Die Herren Veranlasser

»Adjutant!«
»Herr Hauptmann?«
»Notieren Sie den Fall!«
»Zu Befehl, Herr Hauptmann, ich werde das Nötige veranlassen.«

Beim deutschen Militär gab und gibt es eine Menge Leute – meist in Offiziersstellen –, die davon leben, dass sie Befehle weitergeben. Sie sind Durchgangsstellen für die Übermittlung von Willenserklärungen nach unten hin. Sie veranlassen das Nötige.
Der Regimentskommandeur hat die Stirn gerunzelt, und es hat sich zwischen ihm und seinem Adjutanten ungefähr so eine Unterhaltung abgespielt, wie sie da oben aufgeschrieben ist. Der Adjutant ist mit rotem Kopf zu dem zuständigen Bataillonskommandeur gelaufen und hat dem den Willen des Gewaltigen verkündet. Der Bataillonskommandeur langt sich seinen Adjutanten, Unterhaltung wie oben, Krach beim Kompanieführer, Adjutant des Kompanieführers, siehe oben, Spektakel mit dem Feldwebel, und die Sache endete meist damit, dass irgendein brummeliger Gefreiter und zwei Mann das in Ordnung brachten, was den »Alten« so erregt hatte. Letzten Endes hatte der Alte befohlen, und die drei Leute hatten gehorcht. Die Zwischenstellen hatten das Nötige veranlaßt.
Dieses Deutschland von 1920 ist überschwemmt mit den Angehörigen der heimgekehrten Armee. Die wildesten Propagandakämpfe stellungsloser Offiziere haben zwar die Zahl der militärischen Abwicklungsstellen, wo die uniformierten Nichtstuer die Steuergelder aus den Lohnabzügen der Arbeiter schneller verzehren, als ein Mensch arbeiten kann – die wilde und verzweifelte Notwehr der zu entlassenden Offiziere aller Kaliber hat diese und jene Sicherheitswehr, diesen und jenen Ortsschutz geschaffen und Stellen und abermals Stellen –: aber es ist doch unverkennbar, dass die glorreiche kaiserliche Armee einen großen Teil ihres Menschenmaterials in das Zivilleben hat abgeben müssen.
Armes Zivil! Nun haben wir die Herren Veranlasser im eigenen Lager. Es ist ausgeschlossen, dass der deutsche Militärbeamtentypus (denn diese kampfbewährten Okkupations- und Etappenoffiziere hatten ja viel mehr Ähnlichkeit mit Beamten als mit Soldaten), es ist ausgeschlossen, sage ich, dass dieses bunte Volk sich von heute auf morgen umstellt. Sie geben zusammen mit den ebenfalls verbildeten Formaljuristen eine besondere deutsche Klasse ab, eine Klasse, die nicht arbeitet, die von keinerlei Sachkenntnis getrübt ist, die nicht selbständig und produktiv schafft – sondern die veranlaßt.
Wir sind nun heute glücklich so weit, dass ungefähr ein Zehntel der männlichen werktätigen Bevölkerung aufschreibt, was die übrigen neun Zehntel tun. In keinem Lande werden so viele Listen geführt wie hier, in keinem Lande ist der Apparat des Lebens so verwickelt, in keinem Lande – außer vielleicht der rückenmarksschwindsüchtigen Donaumonarchie – wird soviel registriert, verwaltet und veranlaßt. Es ist das nicht allein das Resultat eines Denkprozesses, der etwa ein solches dauernd von der Obrigkeit überwachtes Leben für notwendig hielte – es ist das einfach die Folge dessen, dass ein großer Teil der kampferprobten Militär- und Paragraphenmänner keine andere Arbeit zu leisten imstande ist: als eben zu veranlassen.
Der Jurist hat für alles, was es auf der Welt gibt, den Rahmen seiner abstrakten Vorstellungen. Der Militärbeamte (der sich Offizier nennen läßt) glaubt gleichfalls, alles mit der straffen preußischen Organisation erfassen zu können. Beide trennt vom praktischen Leben eine Glaswand. Sie arbeiten nicht. Sie veranlassen.
