Die ›Apachen‹

»Komm mit. Du kennst Paris nicht. Da laufen die Leute nackt herum.«
Fritz v. Unruh: ›Louis Ferdinand, Prinz von Preußen‹

»Überhaupt hat sich Paris viel verändert«, klagt einer am 1. Mai in einem Brief an den Vater. Einer war Mozart, der 1. Mai lag im Jahre 1778 und dieser Brief wird wahrscheinlich alle Jahre in Paris geschrieben. »Das hätten Sie früher sehen sollen … !« Wie immer, so ist auch jetzt richtig, zu sagen: Paris hat sich geändert. Die Apachen mit dem rotseidenen Foulard gibt es nicht mehr, die Räuberromantik von La Villette gibt es nicht mehr (wenngleich Montgeole noch immer schlimmstes Scheunenviertel ist); die Hallen sind nicht mehr der Bauch, sondern nur noch der Magen von Paris – und es ist überhaupt nicht angebracht, überall Spuren und Kennzeichen einer Romantik sehen zu wollen, die aus der Zeit stammt, da die Métro noch mit Pferden betrieben wurde. (Kleine Pause. Dann: »Verzeihen Sie … «) Na, gewiß doch. Ein Franzose hat einmal ein neues Interpunktionszeichen vorgeschlagen: den point d’ironie. Es gibt also auch keine Verbrecher mehr in Paris?
Natürlich gibt es sie. Aber wir sehen sie mit unsern Augen. Der schwarze Tod ist eine romantische Sache, solange man die Bakterien nicht gekannt hat, die ihn verursachten. Da unten wimmeln nicht die schlimmsten Verbrecher herum, nicht die Verdorbensten. Die Jämmerlichsten vielleicht, nicht die Bösesten. Wie sehen sie aus?
Auf der Place Maubert bei Guignard gibt es eine verlauste Kleiderbörse, die Häuser drum herum sind ganz manierlich, in der Kneipe hocken Männer und Frauen, Lumpenproletariat, bei dem man nie recht weiß, wo der Lumpenfetzen aufhört und der Mensch anfängt. Vielleicht sind es gestohlene Sachen, aber nicht einmal die Polizei mengt sich darein: es lohnt nicht. Es gibt drei Asyle für Obdachlose in der Stadt, die Quais hinter den äußeren Boulevards sind nachts nicht immer angenehm zu passieren, aber ein französisches Whitechapel gibt es nicht. Das hat sich früher einmal anders abgespielt.
Man kann heute noch auf der Place Denfert-Rochereau die Katakomben besichtigen (Eintritt ein Franc, romantische Kerze extra), aber dieser alte Steinbruch, in dessen Gängen jetzt die Knochen aus alten Kirchhöfen liegen, erstreckt sich weithin unter einem großen Teil von Paris – und in der rue de la Huchette, ganz in der Nähe von Notre-Dame, ist ein kleines, durchaus gewöhnliches Restaurant, das hat einen Keller. Unter diesem Flaschenkeller liegt ein anderer, und der hat eine Tür. Und von dieser Tür führte ein Gang bis zum Löwen von Belfort auf der Place Denfert-Rochereau, was immerhin eine halbe Stunde Untergrundbahnfahrt bedeutet. Da tagten politische geheime Gesellschaften, man sieht noch manche Abzeichen, eine Holztür, die angeblich von Revolverschüssen durchlöchert ist, steinerne Sitze und einen tiefen Brunnen … Die Gänge sind heute verbaut, aber diese Anlagen und einige noch erhaltene Gänge durch Häuser und Gäßchen und Höfe lassen erken n, dass Eugène Sue eine vorhandene Wahrheit meisterhaft umfrisiert hat, es war etwas vorhanden, für sechsunddreißig Bände war etwas vorhanden. Der Wirt schwört, den Keller keinem Menschen mehr zu zeigen. (»Denken Sie mal an! Grault er sich?« – Nein, aber sie haben ihm ein paar Flaschen Wein aus seinem Keller gestohlen.)
