Die Beamtenpest (III)

Gemeint sind die, die sich nicht getroffen fühlen.

»Man oktroyiert«, sagt Jacob Burckhardt, »dem Staat in sein täglich wachsendes Pflichtheft schlechtweg alles, wovon man weiß oder ahnt, dass es die Gesellschaft nicht tun werde.« So gibt es denn keinen Aufsatz über irgend welche sozialen Mißstände mehr, der nicht mit der Mahnung schließt: »Her mit einem Reichsamt für … «, wobei dann der Schreiber gewöhnlich Regierungsrat werden möchte. Es ist lächerlich, von einem Staat, der nicht einmal imstande ist, seine Leute anständig zu ernähren, ihnen ein Dach über dem Kopf zu schaffen und die Tuberkulose vom Hals zu halten – es ist lächerlich, von so einem Jammerwesen zu verlangen, dass es sich für ›Zeitungskunde‹ oder was weiß ich einsetze. Zeitungskunde ist etwas völlig Sekundäres, solange Leute leiden, hungern, frieren, im Elend verrecken. Es ist eine Verkennung der Staatsaufgaben, ihre Überschätzung durch Wichtigmacher und eine Unterschätzung des Volkes, dem Popanz zuzumuten, er solle alles, alles, alles in die Hand nehmen – wozu ihm übrigens keiner der Herren Antragsteller die Mittel in die Hand gibt. Denn vom Erbrecht lassen sie nicht. Dem Staat alle Aufgaben – der imaginären Familie alle Rechte, und das Ganze heißt dann höhere Kultur.
Blasen die Stände und Berufe ihre Positionen so auf, so ist es kein Wunder, dass sie die schlechten Eigenschaften der Beamtengruppen in ihren eignen Betrieben nachahmen.
Es ist ungemein charakteristisch, dass sich viele Angestellte ›Beamte‹ nennen; sie scheinen zu glauben, dies sei ein Ehrentitel. Unter ›Amt‹ hat man zunächst immer ein öffentliches Amt verstanden, und wenn sich die armselig bezahlten Buchhalter und Prokuristen der Großbanken mit einem Wort trösten, wo sie Geld verlangen sollten, so ist das ihre Sache. Die Seuche durchzieht aber die gesamte Industrie, und dass es zum Unterschied der aus Polen importierten Arbeitstiere auch ›landwirtschaftliche Beamte‹ gibt, bedarf keiner Erwähnung. Ein ›Privatbeamter‹ ist also ein Ding, das sein Geld von einem Unternehmen bekommt, aber genau so umständlich, genau so arbeitseitel, genau so pedantisch und genau so unfehlbar sein möchte wie der staatliche Kollege.
Die Sucht, aus den Geschäften Amtsstuben zu machen, hat ihren tiefen Grund. Die Arbeit wird bequemer und ist verantwortungsloser. So, wie der Küchenbulle im Kriege mürrisch sein Essen ausgegeben hat, einer Pflicht genügend, – wurde der Essensempfänger satt, so war das eigentlich eine leicht ungehörige Nebenerscheinung – genau so arbeiten heute schon Hunderttausende von deutschen Kaufleuten. Sie teilen die zuständige Ware aus, gemäkelt wird hier nicht, ausgesucht wird hier nicht, wir machen das so – fertig. Das Ideal ist daher der Trust oder das Monopol, dann braucht man sich überhaupt nicht mehr anzustrengen.
Der kaufmännische Angestellte wird auch deshalb gern ›Beamter‹ genannt, weil er so den ganzen verbrecherischen Betrieb der Beamten kopieren kann – vor allem ihren Trick, die Verantwortung dadurch illusorisch zu machen, dass alles unpersönlich geschieht. Es heißt nicht mehr ›der Chef‹ – es heißt ›die Leitung‹. In dieser Formel liegt ganz Neudeutschland, seine Feigheit und seine Schwäche, seine Hinterhältigkeit, seine Verantwortungslosigkeit und seine charakterlose Prahlerei. »Die Leitung hat … « Nun gibt es natürlich gar keine ›Leitung‹, sondern es gibt, in allen Fällen, einen ganz genau festzustellenden Herrn Salter oder Schulze, der die oder die Maßregel angeordnet hat. Was die Herren sich da im Innenbetrieb für Kompetenzen zurechtmachen, ist gleichgültig – die Plakatierung der Anonymität ist immer Versteck, Ausrede und Feigheit. Es ist zwar sehr lustig mitanzusehen, wie die Grammatik der Gruppen diesen neugeschaffenen Kollektiven menschliche Empfindungen beilegt: »Die Abteilung bedauert … « und »Das Werk konstatiert mit Freuden … «; gemeint ist immer die Schreibstube, der Intrigentopf, der Aufputz der wirklichen Arbeit, die dort nicht getan wird. Nur die Gehälter der höhern Schreiber sehen so aus, als täten sie sie.
