Drei junge Oldenburger

Je mehr die Mechanisierung und Egalisierung des deutschen Lebens fortschreitet – eine Gehirnspurenweite, ein Hühneraugenmittel, eine Staatsgesinnung –, um so mehr bemühen sich die Annoncenpapiere, dem Leser Vielfältigkeit, Buntheit und altväterisches Biedermeierleben vorzutäuschen. »Eine junge Bielefelderin spazierte gestern abend … « Welch ein Mädchen aus der Fremde! »Drei junge Oldenburger wollten vor zwei Tagen … «
Drei junge Oldenburger: man sieht ordentlich die weißen Bauerntaler von den roten Westen herabklingeln, ungewohnt ist den ländlichen Gestalten der städtische Asphalt, und mit diesem landsmännischen Unfug wird die deutsche Vaterlandsliebe großgezogen. Denn weil die Mehrzahl der Köpfe unfähig ist, sich einen großen, fast immer ins Abstrakte verschwimmenden Verband vorzustellen, dem sie heutzutage knapp angehören, so werden die alten Gruppen aufrechterhalten, die es heute nur noch gibt, damit es sie gibt. Was fingen wir auch ohne einen »Lippischen Staatsrat« an? Nicht auszudenken.
Nun hat es eine deutsche Kultur nie gegeben, und eine deutsche Städtekultur nur an ganz wenigen Orten. Hamburg hat so etwas, vielleicht auch noch Frankfurt am Main – wenn du aber sonst mit verbundenen Augen in eines der Weinkabaretten, in eine Beamtenfamilie, in eine Schule geführt wirst, so kannst du nach verrutschter Binde nicht unterscheiden, wo du bist: ob in Bitterfeld, Glauchau, Nürnberg oder Köln. Vor dem Denkmal der hochseligen Kaiserin Augusta am Brandenburger Tor stand einmal ein Arbeiter und sah sich die Puppe lange an. Und sprach: »Die sieht so eenjal aus … !« Deutschland auch.
Nun ist Uniformierung noch keine Stammeseigenart, sondern Mangel an Phantasie. Und weil sich die langweilt, wird dieses bunte landsmannschaftliche Leben konstruiert, diese Kostüm- und G’schnasfeste: Deutsche Akademie (unter Teilnahme garantierter Dichter!), tausend Jahre Rheinland, fünfhundert Jahre Bremen, hundert Jahre Verkehrsstockung am Potsdamer Platz – und jedesmal der gleiche Auftrieb von Schmöcken, Inseratenagenten, wuchernden Hoteliers, Universitätsprofessoren, Fahnenweihen, Kunstausstellungen, Rundfunkunfug, Ministerreden.
Dem Vollbart ist es noch eine Überzeugungssache; dem Glattrasierten mit der Hornbrille ein kühles Geschäft. Die Textbeilage kleiner und großer Anzeigen registriert die Volksstimmung: »Die Kieler Frauen haben gestern … « Wenn man schon keine Individualität hat, dann borgt man sich eine. Am besten beim Maskenverleihgeschäft. Als olle ehrliche Seemänner verkleidet gehen da die Kinobesucher der Einheitsfilme, die gleichen Leser von Tarzan, die gleichen Verbraucher von 4711 umher, sehen sich an, kneifen das linke Auge zu und erkennen sich als Landsleute: als alte Hessen-Nassauer.

Unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel im Jahr 1925