Nachts findest du, was du suchst, in den Bals Musette. Was das Dekor angeht, so ist einer wie alle: Vorn an der Theke im Vorraum der Wirt bei seinen Flaschen und Gläsern, hinten, meist durch runde Eisensäulen gestützt ein kleinerer oder größerer Raum, viele Spiegel mit bunten Glühlämpchen, oben auf einer Estrade die Jazzband des kleinen Mannes: Harmonika, Geige, Gitarre und – manchmal – ein komplettes Schlagzeug. Nach dem Tanz wird abkassiert.
Der Zuhälter produziert sich nicht. Er ist angezogen wie Sie und ich, die Besseren mit jener spezifischen Eleganz, die Sie kennen. Der Typ, der gefällt, ist nicht geleckt und gescheitelt – das Apachentänzerpaar, ohne das kein besseres Weinkabarett der deutschen Provinz mehr sein kann, würde nirgends größeres Aufsehen erregen als hier. Die Jungens haben oft krauses, hochstehendes Negerhaar, volle Lippen, gehen nicht über Mittelmaß … Viele tragen die große Mütze. Die Mädchen wie überall: immer die kleine freche Schwarze, die süße Blonde mit der schlanken Figur, die Extravagante, die Männliche … das wiederholt sich. Es wird hübsch getanzt, sehr leicht, fast überall sehr dezent. Getrunken wird im allgemeinen wenig: der Alkoholkonsum ist in jeder boîte auf dem Montmartre, wo die Étrangers-Fremden hochgenommen werden, bedeutend größer. Trotzdem repräsentieren diese kleinen Tanzlokale ganz erhebliche Werte: ihr Verkaufswert beziffert sich auf ein–, zweihunderttausend Francs und mehr, je nach der Lage. Das Geschäft geht fast überall flott, die Unkosten sind nicht übermäßig groß, es rentiert sich.
In manchen saß ein Schutzmann. Wird hier sonst gemordet? Der Wirt bestellt sich für zehn Francs, die in die Polizeikasse fließen, solche surveillance payée, der Agent sitzt ruhig in einer Ecke, und alle Welt weiß, hier wild nicht spektakelt. Aber das ist natürlich durchaus nicht in allen so. In vielen Gäßchen steht der Doppelposten. Sie gehen langsamen Schrittes an diesen kleinen Budiken vorbei oder radeln andante – auf die Wache.
Die Wache … Eine liegt einem Haus mit geschlossenen Fensterläden grade gegenüber. Der Kommissar ist gar nicht von Courteline, sondern ein netter, etwas martialisch aussehender Herr, trotzdem die pariser Polizei in dem Ruf steht, sehr energisch zugreifen zu können, wirkt der Zuschnitt nicht militärisch. Im Korridor steht ein Kasten für entlaufene Hunde, dahinter die Kästen für die Menschen. Die ›violons‹ sind kleine steinerne Zellen (mit Wasserspülung übrigens); die Zementwände voll von Inschriften. Womit schreibt man auf Zement? Mit dem Messer, mit einem Nagel, die Damen mit dem Schminkstift. »Pierette aime Roger p. l. v.« Pour la vie – mit dem Schminkstift. Und, natürlich, die klassische Beschimpfung der Beamten: »Mort aux vaches!« Das gehört dazu.
Straßauf, straßab. Das ist ein hôtel de nuit. Nein, es ist gar nicht pikant, es ist jämmerlich. Da liegt die Klasse Ia der misérables – Männer und Frauen, die zwei oder drei Francs für das Nachtquartier übrig haben: in dumpfen, säleartigen Zimmern liegen sie da in Betten und schnarchen in scheußlicher Luft. Strenges Reglement, Fremdenbuch, das Ganze zwischen unsauber und dreckig. Wüste, zerwühlte Köpfe sehen blöde aus bleiernem Schlummer. Auf Zehenspitzen wieder heraus. So ein Hotel ist jeden Abend stippevoll, eine Notwendigkeit, eine Goldgrube und ein Zeichen … Unmöglich, anders als mit unsern Augen zu sehen; unmöglich, diese Welt anders zu sehen als mit dem heißen Wunsch, dass es so etwas nicht mehr gebe; unmöglich, den Grund und die Basis dieser Zeichen nicht zu sehen, an ihnen vorbeizusehen, in die blaue Romantik hinein … unmöglich.
