Die tote Last

Die tote Last ist jenes Gewicht beim Fahrzeug, das erst einmal von der antreibenden Maschine überwunden werden muß, auch wenn es leer ist: es darf also nicht zu groß sein, denn für den Nutzungswert ist diese Kraftanspannung verloren. Ist ein Gebrauchsmotor zu schwer, so kann er sonst wer weiß wie viel gute Eigenschaften haben: er taugt nichts – er muß sich ja selbst schleppen. Das ist eine technische Binsenwahrheit. In Deutschland wächst sie nicht.
Was an der deutschen Überorganisation so lästerlich und so lächerlich ist, scheint mir eben dies zu sein: die Deutschen haben nicht begriffen, dass jedes Geschäft, jedes gesellschaftliche Tun, jede Arbeit ein Maximum an Organisationsmöglichkeiten in sich trägt, das ohne Schaden nicht überschritten werden darf. Es hat noch einen Sinn, für den Erwerb von Grundstücken ein vielspaltiges Grundbuch anzulegen – es hat aber keinen mehr, minder bedeutende Handlungen wie etwa die Rückgabe einer nicht benutzten Fahrkarte mit so viel Formalien zu belasten, dass die Nebenhandlungen zum Endergebnis in keinem Verhältnis mehr stehen. Bei uns wird die Organisation um ihrer selbst willen betrieben, um persönlicher Vorteile willen, um der Wichtigkeit willen – an das Resultat denkt nachher keiner. Gar nicht zu reden von den Behörden, die in ihrer kümmerlichen Schnurrarbeit so grotesk anzusehen sind: auch die einfachsten Dinge sind bei uns organisatorisch und nun gar gedanklich überladen, überlastet, vollgestopft – die tote Last ist zu groß. Ein Gebiet, auf dem diese Erscheinung besonders auffällt, ist die Jugendbewegung.
Ich habe hier neulich einmal gefragt, was denn aus den alten Wandervögeln würde – was neben der Befriedigung des einzelnen als Resultat für das Land herausgekommen sei. Ich habe das recht negativ beantwortet – und je kleiner die Kreise, die Verbändchen, die Vereinchen waren, desto mehr verübelten sie die Feststellung, dass außer einer Klampfe an der Wand nicht viel bliebe. Sie sollten sich besinnen.
Man denke sich einen Auslandsdeutschen, der seine Heimat seit dem Jahre 1900, also etwa der Zeit des Wandervogelanfangs, nicht gesehen hat. Er kehrt im Jahre 1926 nach Deutschland zurück und liest unterwegs auf dem Sonnendeck viel wertvolle und andre Literatur über die Jugendbewegung. Ich setze den Fall eines Mannes, der guten Willens ist, der sich wirklich unterrichten will, und der nimmt nun Kenntnis von dieser Ungeheuern Literatur, die sich vom Wandervogel bis Wickersdorf mit allem beschäftigt, was dazu gehört. Er liest von einer Aufwallung in der Jugend, von ihren kräftigen und mutigen Versuchen, mit alten, dummen Vorurteilen aufzuräumen – er liest von ihrem Kampf gegen Tabak und Alkohol, von Organisationen und Spaltungen, von einem anscheinend sehr starken Leben dieser hundert und aber hundert Verbände. Nun landet er, und was sieht er da –?
Ist der Mann halbwegs gescheit, so wird er wissen, dass auch die stärkste Jugendbewegung, wenn sie nicht eine soziale Revolution einleitet, aus seiner alten Heimat nichts gänzlich Neues gemacht haben kann. Er wird auch nicht so vieles, was faul ist im Staate, der Jugendbewegung ankreiden. Das wäre töricht. Und er wird unter gar keinen Umständen faule Witze machen oder einzelne Männer und junge Leute persönlich herausgreifen und anklagen. Er soll nur die Augen auftun. Er passiert Zoll- und Polizeibehörden; er besucht Verwandte und Freunde, vor allem: er schließt Geschäfte ab, mietet, kauft, verkauft, kommt in Amtszimmer und Kasernen, schult seine Söhne ein – was sieht er?
Er wird, unter neuen Formen, schmerzlich erkennen:
Es hat sich so gut wie nichts gewandelt.
Und er hat mit dieser Feststellung recht.

