Einheitsbericht

Die Welt hat sich überall beruhigt, der Krieg ist halb vergessen und taucht nur noch in Reden bei Denkmalseröffnungen auf, und wenn es sich darum handelt, eine neue Steuer vor dem Parlament zu begründen … Europa verfällt wieder in jenes geschäftige Dahindämmern, aus dem es der 1. August 1914 böse aufgeschreckt hat. Gott grüß Euch, Alter, schmeckt das Pfeifchen? …
Da erscheint es denn angebracht, den geplagten Auslandskorrespondenten ihre schwierige Situation dadurch etwas zu erleichtern, dass man ihnen und dem Publiko einen grundsätzlich gültigen Einheitsbericht vorsetzt, der für ganz Europa paßt. Lokalfärbungen lassen sich leicht anbringen: die Arbeit des Lesens und des Schreibens ist so erleichtert, der Zeitungsmann atmet auf, der Leser nicht minder, und so ist allen geholfen.
Zum Beispiel:
Hierorts, den heutigen
Magnopolis atmet die warme Sommerluft mit mehr oder minder Beschwerden. Es ist Sommer, viele Leute sind schon ans Meer gefahren, viele werden noch nachfolgen. Was fehlt, wird von Fremden ersetzt, die in dieser Saison in ganz besonders großer Anzahl hier einpassiert sind.
So ist denn wieder einmal die große Frage in den Vordergrund gerückt, die die Magnopolienser schon seit Jahren beschäftigt: die Frage des Verkehrs. Der Polizeipräsident hat erst neulich mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln den Straßenverkehr zu regulieren versucht, aber vorläufig ist keine Besserung zu erhoffen. Immer noch braucht man, um von A (Oper, Potsdamer Platz, Trafalgar Square) bis nach B zu gelangen: zu Fuß zehn Minuten, im Auto eine halbe Stunde. Man will nun ganz rigoros vorgehen: Fahrscheinentziehungen sind an der Tagesordnung, Geldstrafen werden verhängt, dass es nur so prasselt, ja, einige kühne Neuerer wollen den Verkehr von Privatautomobilen im Innern der Stadt ganz verbieten.
Im Parlament hat man andere Sorgen.
Das neugebildete Ministerium stößt doch auf mehr Schwierigkeiten, als es selbst und seine Wähler geglaubt haben. Zunächst wird ja die Berufung der neuen Staatsmänner auf die üble Erbschaft, die sie angetreten hätten, durchgreifend sein – für wie lange freilich, bleibt fraglich. Ministerpräsident Potz (Name beliebig einzusetzen) hat gestern die Vertreter der fremden Presse empfangen und hat erklärt, dass er zwar sorgenvoll, aber doch auch frohmütig in die Zukunft schaue. Das Budget sei zwar nicht ausbalanciert, werde aber sicherlich durch die strikte Erfassung des Kapitals eine gewisse Besserung erfahren. In sozialistischen Kreisen ist man allerdings der Meinung, dass diese Erfassung nicht ganz so reibungslos vor sich gehen würde, wie sich der Ministerpräsident das vorstellt. Insbesondere sind industrielle und schutzzöllnerische Kräfte am Werk, den Reformplan der Regierung zu bekämpfen.
In der Kammer selbst hat der Sensationsprozeß Chichi und Genossen zu einer Interpellation geführt, oder vielmehr zu zweien. Der konservative Abgeordnete Retrow hat die Regierung angefragt, wann sie denn den Zeitpunkt für gekommen erachte, nun endlich energisch gegen die … (nach Belieben auszufüllen) vorzugehen, und der kommunistische Führer Rappaport hat die Absetzung des Gesamtministeriums, des Obersten Gerichtshofes sowie des Portiers der Kammer gefordert. Es ist fraglich, ob beide Interpellationen noch in dieser Session zur Beratung kommen werden.
Der Prozeß Chichi erfreut sich hier besonderer Popularität. In den großen Revuen wird überall mindestens eine Szene gespielt, in der auf Herrn Chichi und seine Geliebte Bezug genommen wird, und das Lied:
»Chichi! – O Chichi!«
fehlt in keiner Bar.
Der zweite große Anziehungspunkt ist neben Pola Negri, die seit vorgestern hier weilt, der Boxer Da Feightsienixen, der schon bei der Ankunft auf dem Nordbahnhof wahre Begeisterungsstürme ausgelöst hat. Das dankbar bewegte Publikum wollte ihn auf den Schultern davontragen, wurde aber durch die rasch dazwischentretende Polizei daran gehindert.
Das hierorts zum Besuch eingetroffene rumänische Königspaar wurde von der Bevölkerung kühl bejubelt. Dagegen trifft auf die größte Aufmerksamkeit der Beschluß der Bäcker, das Fünferbrot, die sogenannte Schrippe (chrippé, shripp), auf sechs zu erhöhen. Es hat bereits Demonstrationen gegeben, dringliche Beratungen im Stadtparlament, eifernde Zeitungsartikel. So schreibt Libertà (Liberty, Liberté … ): »Das arbeitende Volk wird sich die Haltung der Regierung einer so ausbeuterischen Maßnahme gegenüber merken müssen … « So oder gegenteilig lauten die meisten Pressestimmen.
Kurz: wenn man die Lage der hiesigen Stadt sowie das Verhalten der Bewohner von Magnopolis recht betrachtet, so kann man als alter Kenner der Verhältnisse seinen Eindruck nur in dem einen Wort zusammenfassen:
»Echt Magnopolis !«
Denn wahrlich, ich sage euch:
Warte, gedulde dich fein. Und wenn man dich dann mit verbundenen Augen in eine große europäische Stadt stellt und dir plötzlich die Binde abnimmt – du wirst nicht wissen, wo du bist. Englisch gesprochen wird überall, Krach mit dem Trinkgeld hast du überall, Emil Jannings ist überall, Muratti-Zigaretten gibt es überall, Scotch-Whisky ist überall – – Europa sieht so eenjal aus.

Unter dem Pseudonym Peter Panter im Jahr 1925

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