Eins, zwei, drei – g’suffa –!

»Aber wehe, wer euch und euern Fleischermessern mit anderen Dingen als mit Roastbeefs und Kuttelfleck in die Quere kommt! Ihr zerhackt und zermetzgert ihn in der entsetzlichsten Weise. Schon eure Schimpfnamen ›Dünng’selchter‹, ›Dickg’selchter Hanswurst!‹ sind alle der Metzgerinnung entnommen. Bluttriefend muß derjenige von euch sich zurückziehen, der die frevelhafte Zumutung an eure Gehirnchen gestellt hatte. Und eure Rache ist komplett.«

Oskar Panizza, »Abschied von München«, 1897

Wenn im vorigen Frieden der Bayer zu viel Knödel gegessen hatte, die im dick eingebrauten Bier durch seinen Magen schwammen, dann erschien als Albdruck seiner beängstigenden Träume nicht der leibhaftige Gottseibeiuns, sondern etwas viel, viel Schlimmeres. Dann erschien ihm der »Saupreuß«.
Der Preuße – und insbesondere der Berliner – war dem Bayer der Inbegriff alles Bösen und Furchtbaren. Nun haben wir verschrienen Berliner ja die gute Gabe der Selbstironie, und wir wollen uns nichts vormachen: es gibt viele Exemplare unter uns, die, besonders auf Reisen, die ganze Innung blamieren. Aber wenn der Bayer nach Berlin kam, dann wurde er auch dann gut aufgenommen, wenn er grade kein feiner Herr war; kam aber der Berliner nach Bayern, so ging es ohne einige leichte »Pflaumen« nicht ab. Aus den Pflaumen sind heute Patronen geworden. Und Schlimmeres.
Hellmut von Gerlach hat hier das vorige Mal gesagt: »Jetzt endlich muß ohne Zaudern das Nötige zum Schutze der Republik geschehen – ohne Rücksicht auf Bayern. « Das ist ein gutes Wort. Denn die Sache ist heute so weit gediehen, dass man sagen muß: Lieber ein Ende mit Schrecken, als den Schrecken ohne Ende.
Ich weiß, dass so etwas den feingeölten Herren einer Diplomatie, die in allen Personalfragen glänzend, und in allen sachlichen sehr mäßig beschlagen ist, wie ein Steinwurf in einen geschliffenen Spiegel vorkommt. So etwas sagt man doch nicht –! Nein, aber man läßt sich vier Jahre von Bayern auf der Nase rumtanzen – mit einem Resultat, das wir gleich betrachten werden. Und daher soll hier stehen:
Die Republik steht uns höher als die Zusammengehörigkeit mit Bayern!
Was geht in Bayern vor?
Seit die Militärpolitik Ludendorffs vor dem größeren Soldaten Foch zusammenstürzte und Erzberger auslöffelte, was jener uns eingebrockt hatte, war Bayern das Pensionopolis der verkrachten Preußenoffiziere. Die Pickelhaube, die die Bayern früher gar nicht genug beschimpfen konnten, ist seitdem über München gestülpt, und wie die Weltbühne neulich berichtet hat, soll ja inzwischen Erich Ludendorff von den Bayern zum »Ehren-Saupreußen« ernannt worden sein. Die verstiegene Räterepublik gab der Stadt und einem Teil des Landes den Rest. Unter der Räterepublik wurden 14 Menschen von den Kommunisten erschossen, eine Schändlichkeit, für die es keine Entschuldigung gibt; die »Befreier« Münchens, das gar nichts auszustehen gehabt hatte, mordeten bei ihrem Einzug unter Herrn von Oven 184 Menschen. (Darunter Gustav Landauer, der in einer Weise »hingemacht« worden ist, dass noch der Frauenmörder Großmann hätte lernen können.) Seitdem hatten sich Monarchisten aller Arten in Bayern konzentriert.
Hier saßen Ehrhardt und Genossen, hier Ludendorff, da gingen Fäden zu salzburgischen und ungarischen Stellen herüber und hinüber – da fanden russische Weißgardisten, die auf einmal gar keine »landfremden Elemente« mehr waren, Unterstützung – da wurde Gareis hingeschlachtet, weil er etwas von jenen unterirdischen Dingen gewußt hatte – da saßen die Mörder Erzbergers, da hatten sie ihre Komplicen, Geldleute, Paßfälscher und guten Freunde. Wer sollte auch eingreifen? – Etwa dieselben Justizbeamten, die die armen Opfer von Niederschönenfeld schikanieren? (Vier Tage vor dem Kapp-Putsch warf man die ganze Gesellschaft in die Keller – es müssen gute Wetterpropheten da sitzen in Niederschönenfeld.)
Das antirepublikanische Treiben zeigte sich auch nach außen. »Nichtbayrische Deutsche« (ein verfassungswidriger Begriff) wurden in der widerlichsten Weise drangsaliert: die ungehobelten Mannen der Fremdenpolizei drangen früh morgens in die Hotels … Pässe wurden abverlangt und verweigert … Und heute warnt bereits die amerikanische Gesandtschaft in Berlin ihre Landsleute, in dieses Bayern zu fahren, wo man sie neppt und anrüpelt.
