Die Herren Beisitzer

In der Mitte thront der Vorsitzende, in der einen Ecke sitzt der Protokollführer, in der andern der Staatsanwalt. Wozu die deutschen Strafkammern einen Staatsanwalt brauchen, ist nicht ganz klar – er hat die Funktion, alles den Angeklagten Belastende beizubringen, und das tut ja schon der Vorsitzende. Und neben dem Vorsitzenden, da sitzen nun noch, je nach der grade geltenden Justizreform, drei oder fünf Herren, und das sind die Beisitzer. Was machen die Beisitzer eigentlich –?
Die Beisitzer haben viel zu tun. Sie setzen sich zum Beispiel ihr Käppi auf, wenn es der Vorsitzende aufsetzt, nachher setzen sie das Käppi wieder ab. Oft ruhen die Beisitzer, im Unendlichen verloren, und lassen sich still im Gang der Verhandlung dahertreiben. Es kommt auch vor, dass einer von ihnen, der innern Sammlung wegen, sanft die Augen schließt. Oft aber sind die Beisitzer tätig: dann arbeiten sie.
Das normale Bild einer deutschen Strafkammersitzung sieht so aus, dass in der Mitte ein älterer Herr auf dem Angeklagten herumhackt, neben ihm einer müde in die Gegend sieht und die andern arbeiten. Sie haben dicke Akten vor, die sie eifrig durchackern. Das sind die Akten für die nächste Verhandlung, in der sie dann wieder die Akten für die nächste bearbeiten werden. Ich weiß und bin sicher, dass sie genau und aufmerksam zuhören, ich glaube auch, dass sie Materie und Verhandlung beherrschen, so dass kein Nachteil für den Angeklagten entstehen kann. Vielleicht ist es sogar besser so für den Angeklagten …
»Liegt der Fall nicht klar? Der Fall liegt klar. Ach, wie oft haben wir das alles schon gehabt! Wir kennen alles, wir wissen alles – wenn man dasselbe tausendmal mitanhören muß, wird man gelangweilt. Man sitzt so dabei … «
Man sieht diesen Gesichtern an: Das Urteil ist gesprochen, bevor es gesprochen ist.
In einer Privatgesellschaft sah ich jüngst drei Herren einen Skat spielen. Drei spielten, und zwei andre waren dabei. Kaum, dass die die Augen aufhalten konnten. Es waren keine Steher und keine Flieger, sie saßen nicht, und sie standen nicht. Es waren – Gott sitz mir bei! – Beischläfer.

Unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel im Jahr 1925