Lustig und beschämend zugleich ist die gänzliche Hilflosigkeit dieser Brüder, wenn sie ins Ausland kommen. Das Ausland – besonders der Angelsachse und der Amerikaner – ist gewöhnt, ausschließlich und nur auf den positiven Enderfolg zu sehen, und kümmert sich um das Zwischenstadium der Verwaltung und der Veranlassung einen Teufel. Das begreifen unsere Veranlasser nun gar nicht. Das Reichsamt für den Wiederaufbau hat aber doch … ! Der Präsident des Rückwanderungsamts ist doch darüber benachrichtigt, dass … ! Beim Beauftragten für die Verteilung der Kohlen schweben doch aber Erwägungen … ! Und derweilen geht die Zeit weiter, und das Ausland lacht sie aus, und unsere Veranlasser stehen da: begossen, verwundert, patriotisch bis aufs Hemde und ohne jedes Verständnis für die »Feinde«, die in ihrer maßlosen Ungebildetheit den preußischen Instanzenzug nicht kennen.
Die Herren Veranlasser kosten uns Milliarden. Sie kosten uns das einerseits durch die Dinge, die sie nicht tun, durch ihre Versäumnisse, ihre Zeitverluste, ihre Tintentrödeleien. Sie kosten es uns andererseits durch ihre Gehälter, denn die meisten dieser Geheimräte, Assessoren, Verwaltungsmenschen, ehemaligen Offiziere werden, wenn auch nicht fürstlich, so doch im Vergleich zu ihrer ganz unfruchtbaren Arbeit lächerlich überbezahlt. Sie sind im Grunde überflüssig.
Bei der Reichswehr ist das augenblickliche Verhältnis der Zahl der Unteroffiziere zu der Zahl der Mannschaften wie eins zu drei, das heißt, auf je drei Leute kommt immer ein Unteroffizier, und auf ungefähr fünfundzwanzig Mann, einschließlich der Unteroffiziere, ein Offizier. In den Verwaltungsstellen ist das noch viel schlimmer. Die Zahl der Geheimräte, die einen einzigen Fortbildungsschuldirektor beaufsichtigen, verwalten, regieren, registrieren und das Nötige mit ihm veranlassen, gibt leider keine indiskrete Hand der Öffentlichkeit preis. Es wäre gut, zu wissen, wie viele es sind, die da dem produktiven Arbeiter lähmend in die Hand fallen. Wenige sinds nicht.
Dann geh einmal durch die bürgerlichen Familien: in jeder, aber fast ausnahmslos in jeder, sitzt ein alter und ein junger Herr, die morgens in geblähter Wichtigkeit mit der dicken Ledermappe »aufs Amt« gehen. Ich habe mich früher immer gewundert, wenn ich hörte, dieser oder jener mir bekannte Assessor beschäftige sich plötzlich mit Schulangelegenheiten oder arbeite bei der Steuer oder untersuche die Wiedergutmachungsansprüche von beschädigten Kriegsreedern. Ja, verstehen sie denn das? Ich weiß sehr wohl, dass sich ein anschlägiger Kopf überall einarbeiten kann, aber diese preußischen Gehirne und dann die Fixigkeit des Ressortwechsels? Ich Tor! Heute weiß ich, dass in allen diesen Stellen, mag es sich um Müllabfuhr, Bordellaufsicht oder den Gemeindekirchenrat handeln, »verwaltet« wird. Verfügungen gehen durch, die man bestempeln muß, Unterschriften werden gemacht, Verordnungen erlassen, um die sich meist kein Mensch kümmert – kurz: es wird veranlaßt.
Und weil Generationen deutscher Brillenmenschen nicht fähig sind, anders zu leben als so, und eine andere Arbeit zu leisten als diese unfruchtbare da, deshalb haben wir ein Heer und eine Herde von Veranlassern, die mich immer an ein unvergeßliches Bild aus dem Kriege erinnern:
Auf einem Hofe in Kurland stand eine Lokomobile, die sägte Holz. Und mit diesem Holz wurde sie geheizt.
Das sind unsere Herren Veranlasser.

Unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel im Jahr 1920