Wir haben kein einheitliches Reich mehr. Das ist nicht wahr. Und alle feine Regierungskunst wird das nicht beweisen können.
Die Bayern pfeifen auf die Verfügungen des Reichsjustizministers, der sich unter den heutigen Verhältnissen gar nicht durchsetzen kann. Der Mörder Eisners, Herr Graf Arco, wird zur Landarbeit »beurlaubt« (nächstens werden sie noch ihre Verbrecher mit Altersschwäche hinrichten) – der Reichsjustizminister ist machtlos. Den Organen des Reiches werden alle nur erdenklichen Schwierigkeiten gemacht – die Republik steckt das ein. Die Bayerische Volkspartei gibt dem Reichskanzler auf seine Fragen, ob sie denn nun monarchistisch sei oder nicht, erst eine ausweichende und dann gar keine Antwort. Und das ist eine. Die münchener Politiker treiben mit ihrem verstorbenen Ludwig einen Gottesdienst; er »mußte aus dem Lande fliehen«, schreiben sie in den Nekrologen. Kein Wort davon ist wahr. Der alte Herr ist weggefahren, weil es ihm unbehaglich war. Die Studenten Münchens proklamieren ganz offen ihren Rupprecht als künftigen Fridericus Rex. Das Reich sieht zu.
Und sieht zu, wie Mörder und ihre Gehilfen nach Bayern gehen: ins »feindliche Ausland«. Am Main hörts auf.
Es hört aber nicht am Main auf. Wir machen, glaube ich, den Fehler, immer von einem einheitlichen Bayern zu sprechen. Es gibt aber zwei.
Es gibt auch in Bayern ehrliche und mannhafte Demokraten (wodurch sich nicht Herr Müller-Meiningen getroffen fühlen möge, dem das kein Mensch beweisen kann). Es gibt auch in Bayern Sozialisten und Republikaner, und man darf nicht alle über einen Leisten hauen. Nordbayern, Franken, fast alle Kreise bis zur Donau treiben den münchener Wahnsinn nicht mit und bedanken sich dafür. Das neue Preußen fängt an der Donau an.
Und hier ist zu sagen: Will man es südlich der Donau so weiter treiben: dann ohne uns. Wir haben es satt. Die »Realpolitik« hat da versagt. Heute die Reden nach der Ermordung Erzbergers zu lesen ist ein hoher Genuß. »Wir wollen es mit Geduld und gegenseitigem Verständnis versuchen … « G’suffa! Sie essen einen Radi und tun uns das, was man eben nach einem solchen Essen tut.
So geht das nicht weiter. Wenn die mit Bier und Begeisterung angefüllten Herren an der Isar ihre Donauföderation haben wollen –: Baden tut nicht mit, Württemberg tut nicht mit, die Pfalz tut nicht mit – sie stehen allein. Und können sich mit Tirol amüsieren und Osterreich in noch schwerere Katastrophen treiben. Und wir tun nicht mit.
Sie geben sich ja kaum noch Mühe, ihre tatsächlich bestehende Selbständigkeit zu verbergen. Es ist Gottes Wunder, dass sie unsere Schnellzüge noch hereinlassen. Lerchenfeld ist nicht der Schlimmste – aber entweder kann er sich nicht durchsetzen – oder er wird von Berlin aus nicht richtig behandelt. Darüber muß man sich klar sein: fällt er, dann ist es aus. Dann haben wir Kahr oder noch schlimmere Knaben. Und das bedeutete das Ende.
Ich halte es für sauberer, ehrlicher und besser, dieses Ende. Es ist doch für alle Beteiligten gut, wenn Klarheit geschaffen wird. Das Fortwursteln, auf das manche Politiker in Berlin sicherlich unendlich stolz sind, führt zu gar nichts. Die Bayern werden immer unverschämter – und das Reich wird immer machtloser. Denn es ist ja nicht wahr, dass diese Obstruktion gegen Preußen geht (das von früher her gewiß viel auf dem Kerbholz hat). Es geht gegen die Republik. Gegen eine Republik, in der doch Bayern genauso viel Einfluß hat wie jeder andere Bundesstaat auch.
Wenn in Berlin Rathenau von Offizieren und Studenten ermordet wird, dann schreit unten ganz Bayern mit dem englischen Journalisten Ludendorff und dem famosen Herrn Dr. Heim an der Spitze: »Bolschewismus!« – So sieht er aus, genau so hat ihn sich Lenin immer vorgestellt. Und gegen diesen Bolschewismus rüstet Bayern ein Freikorps nach dem andern.
Joseph Wirth! Du lebst mit Bayern in einer unglücklichen Ehe. Die Frau wirft dir seit Jahren das Bügeleisen an den Kopf, wenn du dich ihr nur näherst – Kinder werdet ihr kaum noch kriegen. Sie sauft, krakeelt und liebelt mit einem andern.
Weißt du was? Nimm ihr den Altesten, den Franken, weg und laß sie wandern, laß sie wandern –!

Unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel im Jahr 1922