Auf den Masochismus des Deutschen aber hat noch niemand vergeblich spekuliert. Seine Unterordnung unter diesen Betrieb ist vollkommen: Wenn ihm mitgeteilt wird, dass er, der Kunde, für sein Geld grüne Badehandtücher bekommt und keine andern, weil die Leitung bedauert … dann badet er grün. Er ist tausendmal Objekt, wenn er nur einmal, nämlich in seinem Beamtenberuf, Subjekt sein darf.
Lothar Schücking hat hier neulich auf die immense Gefahr hingewiesen, die in der Durchsetzung der deutschen Industrie mit Stahlhelm- und Jungdo-Leuten liegt, und die Zuwanderung der Offiziere aus der kaiserlichen Armee, den Freikorps und gleichwertigen Institutionen hat denn auch, wie nicht anders zu erwarten, höchst verderblich gewirkt. Dieses Korps ist drauf und dran, die Arbeiterrechte zu knebeln und auf trocknem Wege die Macht der Gewerkschaften zu zerstören – bei dem herrschenden Überangebot an Arbeitskräften kein schweres Werk.
Aber abgesehn von diesen wirtschaftlichen Motiven ist doch da noch ein andres. Die Wattierung jeder Tätigkeit mit einer überfütterten ›Verwaltung‹ ist Schwäche. Es ›verwaltet‹ sich eben doch viel leichter – produktive Arbeit herzustellen ist schwerer und will gelernt sein. Diesen Verwaltungsrummel, der zum großen Teil in Routine, zum ebenso großen Teil in Intrigen besteht, lernt in ein paar Monaten jeder, sogar ein Offizier kann das lernen.
Wir finden auch hier bei der Industrieverwaltung dasselbe Bild wie bei den Staatsbeamten: eine sinnlose Differenzierung der Organe, die mit dem Gesamtzweck nichts mehr zu tun hat; die Beine und die Arme und die Leber und die Milz haben sich selbständig gemacht. Ob der Körper dabei krepiert … danach fragt von denen keiner. Man kann natürlich die Aufstellung von Lohnlisten noch mehr differenzieren; man kann noch eine Kartothek einrichten und noch ein Verzeichnis und noch eine Aufstellung, aber ein vernünftiger Mensch wird sich doch fragen: Ja, nützt denn das überhaupt noch? Stehen Aufwand und Resultat in einem gesunden Verhältnis? Hat das noch einen Sinn? Mir wird niemand etwas erzählen: ich habe monatelang im Kriege eine Tätigkeit vorgetäuscht, die gar keine gewesen ist, ich arbeitete und war fleißig und schuftete umher, und es war alles Unfug und Leerlauf und dummes Zeug und grade gut genug für die Vorgesetzten: Mittel zum Zweck. Damals freilich war Krieg, und es war nicht meiner.
Diesen Leerlauf nun treffen wir in der Industrie, im Bergbau, zum Teil in den Banken, er wird noch durch die irrsinnige Steuergesetzgebung unterstützt, die diesen Unternehmen Hunderte von Menschen aufzwingt, die für das Werk mit dem Staat Krieg spielen. Wir finden den Leerlauf vor allem aber in einem gradezu geisteskrank aufgeschwollenen Verbandsleben, das jede echte Tätigkeit lahmlegt.
Jeder Kenner weiß, dass die meisten Kongresse, die diese Verbände, Vereine, Ringe, Reichsbünde, Genossenschaften und so fort einberufen, nur einen einzigen Sinn haben, und dieser Zweck ist die Vermittlung persönlicher Bekanntschaften der Beteiligten. Etwas teuer bezahlt, wie mir scheint. Aber die Verbeamtung dieser Organisationen schreitet fort, sie werden immer mehr Selbstzweck und nehmen sich ebenso feierlich und wichtig wie ihre Satzungen, als seien die vom Himmel gefallen. Es wird enorm viel ›getätigt‹, aber nichts geschafft, es wird geschuftet, aber nicht gearbeitet, es wird gewirkt, aber nichts bewirkt. Man lese das bei Alfons Goldschmidt, ›Deutschland heute‹, nach, dem einzigen mutigen Buch, in dem diese Wahrheit gesagt und das also totgeschwiegen wird.
