Frankreich und wir

Berlin, 17. August
Wir sind mit dem Verfasser des nachstehenden Aufsatzes einig in der Ansicht, dass es in Frankreich nicht an vernünftigen Männern fehlt, die endlich eine friedliche Verständigung mit dem deutschen Nachbarvolk herbeiführen wollen. Aber solange es eine französische Kammer gibt, die einem Poincaré und seiner Gewaltpolitik durch dick und dünn folgt, ja ihn zu immer größerer »Energie« aufpeitscht, so lange muß man, leider, annehmen, dass die Mitglieder dieser Kammer auch die tatsächlichen Repräsentanten des französischen Volkes sind, das sich doch seine Vertretung so gewählt hat. Die Ereignisse der letzten Tage haben diese bittere Erfahrung erneut bestätigt; man hat- um nur ein Beispiel zu nennen – von drüben kaum eine Stimme des Protestes gegen die Vertreibung der Elsaß-Deutschen, diesen unerhörten Rechtsbruch im Frieden, gehört.

Die Redaktion

Es gehört in Deutschland zum guten Ton, bei Beginn einer politischen Debatte erst einmal seine Visitenkarte gegen Herrn Poincaré abzugeben. Daß der Konkursverwalter mit dem Vorsitzenden des Gläubigerausschusses nicht konform geht, ist verständlich – aber jeder Geschäftsmann weiß, was dann zu tun ist. Nicht Skandale führen da zum Ziel, sondern nur ruhige, sachliche Verhandlungen.
In einer außerordentlich geschickten Rede hat der unabhängige Reichstagsabgeordnete Rudolf Breitscheid zu Paris den Standpunkt der deutschen Sozialisten den Franzosen gegenüber klargelegt. Poincaré schädige, so sagte er, die Republik und die Reichsregierung, die sich heute schon zu erheblichen Teilen ehrlich bemüht, ihren Verpflichtungen nachzukommen, und er stärke – zum mindesten durch seine Reden – Ludendorff und die Waffenschieber der Mordorganisationen.
Nun ist Poincaré nicht Frankreich. Es ist einfach nicht wahr, dass das gesamte Land drüben so denkt wie dieser sehr gerissene Politiker, dem sein Parlamentsprestige wichtiger ist als das Wohl der sechzig Millionen hinterm Rhein. Der seit acht Jahren geistig blockierte Deutsche weiß nicht, dass es drüben – im Gegensatz zu Deutschland – unter den Intellektuellen, auf den Universitäten und im gebildeten Mittelstand eine wirkliche Opposition gibt, deren Einfluß durch jeden deutschen Waffenfund und durch jede deutsche Unvorsichtigkeit gemindert wird. Die chauvins drüben und die Nationalisten hüben haben das größte Interesse, alle Leute, die für die internationale Verständigung (nicht für Deutschlands Unterwerfung) arbeiten, als einflußlose Theologen und Schwärmer hinzustellen. (Wenn nicht als Schlimmeres.)
Nur der schlechte Kaufmann hält seine Geschäftsfreunde für dumm – es empfiehlt sich immer, zu glauben, dass auch der andere mindestens so klug ist wie wir selbst. Und es gibt niemand, der so gut über Deutschland unterrichtet wäre wie die französischen Kommissionen. Sie sehen sehr viel, sie hören sehr viel, und es ist eine politische Kindlichkeit, anzunehmen, der Gesamtzustand des Landes könne ihnen verborgen bleiben. (Wie weit ihr Einfluß in dem zentralistisch gerichteten Paris reicht, ist eine andere Sache. Tatsächlich ist da ein Gegensatz vorhanden.)
Wenn wir Republikaner es für einen Fehler halten, dass sich in diesem Lande eine antirepublikanische Nebenregierung in diesen Zweigen der Verwaltung, in der Reichswehr und in der Justiz, ganz besonders aber auf den Universitäten, bemerkbar macht, so halten wir es für unsere Pflicht, das auszusprechen, was hier vor sich geht. Daß auch die sachlichste Kritik drüben falsch ausgenutzt werden kann, ist kein Grund, Wunden zu vernachlässigen, die dadurch nicht besser werden, dass man sie unter einem Pflaster zu verbergen sucht. Wir glichen dann dem Arzt, der sich schämt, einen Ausschlag energisch zu behandeln, und der dem Patienten den Rat gibt: »Wickeln Sie nur ein Tuch herum, damit man nichts sieht!«
Bismarck hat gewiß seine Politik wohl nur selten nach der Melodie gemacht: »Der Mensch ist gut«, aber wer das Lebenswerk dieses Mannes aufmerksam verfolgt hat, der weiß, dass er niemals geblufft hat, sondern dass letzten Endes hinter seinen Forderungen immer eine reale Macht stand. Was will man denn vom Reichskanzler? Soll er mit etwas bluffen, was gar nicht da ist? Politik ist kein Pokerspiel, bei dem unter feinen Leuten die Karten nicht gezeigt werden; der Gegner weiß ganz genau, was wir in der Hand haben.
Es ist ein Verbrechen, in dieser Situation der Reichsregierung mit Handgranaten und Hetzartikeln in den Rücken zu fallen. Sie will erfüllen, weil sie erfüllen muß. Und es geschieht zu ihrem und unser aller Nutzen, wenn wir darauf aufmerksam machen, dass noch eine große Anzahl Beamter und Bürger offenbar nicht weiß, dass wir in einer Republik und nicht in einer verkappten Monarchie leben. Diese Leute müssen um der Ruhe des Landes willen unschädlich gemacht werden. Und ein Regime, das diesen Krieg so geführt und so verloren hat und sich heute vergeblich herauszulügen versucht, hat allen Grund, zu schweigen. (Und sollte nicht noch seine Gegner der Käuflichkeit bezichtigen. Das 8-Uhr-Abendblatt, dessen Gast ich heute bin, hat in dankenswerter Loyalität die irrige Annahme berichtigt, ich hätte dem Eclair in Paris Material gegen die deutsche Schutzpolizei übergeben. Weil die reaktionäre Provinzpresse keinen journalistischen Anstand besitzt, wird dieses Gerücht wohl noch lange im Lande herumschwirren.)
Der deutsche Stammtisch hat in den letzten vierzig Jahren immer eine Politik gutgeheißen, die sich auf einen imaginären Zwist zwischen Frankreich und England stützte, ohne ihn, wenn er wirklich einmal, wie bei Faschoda, vorhanden war, richtig herauszufühlen. Der deutsche Stammtisch schilt jeden, der ausspricht, was ist, einen Landesverräter, und will jede Kritik mit dem Hinweis auf den Temps und den Matin unterbinden. Das ist eine Politik des Bierseidels.
Durch eine Wolke von Haß, Unverstand, Verachtung und Kabalen sehen wir das Bild Frankreichs nur verschwommen. Frankreich und wir: Es ist an der Zeit, durch sachliche und ruhige Arbeit die Luft zu reinigen.

Im Jahr 1922

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