Gesichter

Neulich fuhr ich mit einem bekannten Zeichner durch Berlin. Er sagte zu mir: »Sehn Sie sich die Gesichter der Leute an! Sind die Köpfe besser geworden? Ist das der Gesichtsausdruck eines Volkes, über dem ein Schicksalssturm dahingebraust ist? Sehen Sie sich die Gesichter an!«
Ich sah sie mir an. In der Tat: genau so ausradierte helle Flächen wie vor dem Kriege. Nirgends ein Atom seelischen Lebens, nirgends eine Spur innerer Erlebnisse. Gewiß, man hat sich in Saloniki entlausen lassen, hat in Finnland Zigaretten empfangen, ist in Flandern vom Feldwebel angeschnauzt worden – aber nichts blieb haften. Warum nicht?
Weil Berlin immer mitging. Aber nicht die Heimat ging mit – haben denn diese entwurzelten Leute aus den Mietwohnungen überhaupt eine Heimat? –, sondern der alles verwischende und verwaschende Bürokratismus ging mit, die öde militärische Gleichmacherei, die viel, viel schlimmer war als der schlimmste, uns stets angedrohte Zuchthausstaat der Sozialdemokraten. Er ging mit und ließ keine innern Erlebnisse aufkommen. Es wurden zwar welche gedruckt, aber die stammten fast alle aus der Literatur.
Sind die Augen geöffnet worden? Der ›Simplicissimus‹ – als er noch gesund war und ein freches Hundevieh – druckte einst im tiefsten Frieden ein Lob des Krieges aus einer Kriegervereinszeitschrift ab, darin gesagt wurde, der Krieg sei schon deshalb so zu begrüßen, weil durch ihn die deutschen Soldaten fremde Gegenden kennen lernen müßten. Nun kann ich mir zwar eine angenehmere Art zu reisen denken, aber diesen Unsinn hat man dann später, als Reklamation und vaterländische Begeisterung die Seelen stärkten, im Ernst lesen können. Aber ach! was haben sie denn kennen gelernt?
Immer wieder dieselbe preußische Etappenstadt. ›Zur Entlausungsanstalt‹ – ›Nur für Offiziere‹ – ›Durchreisende Mannschaften haben sich auf der Kommandantur zu melden‹ – ›Verboten‹ – ›Verboten‹ – ›Verboten‹ –
Und wenn die Deutschen den Nordpol erreicht hätten, sie hätten auf die Spitze der Erdachse eine Tafel befestigt: »Das Betreten des Pols ist nur nach eingeholter Genehmigung durch die Etappen-Kommandantur Nord II gestattet. Die Mannschaften haben bei einer Temperatur von dreißig Grad abwärts umgeschnallt zu erscheinen.«
Nein, den Gesichtern ist nichts anzumerken, und den Seelen –?
Ich fürchte, ich fürchte, auch denen nicht.

Unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel im Jahr 1919

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