In kaum einem andern Lande der Erde macht sich wohl der Apparat so störend bemerkbar wie in Deutschland. Wenn man hier etwas kauft, erfragt, verzehrt, wenn man reist, bestellt, anmeldet oder einträgt –: stets steht da, wo anderswo ein Helfender ist, ein alter, bewährter Fachmann, der den Kunden streng mustert. »So? Sie wollen hier mit der Fähre herüberfahren? Merkwürdig, das wollen alle! Na ja – aber so einfach ist das nicht … Sie können das nicht wissen, aber ich bin ein alter, bewährter Fährenfachmann … Da müssen Sie vor allen Dingen erst mal … « Man hat immer den Eindruck, grade noch geduldet zu sein – jener teilt Gnaden aus, wofür er sich bezahlen läßt, und weil es alle so machen, schimpfen sie zwar, spielen aber alle das lästige Spiel wacker mit. Die ungeheure Aufdringlichkeit des Apparats, der längst aus einer Hilfsfunktion Hauptsache geworden ist, macht sich auf Schritt und Tritt bemerkbar. Ich habe mich einmal auf dem Bahnhof Friedrichstraße nach einer Reise waschen wollen – sie haben mich nicht grade vereidigt, aber sonst haben sie beinah alles getan, was man nur tun konnte. Auch fand sich dort eine Scheuerfrau, die das Wort ›Waschraumkarte‹ fließend aussprach, ohne dass ihr das Gebiß herausfiel. Ein Schalter war da, und es gab rote und grüne Billetts für die Fahrt in die Wasch, und sie wurden geknipst, richtig … waschen durfte man sich auch. Aber das war eigentlich nur eine leicht überflüssige Formalität. Die Hauptsache ist immer der Waschraumkartenschalterbeamte.
Die glücklichsten Leute sind die, die dergleichen ›durch ihr Büro‹ erledigen lassen – da schlagen sich dann Angestellte halbe Tage lang mit andern Angestellten herum, von denen jeder sehen will, wer den dickern Kopf hat, und den Zweck ihrer Arbeit haben sie alle zusammen vergessen.
Dieses den Beamten entlehnte Massentreiben hat fernerhin zur Folge, daß, was auch immer diese Gruppen in die Hand nehmen, plattester, übelster, schalster und banalster Durchschnitt wird. Wie das die Russen anstellen, die also offenbar eine andre Art von ›Kollektivität‹ haben müssen, weiß ich nicht –: was aber bei uns die ›Verbände‹ organisieren, sieht auch so aus: langweilig, immer halb, stets in der Mitte stehend, wo nach einem famosen Wort Franz Bleis gar nichts ist. Man sehe ihre Ausstellungen an, ihre Feiern, Kundgebungen, Zeitschriften, Denkschriften … abgestandne, flaue Sekretärsarbeit. Der Schaffende kommt nicht in den Funktionärshimmel, sondern sitzt im Fegefeuer der Isolierung.
Die Gruppen, die Beamten und die Kaufleute haben Glück. Die Justiz, wie immer etwa achtzig Jahre hinter ihrer Zeit her, ahnt noch nichts von diesen Gebilden, und so entwischen Täter, Mittäter, Helfer und Verantwortliche allemal als nicht vorhanden, wenn man sie je zur Rechenschaft ziehen wollte. Man will aber gar nicht. Denn in den deutschen Gehirnen sitzt der Aberglaube: Was überhaupt zur Kollektivität geronnen ist, das muß schon an und für sich gut sein. »Die Einbrecher«, stand zu lesen, »hatten einen richtigen Sekretär … «, und der Sekretär kriegte es ja an Anführungsstrichen nicht schlecht um die Ohren gehauen! Denn Sekretariat, Leitung, Direktion, Werkbüro und Registratur zeigen doch schon an, dass es sich hier um höhere sittliche Werte handelt … Es ist etwa so, als sei ein Schriftsteller darauf stolz, dass er seine Romane mit der Schreibmaschine schreibe, während sie ihm doch nur einen Federhalter ersetzt und es dem Leser herzlich gleichgültig sein kann, wie jener sein Werk zustandebringt, wenn es nur gut ist. Das sorgenvolle Gesicht der deutschen Aktenmappen-Menschen aber, die in den Wichtigkeitsstrudeln ihrer Geschäftigkeit ersaufen, zeigt an, wie ernst sie sich nehmen, wie gottgewollt, wie unfehlbar. Ihre Leistung steht durchaus nicht höher als die der andern Nationen, in denen Arbeit geleistet wird, die Deutschland nicht gepachtet hat. Das Land verwechselt nur Arbeit und Organisation und setzt sie gleich, während Organisieren noch lange keine Arbeit ist. Es ist ihr Präludium.
Die Beamtenpest vergiftet die Staaten, die ihren Hauptzweck immer mehr in ihrem eignen Mißbrauch erblicken. Sie schaffen Schwierigkeiten, die sie nachher vielleicht gnädig auflösen, und erreicht ist gar nichts. Man sehe sich eine beliebige Anzahl Menschen an – wie viele sind darunter, die etwas tun? bewirken? Neues in die Welt setzen? Wer produktiv ist, das steht dahin. Wer es aber nicht ist, das liegt klar zutage: eine Beamtenschaft in Staat und Gewerbe, deren einzige Existenzberechtigung darin liegt, dass sie daran glaubt, eine zu haben.

Unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel im Jahr 1928

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