpolitik von Haß gegenüber Deutschland nichts mehr zu merken. Ob die französische Regierung alles getan hat, um mit Deutschland ins richtige Einvernehmen zu kommen, und ob sie alles in richtiger Weise getan – ist eine andere Sache. Aber Haß –? Nein.
Viel wichtiger ist aber die Frage, ob »der« Franzose, ob breite französische Gesellschaftsschichten den Deutschen hassen. Dies sind meine Erfahrungen:
Es gibt Gesellschaftskreise, die mit Deutschen nicht verkehren, die mit allen Mitteln verhindern würden, dass die Tochter des Hauses einen Deutschen heiratet, die ausgesprochen deutsch-feindlich sind. Diese Kreise sind, im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung, verschwindend gering: es sind dies gewisse Teile des Adels (nicht des internationalen Hochadels); gewisse klerikale Familien, kleine Schichten der provinziellen Bourgeoisie. Sonst aber ist mit gutem Gewissen zu sagen:
Der Franzose haßt den Deutschen nicht.
Ganz abgesehen, dass der reisende Deutsche von leichter Monomanie besessen ist und, wenn er ins Ausland fährt, nun alles darauf abstellt, ob man ihn liebe oder nicht, sich so als den Nabel der Welt fühlend, ist der Franzose gegen Fremde verschlossen. Das geht aber so weit, dass der Pariser etwa sagt: »In diesem Viertel wohnen viele Fremde« – und wenn du hinkommst, dann sind es Bretonen und Leute aus dem »midi«. Das sind für ihn Fremde.
Bei der Betrachtung Frankreichs und insbesondere seiner Hauptstadt ist immer wieder darauf hinzuweisen, dass der Franzose nicht neugierig ist. Fremde interessieren ihn nicht. Es ist für einen Mann aus der Normandie nicht ganz leicht, ohne Beziehungen in pariser Gesellschaftskreise hereinzukommen – seine Verwandtschaft ausgenommen. Es ist für einen Nicht-Franzosen ausgesprochen schwer, ganz gleich, ob er Engländer, Schwede oder Argentinier ist. Das Mißtrauen der Pariser, die so viel Fremde hier durchbrausen sehen, ist zunächst nicht ganz gering – und vor allem ist es ihm vollständig gleichgültig, dass ein Chinese oder ein Däne zu ihm kommt. Er wünscht nicht, ihn auszufragen – er hat nicht das Bedürfnis, Näheres über fremde Länder zu erfahren – der da ist ihm fremd – er sucht nicht, mit ihm zu verkehren. (Auch die Frauen wünschen es nicht. Fremde Abstammung ist in Berlin für den Mann ein Plus – in Paris steht der Fremde höchstens pari.)
Diese mangelnde Neugier, diese Gleichgültigkeit wird häufig von Fremden als Ablehnung empfunden, sie ist es aber nicht. Die Tatsache, dass du aus Dresden nach Paris kommst, fügt zu der allgemeinen Schwierigkeit, mit dem französischen Bürgertum in näheren Verkehr zu treten, nur noch ein winziges Quentchen hinzu. Du bist nicht so sehr Deutscher – als: nicht Franzose. Das ist das Entscheidende.
Soweit man über »den« französischen Arbeiter ein Urteil fällen darf, ist zu sagen, dass er Deutschenhaß nicht kennt – eher im Gegenteil. Selbst bei der Hälfte der Kriegsverletzten, soweit sie nicht national organisiert sind, ist von einem Haß nichts zu spüren, nicht einmal von einer Abneigung – und ich habe mehr als einem freundschaftlich die Hand gedrückt. »Que voulez-vous! La guerre est finie!«
Streckten wir die Hände aus: sie würden ergriffen werden. Nur wissen wir nichts voneinander, sind uns fremd und so weit voneinander entfernt. Sähe der Franzose die Hand –: er ergriffe sie. In den Schulen und auf der Universität, in Gesellschaft und auf der Straße –: ich bin viel Gleichgültigkeit, dumpfer Unaufgeklärtheit, Unwissenheit und politischer Unkenntnis begegnet. Haß nicht. Man sollte ihn auch in Deutschland abbauen.

Unter dem Pseudonym Peter Panter im Jahr 1926

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