Der ungeheure Aufwand, der in der Jugendbewegung geleistet wird, ist für die Umgestaltung der Gesellschaft in Deutschland fast vertan, Es sind Monologe, die da gehalten werden – Monologe und bestenfalls Chorgesänge einflußloser Leute, die einflußlos bleiben, die entweder an keiner Stelle des Staates sitzen, wo es etwas zu entscheiden gibt, oder die dort sitzen und den Träumen ihrer Jugend keine Achtung mehr tragen. Das ist beweisbar.
Wo sind auch nur lebensfähige Ansätze eines neuen Geistes in: Examenskommissionen, baupolizeilichen Stellen, die etwas zu bewilligen haben, in der Polizei überhaupt, in der Justiz, in der protestantischen Kirche – kurz: in jenen Gruppen, die durch ihre Alltagsentscheidungen das Leben einer Gesellschaft maßgebend bestimmen? Der heimgekehrte Auslandsdeutsche wird an eben diesen Stellen den alten Geist, den alten Ungeist finden. Nur auf diese Stellen aber kommt es an.
Sieht er näher hin, so wird er für den einzelnen manchen Nutzen der Jugendbewegung entdecken können: einen gewissen Rückgang des Alkoholkonsums, des Tabakkonsums, eine hier und da freier anmutende Auffassung sexueller Hygiene, obgleich die an vielen Orten durch eine dunstige, wolkige, ›schwögige‹ Verdrängung abgelöst ist. Die jungen Menschen wandern, was sie früher nicht getan haben, sie sind der Natur näher – das ist, immer für den einzelnen betrachtet, unbestritten von Nutzen. Wie sieht es aber mit der Rückwirkung solcher Bestrebungen auf die Gesellschaft aus?
Die ist nicht vorhanden.
Das Mißverständnis zwischen den gradezu sektiererischen Aufregungen der Klüngel und ihrer tatsächlichen Wirksamkeit ist schlichtweg lächerlich. Man sehe sich irgendein Heft dieser ehrlichen, saubern und tapfern jungen Menschen an – man findet da eine ›Secessio‹ aus Wickersdorf, einen ›Kampf zwischen Blüher und Antiblüher‹, und das mit einer Wichtigkeit aufgemacht, als hingen wer weiß welche Interessen und Folgeerscheinungen für alle davon ab.
In Wahrheit bleibt die Wirkung durchaus auf den einzelnen Kreis beschränkt, geht fast niemals darüber hinaus – und einige dieser Gruppen sind ja bewußt esoterisch. Mehr: man hat oft den Eindruck, als werde das praktische Leben, das Draußen, die soziologische Wirkung als etwas Profanes störend empfunden – sie wird nicht einmal immer gewollt. Es sind eben Kreise, wie es die gleichen geometrischen Figuren sind: sie kehren der Welt den konvexen Rücken, und wer nicht drinnen ist, ist draußen.
Man kann sich in Deutschland schon dafür bedanken, dass es nicht Rechtecke sind, nicht quadratische Kasernenhöfe, sondern Gebilde, die nicht ›aufgehen‹. Aber damit ists nicht getan.
Am gefährlichsten die Prätention, dieses: »Oho! Wir sind Idealisten und so edel!« Dadurch wird die Mehrzahl der bürgerlichen Jugend in den Irrtum hineingerissen, zu glauben, sie täten wirklich schon etwas, wenn sie dieser und nicht jener Gruppe angehörten. Wieviel anständige Gesinnung, wieviel wahrhaftiger Idealismus wird hier abgefangen, in eine Sackgasse geleitet – langsam verdunstender Dampf, der nie ein Rad getrieben. Es ist eine Lokomobile, die das Holz sägt, mit dem sie gefeuert wird.
Ich weiß, dass kein Vorwurf einen tätigen Mann in Deutschland so maßlos reizt wie der, dass sein Wirken überflüssig ist – er empfindet sich stets als den Nabel der Welt und hat im allgemeinen wenig Relativitätsgefühl. Aber dies geht doch zu weit.
Auf der einen Seite ein Trubel, eine ganze Philosophie, eine neu ausgebildete Terminologie, Pläne, Entwürfe, Verfassungen, romantische Manifeste – und auf der andern Seite ein ganz unromantisches Land, das die Romantik höchstens zum Aufputz für Staatsfeiertage benötigt, eine gesellschaftliche Struktur, die die ›brausende Jugend‹ grade noch gelten läßt, solange sie nicht gegen die polizeilichen Bestimmungen verstößt, die aber gar nicht daran denkt, sich auch nur im geringsten zu ändern, die auch nicht ein Rädchen im Organismus ihrer Maschinerie auswechselt. Es bleibt beim alten System.
Sehen unsre Schulen wirklich so sehr anders aus? Hat sich auf den Universitäten etwas zum Guten gewandelt? Muß jener hypothetische Auslandsdeutsche nicht nur in kleine private Siedlungen, in Versuchsanstalten, in winzige Oasen geführt werden, wenn man ihm etwas zeigen will? Das darf er aber rechtens ablehnen. Er kann verlangen:
Ohne Führung, ohne geschwollene Kommentare sein Land zu durchreisen, mit Müller und Schulze zusammenkommen, wo Müller und Schulze zu sagen haben, irgendeine Schule aufzusuchen und noch eine, irgendein Amtszimmer zu betreten und noch eins, irgendeine Firma von innen her kennen zu lernen und noch eine – dann darf er sein Urteil abgeben. Und dieses Urteil muß lauten:
»Auf dem Sonnendeck las mans anders. Damals, als ich herfuhr, habe ich geglaubt, dieser Riesenrummel führe zu etwas und fände seinen Niederschlag in der Gesellschaft, im Staat, im täglichen Leben. Ich habe mich täuschen lassen. Die deutsche Jugendbewegung ist eine Wellenbewegung: scheinbar vorwärts, in Wahrheit auf und ab. Der Literatur, dem Vokabularium, der Bewegung entspricht so gut wie nichts. Der Motor ist viel zu schwer. Er ist eine tote Last.«

Unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel im Jahr 1926