Der Pont de l’Alma fliegt in die Luft!

Für Rudolf Leonhard

Am achten Juni, morgens genau um neun Uhr zwanzig, flog in Paris die ›Pont de l’Alma‹ benannte Seine-Brücke mit ungeheuerm Getöse in die Luft und kam schon nach kurzer Zeit ratenweise wieder herunter. Die Panik, die in der Stadt ausbrach, war unbeschreiblich und verdient daher eine kurze Beschreibung.
Der rasch herbeigerufene Sanitätsdienst konnte nur noch den soeben eingetretenen Polizeipräfekten feststellen, der die Geistesgegenwart hatte, den Präsidenten der Republik telefonisch zu verhindern, seinen lächelnden Zylinder über den Steintrümmern zu lüften. Bei dieser Gelegenheit hat der Präfekt beschlossen, in Paris das Telefon einzuführen.
Entsetzt stürzten die Einwohner der umliegenden Straßen aus ihren Häusern; zahlreiche Passanten, unter denen auch einige Franzosen bemerkt wurden, liefen erschreckt auseinander und stießen in ihren respektiven Sprachen irre Rufe aus, unter denen am lautesten der offenbar landfremde Satz: »Dazu fahr ich nach Paris –!« deutlich zu vernehmen war.
Da man die Brücke wegen Reparaturarbeiten gesperrt hatte, waren Opfer nicht zu beklagen; nur ein schwerer Pflasterstein flog einem just vorübergehenden adligen Diplomaten an den Kopf, so dass derselbe eine mittlere Gehirnerschütterung davontrug, eine Beeinträchtigung seiner geistigen Fähigkeiten also nicht eingetreten ist.
Der Knall der Explosion war weithin zu spüren: so fiel der bekannte Normanne S. Grumbach aus seinem Bett, rief: »Die Kommunisten sind da –!« und begab sich dann wieder ins Bett zurück, wo er, wie aus seinen Artikeln ersichtlich, noch heute schlummert.
Von allen Seiten liefen die kleinen, flinken Automobile der Stätte des Unglücks zu: es waren die Reporter, die aus der ganzen Stadt an den Ort der Katastrophe hetzten. Den Rekord schlugen die Amerikaner: die Nachricht von der Explosion traf in New York eine Minute vor der Explosion ein. Die französischen Zeitungen brachten am nächsten Tage sämtlich das Bild des Attentäters, und zwar jede Zeitung ein andres, alle zeigten einen düstern Mann ohne Kragen; das Dementi stand vierundzwanzig Stunden später auf der dritten Seite, Petit, ohne Durchschuß.
Die deutschen Journalisten eilten gleichfalls herbei und konnten vor Erregung kaum die Füllfederhalter aufs Papier bringen – so mußten sie sich übereinander ärgern. Eifrig disputierend und sich gegenseitig stufenweise verachtend, zogen sie auf die Deutsche Botschaft, deren sämtliche Fenster durch die Lufterschütterung gesprungen waren. Der Botschafter, eine hohe, markige Gestalt, trat ihnen auf den Glassplittern gefaßt entgegen und sagte auf ihre Fragen: »Meine Herren! Es ist mir bisher offiziell nicht bekannt, dass in Paris eine Brücke in die Luft geflogen ist, und ich glaube es auch nicht. Es wäre vielleicht gut, wenn die Herren im Augenblick nichts über Brückeneinstürze schreiben wollten; ich halte aus taktischen Gründen die Zeit noch nicht für gekommen, derartig delikate Dinge öffentlich zu behandeln.« Hierauf fiel aus dem zweiten Stock ein Fenster in den Hof, der Botschafter lächelte fein, aber diplomatisch, und die Presse, deren Respekt vor der höhern Diplomatie infolge der großen Hitze in Selbstachtung überging, zog sich befriedigt zurück.
Unsere Modenberichterstatterin, Frau Kasimira von Flechthaar, hatte – Snoblesse oblige – Gelegenheit, dem Brückeneinsturz beizuwohnen. Bei Brückeneinstürzen bevorzugt die Pariserin zartgrüne Complets, an den Rändern ausgefranst, mit hinten leicht geschwungenem, ärmellosen Rock; dazu einen Plauschmantel aus Krepp-Satin mit gepunktetem Umhang. Zu den feinen Pastelltönen wird in der Agraffe gern ein winziges Stückchen Dynamit getragen. Als modisches Kuriosum mag angemerkt werden, dass der Strumpf der zufällig anwesenden Frau Kommerzienrat Dr. rebb. hon. caus. Margot Gurgelheimer unbeschädigt blieb; das Gewebe war aus Lemberg-Seide.
