Die Stadt Lyon

»In Lyon mußte er wohl oder übel zwei Stunden verlieren.«

Emil Ludwig, »Napoleon«

Lyon, im März

Auf der Rhône schreien die Möwen und beklecksen die weitbogigen Brücken, die fünfmal, sechsmal, siebenmal von Lyon nach Lyon führen, sie fangen sich Fische im Gleitflug, eine sah so aus, als hätte sie eine nahe Verwandte im Alsterbassin zu Hamburg, und ich bat sie, wenn sie ihre Tante sähe, diese zu grüßen; eine kleine Tochter der Rhône schwimmt durch die Stadt und heißt Saône, Fluß-Senior und Fluß-Junior bilden eine spitzige Halbinsel, darauf steht unter anderm das Rathaus, Herriot hat hier regiert und tut es nominell heute noch. (Allmonatlich hat er einmal für sein Lyon Zeit.) Wie sag ichs meinem Kinde, dass dieses keine so hübsche Stadt ist –?
Oben, auf den Anhöhen der Saône, liegt die alte Stadt, mit Kirche, Fort und finster-sachlich blickenden Häusern. Jedes der hohen Häuser hat sechs Reihen dunkler Fensteraugen, ungastlich blickt das auf den Fluß herunter, kein Stein ladet dich ein. Eine finstere Fabrikstadt könnte nicht so schwarz, verrußt, unfreundlich sein wie diese große Handelsstadt, die für ihre dunklen, freudlosen Töne gar nicht soviel Fabriken zur Entschuldigung hat. Freudlos karren die Wagen durch die Stadt; gleichgültig halten die Läden gleichgültige Sachen feil; langweilig lümmelt sich die Tram durch die ewig geraden Straßen. Niemand will ich beleidigen: dieses ist hoffnungslose Provinz.
Aber keine verschlafene. Dreiviertel Million Menschen haben jeden März eine Messe, die sich sehen lassen kann und die ihr andere französische Städte vergeblich nachzuahmen versuchen ; hier wohnt der Erzbischof nicht weit von der Universität, und die politisch aktive Geistlichkeit Frankreichs ist alles andere als unwissend – aber um diesen Mittelpunkt von Handel und Katholizismus lebt eine (französisch) republikanische Bevölkerung, die gegen Paris das Resultat der letzten Wahlen erreicht hat. Es sind trockne, ziemlich kalte, aber treue Menschen, so werden sie geschildert, so können sie ihrem äußeren Anschein nach sein. (Treu sicherlich. Als Clemenceau im Kriege Unregelmäßigkeiten der Lebensmittelversorgung Herrn Herriot in die Schuhe schieben wollte, gab es in Lyon ein Demonstrationsbankett von den Ultra-Nationalisten bis zu den Kommunisten für ihren Bürgermeister.) Diese Leute mit dem etwas schleppenden Tonfall sind sehr stolz auf ihre Stadt, wie ja überhaupt das vollkommen durchorganisierte und so zentralistische Frankreich in den tiefsten Nuancen etwas darstellt, was man als »Vereinigte Staaten Frankreichs« bezeichnen könnte, wenn man es richtig, nämlich hauchartig, auffaßte. Sie haben natürlich den allen Leuten aus allen Provinzen eigentümlichen Tonfall: »Bei uns in Lyon … «, »Bei uns in Prenzlau … « Der Pariser ist hier nicht so übermäßig beliebt …
»Sind die Leute deutschfreundlich?« – Lieber Herr, ist ein Dreieck in der Geometrie rot oder grün? Wir stellen diese Frage viel zu oft, sie sind natürlich weder besonders freundlich noch besonders feindlich, weil … aber das mögen die Herren über dem Strich behandeln. Hier nur so viel, dass in breiten Bürgerschichten eher eine gewisse Abneigung – auch heute noch – gegen Deutschland besteht, eine Abneigung, die sicher gar nichts mit dem Abschluß von Geschäften zu tun hat, in denen bekanntlich alle Welt vorurteilslos ist. Keinesfalls ist selbst in dem nationalsten Industriemilieu irgend etwas von imperialistischen Ausbreitungstendenzen zu spüren.
Diese kaffeebraune, naßkalte, schwärzlich angeräucherte Sache also hat der Ministerpräsident einmal regiert. Die Stadt, der er so verwurzelt ist, charakterisiert ihn heute noch in diesem einen Satz: »C’est un bon!« – Hier hat er regiert. Er mag getan haben, was ein Stadtoberhaupt nur tun kann – aber schöner machen konnte auch er diese Stadt nicht. Sie hat im Norden einen Park, den Parc de la Tête d’Or, ja, ja; aber unsereiner wird hier seines Lebens nicht recht froh. (»Sie hätten sich das Gobelin-Museum ansehen sollen!« Bitte, ich habe mir alle Lyoneser Sehenswürdigkeiten angesehen: Kirchen und einen Ableger vom Eiffelturm, vielleicht wächst er noch, und auf der Place Ampère Nr. 8 ist eine besondere Rarität ausgestellt; dort kann man die unliebenswürdigste Französin sehen, sie ist in einem Postamt untergebracht, da mault sie hinter einem Schalter, malproper und grauslich anzusehen.) Einen Vorzug hat allerdings Lyon: hier ist der Portier zur Bedienung des Mieters da – in Paris ist das umgekehrt. Paris zerfällt in lauter kleine Königreiche, in denen überall König Concierge I. regiert – die Lyonesen haben wie richtige erwachsene Menschen einen Hausschlüssel, und wenn sie Briefe bekommen, brauchen sie den Logenmann nicht zu fragen. Aber sonst: Provinz.
