Der ungeschriebene Roman

Ich werde einen Roman schreiben; er wird im zweiten Empire spielen. Er soll ein Roman der Zeit werden – sie hat mich immer so gereizt, alle Modenbilder, deren ich habhaft werden konnte, habe ich angesehen, und ich beherrsche die Trachten schon ganz gut: die Herren mit hellbraunen Beinkleidern und dunklen, langen, schmalgeschnittenen Röcken, die Damen mit starren Seidenkleidern, die mit ungeheuren Rüschen verziert sind.
Aber einen fortlaufenden Inhalt mit Anfang und Schluß wird der Roman nicht haben: alles wird seinen Gang gehen, ganz unbekümmert um mich, der ich die Zufälle dieser Welt beobachte.
So muß es damals gewesen sein: in wundervoller Unbekümmertheit lebten sie dahin, Grisetten u. alte Herren, junge Modefexe und ehrwürdige Damen; sie schwatzten, soupierten, lachten, borgten, und all ihre Bewegungen, das Rauschen eines Kleides, das Klappern eines Fächers, eine weiße Hand liegt auf einem braunen Mahagonitisch – das sollte verloren sein? Sie waren begierig, die neueste Oper Offenbachs zu hören, Offenbach, der seine Zeit komponiert hat. Die göttliche Frechheit, die es verstand, durch die Musik Funken aus den Bürgern sprühen zu lassen … Das war kein Theater mehr, das alte Gebäude, in dessen Enge und Dumpfheit wir heute eintreten, das war ein Meer von Licht und einem gewissen schwankenden Taumel der Lustigkeit, Parfums und einem Odeur de femme.
Oben tanzen die Balletteusen – ein Herr in der Loge, die auf der Bühne liegt, lächelt – er wirft einer im Chor eine kleine rote Blume herunter, die niemand aufhebt. Die Hauptdarstellerin steht einmal mit zusammengepreßten Beinen und vorgebeugtem Oberkörper in der Mitte der Bühne, vor dem Souffleurkasten, singt ein freches Lied, das ganz Paris entzückt wiederholt …
Manches wird sich aber doch in dem Roman ereignen. Ich weiß z. B., dass ein Mord stattfindet, auf einem dunklen Korridor; einer wird ermordet – von wem? –, und auf seiner braunen Weste bildet sich schnell ein rostroter Blutfleck. Es wird sich an dieser Stelle darum handeln, den schreckhaften, furchtbaren Übergang vom Leben zum Tod klarzumachen, der uns gerade bei Unglücksfällen so ergreift: dieser z. B. hat eben noch bei zwei Frauen gegessen, er auf einem Stuhl, die Frauen auf dem rotbezogenen Sofa. Die jüngere von ihnen stickte kleine gelbe Vögel auf eine weiße Leinendecke. Er geht heraus, und nun auf einmal ist er nicht mehr! Und der unbekannte Täter! Da lief er entlang, hier muß er gestanden haben, er muß jetzt irgendwo sein, leben, atmen, sprechen. Wo – wissen wir nicht. Ich sah einmal im Museum eines Polizeipräsidiums eine alte, losgeschraubte Türklinke, die ein Mörder nach der Tat mit blutigen Händen niedergedrückt hatte; er öffnete die Tür, floh – man hat ihn nie fassen können. Und wir sahen damals alle neugierig auf die sorgfältig auf Pappe gebundene Klinke – sie wirkte wie eine amputierte Hand –, und während wir hier standen, lief der Mörder herum, existierte, schlug vielleicht gerade ein Frauenzimmer.
Und dann weiß ich noch, dass am Anfang des Buches die Heldin, jung, ganz jung, mit ihrem Kinde nach Paris fährt. – Man hat sie in der kleinen Provinzstadt verführt, sie bekam ihr Kind, die Eltern wiesen sie aus dem Haus – und nun fährt sie nach Paris. In ihrem kleinen Heimatort ist sie unmöglich geworden, aber dort in der großen, sagenhaften Stadt wird sie ihr Geld verdienen. Paris, das ist keine Stadt, das ist ein Traum. – Sie fährt schon neun Stunden in dem niedrigen Wagen der Eisenbahn, in dem es drückend heiß ist, die anderen Fahrgäste lachen und essen und spucken. Aber sie sitzt in einer Ecke, ihr Kind an der Brust. Merkwürdig – damals, als ihr ihr François oder Gustave zum ersten Mal das Mieder aufhakte, um sie auf die Brust zu küssen, hätte sie sehr geweint, wenn jemand anderer als er diese Brust gesehen hätte – hier aber gibt sie ihrer Kleinen zu trinken, vor allen Leuten – das Kind hat Durst.
Durch das halboffene Fenster dämmert ein dunkelbrauner Himmel mit matten, milchig weißen Sternen, und eine qualmige Lampe blakt im Innern des Wagens.
Vielleicht wird jemand kommen und sagen, ich solle erst schreiben und dann bramarbasieren. Aber die Vorfreude ist doch so groß. Ich werde in dem großen Saal der Bibliothek sitzen und eifrig alle Werke lesen: Dokumente der Zeit und alte Bücher; ich muß Notizen machen und Auszüge, damit ich nachher mit einer gewissen Selbstverständlichkeit schreiben kann: »Mein lieber Henri«, sagte die Pailard spitzig, »ich speise heute abend bei Veseurs.« Dies ist ein kleines, sehr exquisites Restaurant gewesen; es waren nur zwei Zimmer, man trank Champagner. – Als ich das in den Büchern las, war es tot und langweilig, aber ich habe mir aus den Bildern und aus den Büchern mein Paris des zweiten Kaiserreichs errichtet.
Es ist ein böses Zeichen unserer Zeit, dass junge Leute, statt jahrelang gewissenhafte Philologenarbeit zu tun, sich darüber ergehen, was sie schreiben wollen. Sie schreiben es nicht einmal; es ist betrüblich, welch Niedergang in geistigen Dingen von Älteren, Zuschauenden zu verzeichnen ist. Was mich anbetrifft, so bin ich sehr froh, mit meinem Verleger in einem kleinen Zimmer darüber zu disputieren, ob mein Buch Illustrationen haben wird oder nicht, über den Preis und ob es einen grünen oder einen schwarzen Ledereinband hat.

Im Jahr 1912