Der Parademarsch im Kino

Man war sich eigentlich nie so ganz klar, was es zu bedeuten hatte, wenn preußische Grenadiere die Beine starr in die Luft warfen, dass es den Anschein hatte, als würden sie sie nie wieder herunterbekommen … Man wußte nicht so recht – und dachte an Massenwahn und dergleichen. Jetzt ists heraus. Für den Film war das, für den Kino und für Zentralasien. Die Sache verhält sich nach der Köln. Zeitung so:
In einer Stadt Zentralasiens hatten die Europäer die Freude, den »Parademarsch des 81. Infanterieregiments« auf dem Film eines Kinos, dens da auch gibt, zu sehen. »Schon fliegen die Beine, dass ein echtes Soldatenherz vor Freude hüpfen müßte, die weißen Hosen flattern wie Fahnentücher, ein General mit wallendem Federbusch hebt wie ein Automat die Hand unausgesetzt zum Gruße auf und ab.« Worauf die Muselmänner wie verrückt: »Noch mal!! Noch mal!!« brüllen – und richtig: die Paradebeine fliegen dreimal hintereinander hoch und wieder zurück. Und nun der Berichterstatter: »Der preußische Parademarsch war der Glanzpunkt des Abends, das mögen sich seine Feinde in Deutschland gefälligst merken.«
Aber gewiß merken wirs uns. Das haben wir allerdings nicht geahnt. »Der Glanzpunkt des Abends« … da kann man nichts machen. Wir dachten nun immer, der Parademarsch sei ein Symbol der preußischen Militärerziehung: dumm, zwecklos und unpraktisch – aber immerhin ein Symbol. Jetzt kommt heraus, dass er der Glanzpunkt von Abenden zu sein hat, dass deswegen deutsche junge Leute aus Mangel an anderer Beschäftigung auf den Boden stampfen müssen, damit sich die Muselmänner in den Kintöppen amüsieren. Haben sie sich vielleicht über (über!) den Parademarsch amüsiert? Mag sein – aber vielleicht schießt der Berichterstatter einmal vor den fremden Völkern Kobolz –, dann wird nämlich das der Glanzpunkt des Abends und zugleich ein Abbild deutscher Kultur.

Im Jahr 1913

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