Die Literatur im Kastanienwäldchen

Am 16. April begann das Sommersemester der berliner Universität. Das Verzeichnis der Vorlesungen umfaßt siebzig Seiten. Alles Fachliche beiseite las-send, suche ich: Deutsche Literatur. Zunächst ist sie nicht zu finden: »Gotisch für Anfänger« ist es nicht, und »Interpretation von Braunes Althochdeutschem Lesebuch« auch nicht. Aber dann kommt es: siebzehn Vorlesungen werden über diesen Gegenstand gehalten. Trübe wird der Blick, traurig der Sinn: Germanische Heldensage – gut! –, aber dann: »Erklärung des Nibelungenliedes mit Erörterung der Sage und ihrer Geschichte«, »Mittelhochdeutsche Übungen« im Seminar, Klopstock …
Diese Vorlesungen sind verfilzt. Wer nie bei dem säuselnden Getön der professoralen Stimme Arabesken in die Bänke schnitt, wer diese Philologen nicht anhörte, ihr Ersaufen in Tatsachen, ihr dünkelhaftes Urteil über Künstler, die sie nie begriffen, – der mag glauben, dass aus dem Besuch der Vorlesung über den deutschen Roman bis zur Gegenwart oder über Politik irgend etwas herausspringt. Es lohnt nicht, die alten Eichen einzeln zu benennen: nicht den Simplicissimusfeind noch den Damenprofessor oder die anderen.
Nur soviel: dies papaliche Verstehen der »menschlichen Schwächen« der Dichter, das Herausklauben von Daten, – widerlich! widerlich! – Die Kärrner haben zu tun.
Für ihre Konstruktionen zwischen Leben und künstlerischem Schaffen müßte man sie einbalsamieren. Aber im Gegenteil: ob Goethe die Friederike oder ob er sie nicht … Achthundert Federn kritzeln das mit, könnte man auch sonst wohl die Gedichte auf Seite 914 und 915 zweiten Bandes verstehen? – Man könnte es nicht!
Tintenfinger tasten die Struktur zarter Gedichte ab, was hat der Dichter gewollt, gekonnt, erreicht, gedacht … ? Nichts, was uns angeht, kein Zusammenhang mit den lebenden Großen; mißgünstiger Neid gegen die – Dilettanten.
Da wird eine Erläuterung zu Ibsens »Peer Gynt« gelesen: als Hauptsache erscheint dem Dozenten, wie er in Klammern angibt, der vierte Akt wegen des darin enthaltenen Angriffs auf Deutschland! Aber dafür liest er über »den technischen Aufbau in den Hauptdramen Ibsens auf Grund der Ideen «. Ibsen in einem Briefe vom 4.12.1890: »In diesem Stück (›Hedda Gabler‹) habe ich nicht eigentlich sogenannte Probleme behandeln wollen. In der Hauptsache ist es mir darum zu tun gewesen, Menschen, menschliche Stimmungen und menschliche Schicksale auf Grund gewisser gültiger sozialer Verhältnisse und Anschauungen zu schildern.« –
Eine Wanzenarbeit, die Lächerlichkeiten jeder Vorlesung zu belegen.
Und im Gedächtnis bleibt das einzig nutzbare, ehrliche Kolleg:
Byzantinische Übungen. Mittwoch 6-8 abends. Gratis.

Im Jahr 1912

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