Kleine Cafés für diese oder jene Spezialität nächtlicher Profession – Absteigequartiere; in manchen Vierteln noch ältere Frauen, die auf und ab gehen (›ils s’expliquent‹ ist der Fachausdruck), ohne Hut, mit einem Schal, einem Regenschirm, durchaus noch von Steinlen. Aber sonst lebt in diesen kleinen Sträßchen, unter diesen glitschrigen Torbögen, an den finsteren Höfen, um diese trüben Laternen herum schon ein Geschlecht das die Fabrik in den Klauen hat, die Bodenverteilung der Stahl- und Kohlenherren … es ist unbarmherzig.
Vieles ist verschwunden, so der Kaufmann des Schlafes, der père Fradin, wo man im großen Saal sein Nachtquartier bekam auf einer Bank: vor der Bank war ein Strick gezogen, und da lagen sie mit den Ellbogen drauf und schnarchten. Morgens wurde der Strick losgehakt, und dann fielen alle herunter. Vorbei. (Oscar A. H. Schmitz hat diesem Fradin übrigens eine ausgezeichnete Schilderung gewidmet.) Es ist so vieles nicht mehr da – weil sich diese Kreise dezentralisiert haben – es gibt noch Pünktchen, aber keinen Brennpunkt mehr.
Lokale Helden sind noch da, Löwen des Quartiers, die ganz Großen scheinen im Augenblick keinen Vertreter hier zu haben. Battistin Travail, der König der Einbrecher, ist im Kriege gestorben; seine letzten Heldentaten waren merkwürdig genug; woran dies Manko der jungen Generation liegt, ist schwer zu sagen: vielleicht ist die französische Polizei zu gut, überwacht sie zu exakt, wer weiß.
Jetzt ist es Nacht, Paris ist still, die Boulevards sind leer, oben auf Montmartre, wo die Lokale ihre Pagen, ›chasseurs‹, haben – daher man denn die Parallele ›Jägerstraße‹ sich nicht ganz verkneifen kann – oben auf Montmartre spielt ein Kohorte Ausländer den andern Ausländern noch etwas pariser Nachtleben vor – die Bürger schlafen, weil sie morgen früh, sehr früh aufstehen werden.
Einmal habe ich Heinrich Zille gefragt: »Sehen Sie – da sind die neuen Tüchtigen, diese Abart vom ehrlichen Kaufmann, die großen Geldmenschen mit der neuen Gangart – – – Was sagt dazu Ihr Milijöh?« Er antwortete: »Nischt. Sie haben ihren Meister jefunden.«
Sie haben ihren Meister gefunden.
Ganz in der Nähe der Madeleine, da spielt ein Mann entzückend Klavier, ein Mischblut tobt diskret am Schlagzeug. Sehr junge Engländer, alte Amerikaner, Frauen, die keine Frauen, Männer, die keine Männer, die doppelt Mann, die alles sind, was man bezahlt. Es flirrt von Witz, Schmuck, Glanz, guten, sehr guten Parfums, halben Blicken und ganzen Gesten. Nichts Unpassendes ereignet sich. An den Wänden Plakate, hingehuschte Aquarelle, eine Fotografie: schlanke Beine auf einem Tisch, nichts als ein Paar Beine im dünnen Rahmen. Hier ist alles, alles, was Sie wollen: wirkliche Korruption, Dekadenz, lasterhaftes Getue, Getue und Laster, Bösartigkeit, das gesellschaftlich kaschierte Verbrechen, Schaukelmenschen, die Wedekind »Hopp-Hopp« genannt hat, Lumpen, gerissene Dummköpfe, wenig Bedenken, aber sehr viel Kokain.
Die ›Apachen‹? – Im Parterre? – Nein, bitte schön, wollen Sie sich weiter nach oben bemühen: im ersten Stock.

Unter dem Pseudonym Peter Panter im Jahr 1925

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