Die Pensionierten

Nur mit milder Rührung siehst du den alten, etwas ergrauten Herrn jeden Morgen auf seinen Gichtbeinen die Promenade entlang wandeln … Sein Scheitel ist auf eine unmögliche Art nach hinten gezogen, bis zum Kragen herunter, seine Schultern sind eckig, aber noch erinnert eine hölzerne Haltung daran, dass dieser Mann jahrelang der Schrecken Hunderter junger, in eine bunte Uniform gesteckter Leute war. –
Dies zu denken: einst marschierte er starken Schritts durch die muffigen Korridore der Kaserne, und wo seine machtvollen Schnurrbartspitzen erschienen, setzte es Bestürzung und Arrest. Seinetwegen mußten viele tagelang in schlecht gelüfteten Zimmern auf einem niedrigen Bett hocken (den Rock bis oben hin zugeknöpft), seinetwegen litten hundert, zweihundert Mann brennenden, wütenden Durst, weil er, der Gott, der sich satt getrunken hatte, es so wollte. Und nun …
Es gibt nichts Kläglicheres als die alten pensionierten Soldaten. Ihrer Abzeichen und damit ihrer Macht entkleidet, gehen sie herum, meist sind sie leberleidend, denn sie haben früher gern ein bißchen getrunken, was kann ihnen das Leben noch bieten, da es ihnen nun nicht mehr gestattet ist, ihre Mitmenschen anzubrüllen und ein wenig zu quälen, durch einen Gewaltmarsch etwa … ? Schreien sie nunmehr einen an, einen jungen kräftigen Mann zum Beispiel, sie könnten ihre Knochen aufsammeln. Denn sie haben ja nie durch die Macht ihrer Persönlichkeit gewirkt, da war ja keiner, der sich nicht getraut hätte, wenn eben nicht das Kriegsgericht gewesen wäre. Solche Kerle waren es nicht. Es waren Militärbeamte.

Im Jahr 1912

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