Die Straße der Republik

Abzeichen sind etwas Äußerliches, aber in ihnen steckt für das Auge, für den Betrachter und für den Augenblick das Wesen der Dinge oder doch wenigstens die Erinnerung daran. Der Kampf um Abzeichen ist daher zu allen Zeiten immer ein Kampf für den Kern der Dinge gewesen, und das erste, was eine Partei tat, die anstelle einer anderen ans Ruder kam, war, dass sie die Abzeichen des verhaßten und gestürzten Gegners beseitigte. Sie tat das in der richtigen Erkenntnis, dass Wappen, Embleme, Zierstücke und Ehrenzeichen des anderen immer wieder an den anderen erinnern würden. So hat auch die Pariser Kommune die verhaßten Denkmäler des napoleonischen Regimes gestürzt.
Daß sich das nicht etwa geändert hat und dass dem auch heute noch so ist, zeigt die ungeheure Wut, mit der sich allenthalben die Bourgeoisie auf die Anhänger der gestürzten Räterepubliken warf, dass sie in pedantischer Raserei bemüht war, nicht nur durch Todesurteile, sondern auch durch Abschaffung der kleinsten Äußerlichkeiten alles auszumerzen, was an die verhaßten Roten gemahnen könnte.
Soweit die ernste Grundlage unserer Erörterung. Um uns nun etwas Spaßhafterem zuzuwenden: da hätten wir die deutsche Republik. Was dieses traute Mädchen schon alles für Kummer ausgestanden hat, seit sie ihr den uniformierten Jochen aus der Kammer genommen haben (und nun steht sie leer … ) – das ist gar nicht zum Blasen. Denn die Liebe zu Potsdam, so still und so heiß, ist eine heimliche Liebe, von der niemand nichts weiß. Und weil hierorts alldeutscher Patriotismus gleichbedeutend mit Wohlanständigkeit ist, die sich von selbst versteht, weshalb auch niemand etwas dabei findet, wenn er in den unpolitischen Dingen auftaucht: deshalb hat diese freieste aller Republiken, wie sie zu firmieren pflegt, nicht an den alten historischen Grundlagen des Hohenzollernstaates zu rütteln gewagt. An seinem Geiste nicht und an seinen Äußerlichkeiten nicht. – Vom Geist wollen wir hier nicht reden. Er wurde in der Kadettenanstalt Groß-Lichterfelde hergestellt und war auch danach. Die Äußerlichkeiten aber umwimmeln uns auf den republikanischen Straßen auf Schritt und Tritt.
Was siehst du? Du siehst: die alten dynastischen Straßenschilder mit den alten dynastischen Namen, du sieht ganze Schaufenster mit kleinen, bunten wertlosen Seidenbändern, Blech–, Porzellan- und Silberkreuzchen, mit Orden und Ehrenzeichen, die, von Fürsten begründet, heute noch gekauft, verkauft und verliehen werden und verliehen von solchen, die sich für die Vollstreckung des letzten Willens der Könige von der Republik bezahlen lassen. (In wessen Namen werden eigentlich heute noch diese Orden verliehen? Antwort: Im Namen der Dummheit.) Du siehst Ansichtskarten mit den grinsenden Gesichtern fetter Heerführer, mit dem Kaiser am Frühstückstisch, wie er ein Täßchen Mokka schlürft, Unterschrift: »Unser Kaiser im Felde«, du siehst alte Tunten, die mit einem Rosenbusch irgendeinen Säugling oder einen vernagelten Hindenburg einweihen, und dann stellt sich heraus, dass es »Unser Großherzogspaar« ist … Und das siehst du alles nicht, weil etwa immer ein böser Wille bei dem Ausstellenden oder dem Verkäufer dahintersteckt – es ist einfach Denkfaulheit und jene traditionell preußische Dummheit, die nicht erkennt, dass gerade dasjenige, worüber keiner mehr nachdenkt, das Gefährlichste ist. Aber nichts ist schwerer, als den Menschen seine Selbstverständlichkeiten abzugewöhnen. Der alte Trott ist so bequem …
Und daher siehst du denn vor allen Dingen – pfui Teufel! die Kriegsandenken an die Große Zeit. Es scheint Leute zu geben, die den Weltkrieg vergessen würden, wenn nicht der größte Mann dieses Jahrhunderts, der Graf Zeppelin, vom Klosettdeckel herübergrüßt. Und gemahnt nicht jenes Eiserne Kreuz aus Blech mit der Inschrift »Gold gab ich für Eisen 1914« an die deutsche Politik? Und so sind der Scheußlichkeiten noch viele.
Man sagt immer, der liebe Gott sehe aufs Herz. Das hat er in Deutschland gar nicht nötig. Wanderer, kommst du nach auswärts, so sage dorten, du habest uns hier schlafen gesehen, wie das Gesetz es befahl! Ein Blick in diese Republik – und man hat sie erkannt bis ins Gekröse. Denn es steht geschrieben: an ihren Straßen sollt ihr sie erkennen …
Und was erkennt ihr? Es hat sich nichts gewandelt!

Unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel im Jahr 1920

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