Die Spitzen der Behörden

Um einem dringenden Bedürfnis abzuhelfen, haben wir uns entschlossen, eine neue Organisation ins Leben zu rufen: den Deutschen Reichs-Behörden-Verleih (DRBV). In Anbetracht der Tatsache, dass der Deutsche nur gruppenweise vorkommt, dass diese Gruppen sich so lange spalten, bis sich die einzelnen Teile zu einem Reichsbund zusammenschließen;
dass es fernerhin die Hauptaufgabe dieser Reichsverbände ist, Tagungen, Kongresse, Jahresversammlungen und Verbandsfeste abzuhalten;
dass zu jeder dieser Tagungen die Anwesenheit der Spitzen der Behörden unerläßlich ist –:
macht es sich der DRBV zur Aufgabe, die bisher ziellos nebeneinanderlaufenden Verleihbestrebungen einheitlich zu organisieren, wie folgt:
Es stehen den Entleihern grundsätzlich nachstehende Garnituren zur Verfügung:

Spitzen der Kommunalbehörden 1,50 M. die Stunde
”              ”  Kreisbehörden           1,75 ”     ”     ”
”             ” Landesbehörden         3,00 ”     ”    ”
”             ” Reichsbehörden         4,80 ”     ”    ”
Ministerialvertreter                     5,10 ”     ”    ”

Bei Abnahme größerer Posten legen wir zwei bis drei Parlamentarier der betr. Länder gratis bei. Bayerische Beamte 10% billiger.
Die Behördenspitzen werden in sachgemäßer Ausstattung geliefert:
Gediegener Gehrock,
schwarze Hose,
viereckige Schnürstiefel,
stachelhaariger Zylinder,
Stehkragen,
Brille.
Die Entleiher werden gebeten, unsere Leihobjekte pfleglich zu behandeln und sie in demselben Zustand zurückzuerstatten, wie man dieselben anzutreffen wünscht. Besoffene Exemplare werden nicht zurückgenommen.
Unser Verleih liefert im allgemeinen nur redende Spitzen; auf besonderen Wunsch geben wir auch plombierte Exemplare ab, doch kosten solche einen kleinen Zuschlag. Die von uns zu liefernde Spitze der Behörde hält an Ort und Stelle eine Ansprache, die so eingerichtet ist, dass sie keinesfalls anstößig wirkt; insbesondere ist eine Beleidigung von Monarchisten oder republikanisch Andersdenkenden ausgeschlossen. Die von den Spitzen zu haltenden Reden werden von uns vorher genau daraufhin begutachtet, dass nicht das geringste in ihnen gesagt ist.
Sämtliche Reden enthalten kürzere, allgemein verständliche Zitate aus unsern werten Klassikern (bis 1860).
Die Behördenspitzen haben Anspruch auf einen Ehrenplatz sowie auf polizeiliche Absperrung, damit sie dieselbe ungehindert passieren können. Die Spitzen sind tunlichst zu fotografieren und der bessern Unterscheidung halber mit einem weißen Kreuz auf dem Bauch zu versehen.

Wir hoffen, mit diesem Auszug aus unsern Betriebsvorschriften dem Deutschen Reich sowie seinem Verbandsleben einen unschätzbaren Dienst erwiesen zu haben.
Eine Störung des Verwaltungsbetriebes ist ausgeschlossen, da sich derselbe immer mehr von den Amtsstuben in die Kongreßsäle verzogen hat. Der Steuerzahler merkt auf diese Weise, dass die Behörden ihre vornehmste Aufgabe darin erblicken, bei festlichen Gelegenheiten von der Schaffung jener Schwierigkeiten abzusehen, für die sie ursprünglich gedacht sind. Wir sind jederzeit gern bereit, mit ersten Referenzen aufzuwarten. Letzte Engagements:
Unser Herr Kultusminister spielt im August:
6. Weimar. Jahrestagung der Damenschwimmriegen entschieden jüdischer Philatelisten.
12. Neu-Jannowitz. Jahrestagung des Bundes der Landwirte mit anschließendem Tänzchen und Steuerstreik.
19. Bitterfeld. Kongreß der katholischen Jungmädchenvereine zur Förderung der Bananenzucht in Oberbayern.
24. Berlin. Tagung der Deutschen Studentenschaft.
25. Berlin. Tagung der republikanischen Studenten.
Der Vorsitzende des Reichsausschusses für Deutsche Leibesübungen, Herr Staatssekretär August Lewald, ist für die nächsten zweieinhalb Jahre nicht mehr frei; doch kann in dringenden Fällen einer seiner Gehröcke verliehen werden.
Von dem Grundsatz, auf die diversen Tagungen nur Fachleute zu entsenden, sind wir abgekommen; wir lassen vielmehr die Spitzen hauptsächlich über das sprechen, wovon sie bestimmt nichts verstehen, also:
Herrn Stresemann über Musik; Herrn Hilferding über Arzneikunde; Herrn Groener über Schmieröl; Herrn Breitscheid über auswärtige Politik und alle über deutsche Kultur.
Indem wir Sie bitten, uns in Ihrem gefl. Bekanntenkreise empfehlen zu wollen,

zeichnen wir

hochachtungsvoll
Deutscher Reichs-Behörden-Verleih
Borowsky Heck

Unter dem Pseudonym Kaspar Hauser im Jahr 1928

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