Jeder Bauer ist dem Großstädter überlegen, er produziert, ist der Erde nah, in vielem unabhängig, braucht das meiste andere nicht. Der Mittelstädter aber spielt der Großstadt gegenüber immer eine leis lächerliche Rolle, vor allem in Frankreich, wo Paris alles, aber auch alles aufsaugt, was an Jugend, Licht, Moderne im Lande ist. Provinz – das ist auf der ganzen Welt gleich. Überall haben diese Städte in ihrem Klimbim von Trams, Kino, Stadttheater, Klatsch und Kommerz eine gewisse, undefinierbare Melodie von Murksigkeit, da ist etwas zu kurz gekommen, es ist alles ein bißchen dünn, kopiert, bestellt und nicht abgeholt, will und kann nicht, oder von kümmerlicher Eigenart. Überall sind auf der Welt die Standesunterschiede am größten in der Provinz. Da sehnt man sich heimlich nach der Großstadt, manchmal ist diese Sehnsucht als Abneigung frisiert, überall haben die Toiletten so eine Färbung von Schwerfälligkeit, Monotonie … Über eine ganz kleine Landstadt wäre noch zu reden, obgleich wir da vielleicht nicht leben wollten. Es sei denn, man sage gleich bei den Antrittsbesuchen dem Pastor: »Ich bin, wahrhaftiger Gott, Atheist!« – und zum Apotheker: »Von Pillen halte ich grundsätzlich nichts!« und zur Frau Doktor: »Gnädige Frau sehen so gealtert aus – das macht vielleicht dieser unmoderne Umhang?« Dann ist man sie alle miteinander los, gleich beim ersten Aufwaschen – und so könnte man vielleicht gegen das Leben in einer ganz kleinen Landstadt nichts sagen. Aber die Mittelstadt, das ist nicht zum Totlachen. Sie ist eben Provinz.
Wenn Menschen ein Publikum bilden, schwitzen sie ihre Gesamtpersönlichkeit aus, der einzelne kann das nicht so. Wollen sehen, wie es in Lyon ist.
Operette siebzehnten Ranges, gesteckt voll, also ganz ehrlich. Der Saal strahlt und schwimmt in Dialekt: Es ist der von Marseille, denn Tartarin stammt aus der Provence, wie männiglich weiß. Dieses französische Sächseln, durch die Nase gequetscht, klingt wie eine nicht sehr gepflegte Schüleraussprache mit »bong« und »biäng«, fürchterlich anzuhören. »Sie sprechen wohl Dialekt?« fragt eine Figur den Tartarin. »Oeng peu!« sagt der, und die Leute freuen sich. So muß einem Fremden zumute sein, wenn er Max Adalbert am Werke sieht; solche Schauspieler sind so sehr die Inkarnation ihres engeren Heimatlandes, dass für den Fremden nicht viel übrigbleibt. Wie sich alle Komiker auf der ganzen Erde gleichen! Auch dieser sieht es nicht gern, wenn die anderen eine Pointe haben – um dieses zu verhindern, hat er sich ein kleines Tutehorn vorgebunden, und sagt ein anderer etwas Komisches: Tüüüüüüht! – ist die Pointe hin. Und ich dacht der treuen Heimat und manch wackern Mannes.
Das Publikum klatscht und lacht und amüsiert sich, aber die Luft ist doch trocken im Saal – kein Vergleich mit den Leuten im Süden, kein Vergleich mit Paris. Im Saal nicht und draußen auch nicht. Und es scheint wirklich, als ob man den Zauber dieser einzigartigen Stadt am besten begreift, wenn man nicht da ist, wenn man sich nach ihr sehnt, wenn man draußen steckt, ihre Kamindächer, den silbergrauen Seinenebel, die feinen Straßenfronten mit den Volets nur im Geiste vor sich sieht, mein Gott, wie häßlich sind die Lyoneser Jalousien, alle Fassaden sind rettungslos verdorben. Auch gibt es in Paris kleine Balkonx, glatt und diskret ziehen sich die Häuserfronten hin, an jeder Straßenecke wartet eine neue kleine Koketterie auf, selbst die Autos haben diese Stadt nicht zu zerstören vermocht. Ein paar Monate Paris – und man glaubt, die ganze Welt müsse so aussehen, alle Mädchen müßten so nett über den Damm spazieren, alle Leute dieses leise, freundliche Lächeln haben – man wird übermütig, die Kinder schreien nach Austern, Kaviar mögen sie nicht mehr – und da ist Lyon eine gute Lehre.
Du hast dein Paris, und ich habe meins, wir wollen uns nicht in die Quere kommen, es ist Platz für so viele. Und wenn sie mich in Lyon mit Musik auf den Bahnhof brächten –: es hielte mich hier nicht. Zum Glück bringt mich keiner. Da liegen die Berge, durch die Berge führt ein Tunnel, durch den Tunnel führt die Bahn – noch einmal einsteigen, Abfahrt, Schlafwagen, Herr Panter hats ja, Mâcon, Dijon, die ersten Häuser – Paris! Paris!

Unter dem Pseudonym Peter Panter im Jahr 1925