Inzwischen hatte die Nachricht von der Brückenkatastrophe die Telefondrähte, die die Völker trennen, durchlaufen und war in die berliner, kölner und frankfurter Redaktionen gelangt. Im ›Berliner Lokalanzeiger‹ löste das Telefonat heftige Diskussionen aus. Ganze Straßenzüge weit konnten die erstaunten Passanten eine Stimme, die des Generaldirektors Klitzsch, hören, der bei offenen Fenstern schrie: »Eisenbahnunfälle und ähnliches wird nur gebracht, wenn die Versicherungsgesellschaften inserieren! Merken Sie sich das: wir haben hier die Unabhängigkeit des Inseratenteils!« Man hörte noch eine antwortende Stimme: »Echt jüdisch!«, hierauf das Geräusch einer Ohrfeige, und darauf wurden die Fenster und die Redaktionskonferenz geschlossen. Wie wir hören, wird im Hause Hugenberg die Stellung des Renommierchristen neu besetzt werden.
Leider hat das Bekanntwerden der Nachricht in Berlin zu einem bedauerlichen politischen Zwischenfall geführt, der in diplomatischen Kreisen und solchen, die es gern sein möchten, eifrig diskutiert wird. Der Pressereferent der Nachrichtenstelle der hamburgischen Gesandtschaft in Berlin hat die pariser Nachricht durch die Pressestelle der Reichskanzlei eine Minute früher bekommen als der Abteilungsleiter der Nachrichtenabteilung bei der Königlichen Bayerischen Gesandtschaft. Bayern droht nun Hamburg mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Wasser und zu Lande, und es wird schon erwogen, wer denn das Zechlin bezahlen muß. Die Stellung des demokratischen Parteivorsitzenden in Lippe-Detmold gilt infolge der in Schaumburg-Lippe dieserhalb ausgebrochenen Krise für erschüttert. Der Verband entschieden republikanischer Beschneidungsbeamter hat daraufhin seinen Vorstand zu einer Audienz beim Herrn Reichspräsidenten delegiert, sine sine.
Mit Recht aber hat ein großer Zeitungsverlag die Frage des Tages aufgeworfen:
»Und Berlin –?«
Wir stehen in der Tat vor der Hochflut der berliner Fremdensaison – sprich: »Ssssiesn« –, und es ist bekannt, dass die Amerikaner Deutschland nur deshalb besuchen, um hier genau das zu finden, was sie in Frankreich haben. Was uns not tut, ist der pulsende Rhythmus der modernen Zeit sowie ein tobendes, aber geregeltes Großstadtleben. Um diesem Bedürfnis abzuhelfen, steht Oberbürgermeister Dr. Boess bereits
in Verbindung mit der Staatsregierung, um durch ein Pionierbataillon die Weidendammer Brücke in die Luft sprengen zu lassen. Auch dies wird zum Wiederaufbau Deutschlands beitragen. Zu der Brückensprengung wird der tausend Mann starke Kittelsche Lehrer- und Männer-Gesangverein die Chorstücke: ›Ich bin allein auf weiter Flur‹ sowie ›Doktor Zion, freue dich!‹ zum Vortrag bringen. Die Spitzen der Reichs–, Staats–, Länder- und Kommunal-Behörden werden, pro Behörde eine Spitze, vertreten sein; auch die nichtbeamtete Bevölkerung ist gleichfalls in beschränktem Umfange zugelassen. Als Tag der Brückensprengung, die genau nach pariser Muster ausgeführt wird, ist der elfte August in Aussicht genommen; die Republik hofft, auf diese Weise die allgemeine Aufmerksamkeit auf das Bestehen einer Verfassung hinzulenken.
In Paris sind die Aufräumungsarbeiten in vollem Gange. Unter den Trümmern hat sich ein Buch mit dem Titel ›Till Eulenspiegel‹ angefunden; doch wird das Werk mit der Explosion nicht in Verbindung gebracht, da es unmöglich eine zündende Wirkung gehabt haben kann. Daß der Graf Keyserling einen Knall hat vernehmen können, entspricht den Tatsachen. Die Fülle der Beileidstelegramme, die in Paris stündlich einlaufen, ist groß: Mussolini, Ford, Edison; alte Brückenbauer wie Otto Wels und Hermann Müller haben gratuliert; Ich und die Kaiserin sind auch dabei.
Nach Lektüre aller Leitartikel aber zeigt uns dieser Vorgang aufs neue:
die Vergänglichkeit der irdischen Werke;
die Größe Deutschlands;
die Wahrheit des christlichen Gedankens;
die Notwendigkeit der Beibehaltung der Simultan-Schule;
die Notwendigkeit der Abschaffung der Simultan-Schule;
die Schurkerei des Bolschewismus sowie die Dringlichkeit des Baus einer neuen Eisenbahnbrücke im Kreise Oldenburg-Nord
(Nichtgewünschtes bitte zu durchstreichen!)
P. S. Wie wir soeben von unserm Spezialkorrespondenten erfahren, handelt es sich nicht um den Pont de l’Alma, sondern um die Tower Bridge; auch ist diese Brücke nicht in die Luft geflogen, sondern sie wird frisch gestrichen. Eine Änderung unsres grundsätzlichen Standpunktes kann dies natürlich nicht herbeiführen.
Ereignisse haben manchmal unrecht – die Zeitung hat es nie.

Unter dem Pseudonym Peter Panter im Jahr 1928

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